KarlEduard Haas

Reformierte Theologie in Erlangen Neu herausgegeben, bearbeitet und ergänzt von Matthias Freudenberg

© Verlag Peter Athmann Nürnberg 2000

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Haas/Freudenberg: Reformierte Theologie in Erlangen

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Inhaltsverzeichnis Vorwort des Herausgebers lesen

1. Die Vorgeschichte des Lehrstuhls für Reformierte Theologie lesen

1.1. Einleitung lesen

1.2. Johann Christian Gottlob Ludwig Krafft (1818-1845) lesen lesen

1.3. Isaak Rust (1830-1833) lesen lesen

1.4. Die Kämpfe um den Lehrstuhl für Reformierte Theologie und seine Gründung

(1845-1847) lesen lesen

2. Die Geschichte des Lehrstuhls für Reformierte Theologie seit 1847 lesen

3. Die Professoren am Lehrstuhl für Reformierte Theologie lesen

3.1. Johann Heinrich August Ebrard (1847-1853) lesen lesen

3.2. Johann Jakob Herzog (1854-1877) lesen lesen

3.3. Anton Emil Friedrich Sieffert (1878-1889) lesen lesen

3.4. Johann Martin Usteri (1889-1890) lesen lesen

3.5. Ernst Friedrich Karl Müller (1892-1935) lesen lesen

3.6. Paul Sprenger (1935-1945) lesen lesen

3.7. Jan Remmers Weerda (1949-1963) lesen lesen

3.8. Joachim Berthold Staedtke (1965-1979) lesen lesen

3.9. Alasdair Iain Campbell Heron (seit 1981) lesen

4. Alasdair Heron:Der Lehrstuhl für Reformierte Theologie im Kontext der

Evangelisch-reformierten Kirche in Bayern lesen

4.1. Das Profil der Evangelisch-reformierten Kirche in Bayern lesen

4.2. Zur Geschichte der Evangelisch-reformierten Kirche in Bayern lesen

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4.3. Die Synode der Evangelisch-reformierten Kirche in Bayern lesen

4.4. Zur Entwicklung der Evangelisch-reformierten Kirche in Bayern im 20. Jahrhundert lesen

5. Matthias Freudenberg:Der Lehrstuhl für Reformierte Theologie um die

Jahrtausendwende lesen

6. Anhang lesen

6.1. Erlaß des Königs Ludwig I. von Bayern vom 14. Juli 1847 lesen

6.2. Ernst Friedrich Karl Müller:Lebenslauf im Goldenen Buch der Universität (1903) lesen

6.3. Joachim Staedtke:Rede anläßlich der Eingliederung des Lehrstuhls für Reformierte

Theologie in die Fakultät am 16. Januar 1970 lesen

6.4. Matthias Freudenberg:Katholischer König und reformierter Lehrstuhl.

Vor 150 Jahren Gründung des Lehrstuhls für Reformierte Theologie in Erlangen lesen

6.5. Matthias Freudenberg:Bibliographie zur Geschichte des Lehrstuhls und zu seinen

Inhabern lesen

6.6. Matthias Freudenberg:Biographisches Nachwort zu Karl Eduard Haas (1913-1991) lesen lesen

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Haas/Freudenberg: Reformierte Theologie in Erlangen

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Vorwort des Herausgebers Reformierte Theologie an der Universität Erlangen zu lehren, ist ein Unternehmen, das sich keineswegs von selbst versteht. Es bedurfte an der gemäß den Gründungsstatuten konfessionell lutherischen Fakultät erheblicher Anstrengungen seitens der Reformierten, um über 100 Jahre nach Gründung der Universität (1743) im Jahr 1847 einen ordentlichen Lehrstuhl für Reformierte Theologie zu etablieren. Freilich verblieb dieser Lehrstuhl bis 1970 außerhalb der Theologischen Fakultät und war als Sonderlehrstuhl dem Universitätsrektor direkt unterstellt. Immerhin wurde durch diese universitäts- und kirchenrechtlich bemerkenswerte Konstruktion gewährleistet, daß bereits im 19. Jahrhundert reformierte Theologen innerhalb Deutschlands in ihrer Konfession ausgebildet werden konnten. So ist der Erlanger Lehrstuhl für Reformierte Theologie der Vorreiter für die weiteren reformierten Lehrstühle in Göttingen (Gründung 1921) und Münster (Gründung 1925) gewesen.

Es ist dem früheren Erlanger Pfarrer und bedeutenden Chronisten der Ev.-ref. Kirche in Bayern Karl Eduard Haas zu verdanken, die Geschichte des Erlanger Lehrstuhls für Reformierte Theologie im Zusammenhang dargestellt zu haben. Zwei Auflagen (1961 und erweitert 1987) mit dem Titel "Der Lehrstuhl für reformierte Theologie zu Erlangen" konnte er zu Lebzeiten als Privatdruck herstellen lassen. Um der Bedeutung dieses sowohl durch seine Geschichte als auch durch das Renommee seiner Inhaber illustren Lehrstuhls willen schien es angebracht, die inzwischen vergriffenen und im Druckbild unzulänglichen Hefte durch eine überarbeitete und ergänzte Fassung im Buchformat zu ersetzen. Diese Überlegung verbindet sich mit einem seit mehreren Jahren erfreulicherweise zu verzeichnenden Neuaufbruch in der Erforschung der Geschichte des reformierten Protestantismus im deutschsprachigen Raum, in die sich der hier vorgelegte Band einreihen möchte.

Mit Zustimmung von Frau Gisela Haas, der Ehefrau von Karl Eduard Haas, sind behutsame stilistische Änderungen, kleinere Ergänzungen, die Korrektur offensichtlicher Irrtümer und - wo es sinnvoll erschien - der Beleg von Quellen in den Anmerkungen vorgenommen worden. Der individuelle sprachliche Duktus von Haas' Manuskript ist indes um der Authentizität seines Werkes willen nicht grundlegend verändert worden. Um dem Interesse an der neueren Entwicklung des Lehrstuhls und seiner Verbindung mit der Ev.-ref. Kirche in Bayern Rechnung zu tragen, sind folgende Abschnitte angefügt worden: ein Kapitel "Der Lehrstuhl für Reformierte Theologie im Kontext der Ev.-ref. Kirche in Bayern" von Alasdair Heron sowie vom Herausgeber einige Hinweise zur gegenwärtigen Situation des Lehrstuhls, ein Anhang mit Dokumenten, eine Bibliographie und ein biographisches Nachwort zu Karl Eduard Haas. Fotographien u.a. aus dem Besitz des Lehrstuhls und der Ev.-ref. Gemeinde Erlangen ergänzen den Band.

Allen voran danke ich Frau Gisela Haas für das freundliche Einverständnis, das Werk ihres vor 10 Jahren verstorbenen Ehemannes 40 Jahre nach seiner Erstveröffentlichung neu herauszugeben. Die Synode der Ev.-ref. Kirche in Bayern hat sich bereiterklärt, die Neuedition mit einem Druckkostenzuschuß zu fördern. Für die Vermittlung dieses Zuschusses danke ich Präses Hartmut

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Wenzel. Ferner danke ich Doris Thal für die Durchsicht der Druckvorlage. Ich freue mich, daß sich der

Nürnberger Verlag Peter Athmann bereitfand, das Werk in sein Verlagsprogramm aufzunehmen, die Druckvorlage zu erstellen und den Druck vornehmen zu lassen.

Erlangen, im Herbst 2000 Matthias Freudenberg

1. Kapitel Die Vorgeschichte des Lehrstuhls für Reformierte Theologie

1.1. Einleitung Nicht immer gab es an der Erlanger Universität einen reformierten Theologieprofessor. Die 1743 gegründete Hochschule besaß eine Theologische Fakultät mit anfangs drei Lehrstühlen. Diese war aber verfassungsmäßig lutherischen Bekenntnisses und sollte der Heranbildung der Pfarrer im Fürstentum Bayreuth, später auch Ansbach, dienen. Die wenigen reformierten Gemeinden in den markgräflichen Landen, die zum größten Teil französisch-reformiert waren, konnten im 18. Jahrhundert nicht mit einer besonderen Berücksichtigung ihres Konfessionsstandes an der Theologischen Fakultät rechnen. Sie waren genötigt, sich ihre Pfarrer aus den westdeutschen Ländern oder der Schweiz zu besorgen. Unter den reformierten Pfarrern, die Erlangen im 18. Jahrhundert hatte, waren Männer, die wissenschaftlich auf der Höhe ihrer Zeit standen, der Zeit der Aufklärung und des Rationalismus. Dozieren aber durften sie nicht. Allerdings haben sie mehrmals als Prüfungskommission fungiert und jungen Kandidaten das Pfarramts-Examen abgenommen. Schon die ersten Pfarrer der beiden reformierten Gemeinden waren sehr gelehrte Männer. So brachte der Hugenottenpfarrer St. Esprit Tholozan (um 1642-1700) von der Heimat den Titel "Professor" mit. Und der erste deutsch-reformierte Pfarrer Jakob Daniel Humbert war Gymnasialdirektor in Heidelberg.

Mit der Übernahme der fränkischen Lande durch das neue Königreich Bayern 1806 bzw. 1810 entstand eine völlig neue Situation. Einmal war der bis dahin fast ganz katholische Staat Bayern genötigt, auch für die geistliche Betreuung der evangelischen Landeskirchen, die er bekommen hatte, zu sorgen. Zum anderen war zum rechtsrheinischen Bayern auch die Rheinpfalz dazugekommen, in der es von der bisherigen Kurpfalz her neben Lutheranern eine namhafte reformierte Kirche gab. Diese hatte ihre Universität in der einstigen pfälzischen Residenz Heidelberg verloren, da die rechtsrheinische Pfalz zum Großherzogtum Baden geschlagen worden war. Für den reformierten Pfarrernachwuchs der Pfalz hatte nun die königliche Regierung in München zu sorgen. Es kam hierfür nur die einzige evangelische Landesuniversität in Erlangen in Frage. Die königliche Regierung kam den Wünschen der Pfalz mit einem Beschluß vom 3. Juli 1816 nach, demzufolge ein durch das Aufrücken des lutherischen Professors Gottlieb Philipp Christian Kaiser in eine ordentliche Professur frei gewordener außerordentlicher Lehrstuhl mit einem Lehrer der reformierten Kirche besetzt werden sollte. Dieser sollte die Pflicht haben, Dogmatik und Pastoralwissenschaft abwechselnd mit Homiletik, Pädagogik und Katechetik zu lehren und praktische Übungen in diesen Fächern zu veranstalten. Dieser Beschluß scheint sich mit dem Wunsch der deutsch-reformierten Gemeinde in Erlangen getroffen zu haben, für ihren Pfarrer Johann Philipp Karbach, den Schwiegersohn des Hofrats und Professors der Medizin Friedrich Heinrich Loschge, eine Gehaltsaufbesserung dadurch zu erreichen, daß ihm eine außerordentliche Professur zugleich übertragen würde. Die Sache hatte sich aber zu lange hingezogen. Karbach, Rationalist und außerordentlich beliebter

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Prediger,den der Jurist Christian Friedrich von Glück als einen für Erlangen ganz unentbehrlichen Mann

bezeichnete, hatte bereits einem Ruf an die reformierte Gemeinde Mannheim Folge geleistet, als die Berufung zum außerordentlichen Professor kam, und wollte nicht mehr zurück.

Der Beschluß von 1816, den vakanten außerordentlichen Lehrstuhl mit einem reformierten Theologen zu besetzen, konnte erst verwirklicht werden, als sich der Nachfolger Karbachs im deutsch-reformierten Pfarramt Pfarramt Johann Christian Gottlob Ludwig Krafft als geeignet erwies. So erhielt Krafft am 6. Dezember 1818 die Berufung auf den außerordentlichen Lehrstuhl der Theologie und wurde damit Erlangens erster reformierter Theologieprofessor. Freilich war der Lehrstuhl, den er bis zu seinem Tode 1845 einnahm, kein ausgesprochen reformierter, sondern der außerordentliche, der zur lutherischen Fakultät zählte, jedoch außerhalb der Fakultät damals stand. Darum gehört Krafft strenggenommen nicht in die Reihe der Inhaber des erst nach seinem Tode 1847 gegründeten reformierten Lehrstuhls, sondern in dessen Vorgeschichte. Aber als Vorläufer der späteren reformierten Professoren und überhaupt als erster reformierter Theologieprofessor in Erlangen kann Krafft bei der Betrachtung der Geschichte des reformierten Lehrstuhls nicht übergangen werden, zumal die Ära Krafft für Erlangen von großer Bedeutung geworden ist. Es war schon etwas Großes für die Reformierten, daß es endlich einen reformierten Theologieprofessor gab, wiewohl es als ein Kuriosum gewertet werden muß, daß Kraffts Ernennung ausgerechnet in demselben Jahr 1818 erfolgte, in dem in der pfälzischen Kirche, für die doch die reformierte Professur gedacht war, die Union eingeführt worden war.

Reformierte Theologie wurde in Erlangen schon fast 30 Jahre vor der Gründung des reformierten Lehrstuhls gelehrt. Hier muß auch des für wenige Jahre von 1830 bis 1833 neben Krafft wirkenden Isaak Rust gedacht werden. Dieser zählt zwar nicht direkt zu der Linie, die von Krafft zu Ebrard und damit zum reformierten Lehrstuhl führt. Aber als reformierter Theologieprofessor, der einen lutherischen Lehrstuhl einnahm, muß er hier auch Berücksichtigung finden, zumal nach seinem Weggang sogar erwogen wurde, seine Professur zu einem ständigen französisch-reformierten Lehrstuhl zu erheben, woraus freilich nichts wurde.

1.2. Johann Christian Gottlob Ludwig Krafft (1818-1845)

Johann Christian Gottlob Ludwig Krafft wurde am 12. Dezember 1784 in Duisburg geboren. Sein Vater war Elias Christoph Krafft, Prediger in Duisburg, ein Sohn des in Marburg verstorbenen Professors der Theologie Johann Wilhelm Krafft. Seine Mutter Johanna Ulrike war die Tochter des Professors der Medizin und praktischen Arztes Johann Gottlob Leidenfrost in Duisburg. Schon 1798 verlor er seinen Vater, und es kam bei den schweren Kriegszeiten viel Not über das Haus. Von Hause aus im pietistischen Geist aufgewachsen, lernte der junge Krafft an der reformierten Hochschule in Duisburg, an der er Theologie studierte, den Geist des Rationalismus kennen. Wenn auch diese Richtung seinen scharf denkenden Geist mit Vorurteilen gegen Gottes Wort und Offenbarung erfüllte, so ließ doch das Beispiel vom rheinischen Pietismus geprägter Menschen ihn nie dazu kommen, in den Gedankengängen des Vernunftglaubens zu verharren. Noch zwischen Rationalismus und Orthodoxie schwankend legte er 1806 sein 1. Examen ab, ging dann nach Frankfurt am Main, wo er von 1806 bis 1808 lebte. Er erhielt 1808 eine Pfarrstelle in der kleinen reformierten Diasporagemeinde Weeze bei Kleve, wo er 1811 Katharine Wilhelmine Neumann, die Tochter des Konsistorialpräsidenten Peter Neumann, heiratete. In den ersten Jahren hatte er noch hinsichtlich der großen Tatsachen des Evangeliums mit Zweifeln zu kämpfen, die die rechte Freudigkeit

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zuseinem Predigerberuf nicht aufkommen lassen wollten. Seinem fleißigen Bibelstudium ist es aber zu

verdanken, daß es ihm immer mehr wie Schuppen von den Augen fiel.

Als die deutsch-reformierte Pfarrstelle in Erlangen nach dem Weggang Karbachs verwaist war, empfahl der reformierte Pfarrer Spieß in Frankfurt dem Erlanger Presbyterium den Pfarrer Krafft als einen "Mann von sehr wissenschaftlichem Geiste, vielen, auch gelegentlich gelehrten Kenntnissen und unablässigem Forschungstrieb, zugleich ein guter Prediger, dessen Charakter und Wandel vortrefflich genannt werden muß". Auf die Wahl der Gemeinde und die Bestätigung durch das königliche Generalkreiskommissariat hin kam Krafft im Sommer 1817 nach Erlangen als deutsch-reformierter Pfarrer Pfarrer und bezog das alte Pfarrhaus in der Spitalstraße 11 (jetzt Goethestraße 46, mit Gedenktafel), das ihn bis zu seinem Lebensende beherbergte. In Erlangen wurde er zu seinem Befremden gleich mit den Praktiken der königlich-protestantischen Staatskirche konfrontiert, der die reformierten Gemeinden im neuen Königreich Bayern gegen ihren Willen einverleibt wurden und diese so ihrer kirchlichen Eigenständigkeit beraubt waren. Sein reformiertes Bewußtsein ließ durchs Presbyterium einen allerdings unwirksamen Einspruch gegen seine Installation durch den lutherischen Dekan erheben. Weltlicherseits verpflichtete ihn der Polizeidirektor von Ausin, der selbst reformiertes Gemeindeglied war. Krafft, der in den folgenden Jahren in seiner Gemeinde für das Wiedergewinnen des durch den Rationalismus verlorengegangenen reformierten Bewußtseins zu kämpfen hatte, war bestrebt, die Freiheit der Gemeinde von allem staatlichen und kirchenbehördlichen Zwang wieder zu erreichen. Er setzte sich gegen Übergriffe des neuen Kirchenregimes energisch und nicht ohne Erfolg zur Wehr, wie er 1818 dem lutherischen Dekan Friedrich Wilhelm Philipp von Ammon schrieb: "Solches läßt sich meine Gemeinde nicht bieten." Dieser Dekan stellte sich als eingefleischter Rationalist mit vielen Feindseligkeiten gegen Krafft.

Krafft machte selbst noch eine Entwicklung durch. Zur Zeit seines Amtsantritts hatte er den Stand eines bibelgläubigen Supranaturalismus errungen und freute sich, in der Universitätsstadt bessere Gelegenheit zu bekommen, seine schon begonnene Dogmatik, eine Arbeit, die er als seine Lebensaufgabe ansah, zu schreiben. Die letzte Entwicklung, die Krisis seiner "Bekehrung" zu einem erweckten, gläubigen Christen, datiert er selbst auf das Frühjahr 1821. Von da an war er nach seinen eigenen Worten ein wirklich bekehrter Christ. Von ihm sollte eine große geistliche Bewegung ausgehen.

Man hat in Erlangen offenbar schnell Kraffts geistige Fähigkeiten und theologisches Wissen erkannt. Damit hängt wohl seine Ehrenpromotion am 31. Oktober 1817 zusammen. Auf Verlangen reichte er eine Dissertation ein überDe servo et libero arbitrio in doctrina christiana de gratia et operationibus gratiae accuratius definiendo(1818), also über das Hauptthema der Reformation. Die Dissertation fand bei der Theologischen Fakultät gute Aufnahme. Der akademische Senat gab ihr anheim, Krafft zum außerordentlichen Professor vorzuschlagen. Die Fakultät zögerte nicht damit, zumal sie den Wünschen des Oberkonsistoriums entgegenkommen wollte. In der Anmerkung zu diesem Posten befindet sich folgende Begründung: Ernannt zum Lehrer der reformierten Theologie war der vor zwei Jahren nach Mannheim abgegangene reformierte Pfarrer Karbach, dessen Stelle der Pfarrer Krafft erhalten hat, "welcher durch wissenschaftliche Bildung und besondere Neigung in noch viel vollkommenerem Grade zum akademischen Lehrer geeignet ist. Wir bitten daher, den Pfarrer Dr. J. Chr. G.L. Krafft zum a.o. [sc. außerordentlichen] Professor der Theologie mit demselben Auftrage allergnädigst zu ernennen und ihm auf dieselbe Weise, wie es für Karbach beschlossen war, ein Gehalt von 400 fl dergestalt zu bewilligen, daß derselbe 200 fl aus der Universitätskasse und 200 fl aus der allgemeinen Unterstützungsanstalt für Protestantische Geistliche vom 1. Oktober 1818 an beziehe." Die Ernennung zum außerordentlichen Professor erfolgte dann am 6. Dezember 1818. Ein eigentliches Reskript hierüber erfolgte nicht. Dieser Mangel wurde erst 1834 entdeckt, als das Ministerium vom Universitätssenat die Rückgabe des Reskripts forderte, das dieser aber nie erhalten hatte.

Die Bedeutung Kraffts wurde viele Jahre lang nicht erkannt, weder in seiner Gemeinde noch an der Universität. Der Einzug des Neuen, das mit ihm gekommen war, ging nicht ohne Widerspruch der Vertreter des Alten ab. Krafft hatte große Schwierigkeiten und Kämpfe zu bestehen und, wie er sagte, lange "die Schmach Christi allein zu tragen". Alle Neuerungen des von der Sache des Reiches Gottes durchdrungenen Pfarrers weckten den Argwohn des lutherischen Dekans von Ammon, der einige der

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deutsch-reformierten Presbyter auf seine Seite zu ziehen verstand. Er selbst wohnte bei dem reformierten

Presbyter Delarue zur Miete, und dieser wurde ein erbitterter Feind Kraffts. Man versuchte, Krafft mit Schimpfworten wie "Mystizismus" und "Sektierertum" abzuqualifizieren. Erst nach schweren Auseinandersetzungen im Presbyterium, bei denen Krafft übel mitgespielt wurde, schieden die Presbyter aus, die sich vom Dekan gegen ihren Pfarrer hatten mißbrauchen lassen. Das 1825 umgestaltete Presbyterium stand nun treu zu seinem Pfarrer. Aber auch später gab es Kämpfe zu bestehen, die häufig durch mutige Worte in Predigt und Unterricht verursacht wurden, so z.B. die Klage der Freimaurerloge gegen Äußerungen in der Christenlehre oder 1842 die Klage des Armenpflegschaftsrates, da sich Krafft in der Kinderlehre gegen die Abhaltung eines Armenmaskenballs gewandt hatte, weil dieser viel weniger Nutzen als Unglück bringe.

Dessen ungeachtet aber hatte der deutsch-reformierte Pfarrer und Professor als Prediger und auch als Seelsorger schon lange großes Ansehen erworben. Aller Widerstand gegen ihn mußte sich seltsam ausnehmen gegenüber dem ungeheueren Zulauf zu seiner Kanzel. Wer heute die ruhigen und lehrhaften, meist langen und trockenen Predigten Kraffts liest, wird sich kaum den gewaltigen Eindruck vorstellen können, den sie damals machten. Die Gründe dafür mögen in dem Überdruß an den dürren rationalistischen Predigten auf den lutherischen und reformierten Kanzeln und dem Hunger nach dem biblischen Wort wie auch in der Persönlichkeit Kraffts gelegen haben, bei dem man das Gefühl der Nähe Gottes hatte. So erklärt sich die eigentümliche Zugkraft seiner Predigten, die nicht bloß seine Gemeinde, die ja nur etwa 300 Glieder zählte, sondern ziemlich alles, was in Erlangen ein lebendiges Christentum suchte, vor allem auch zahlreiche Professoren, Sonntag für Sonntag in der überfüllten Kirche am Bohlenplatz zusammenführte. Hier konnte man u.a. den Mineralogen Karl von Raumer, den Orientalisten Johann Arnold Kanne, den Naturwissenschaftler Gotthelf Heinrich Schubert, den Philosophen Friedrich Wilhelm Schelling und den Rektor Ludwig Döderlein mit Lehrern und Schülern des Gymnasiums sehen.

An der Universität dauerte es einige Jahre, bis Krafft von den Studenten angenommen wurde. Zunächst wollte man von ihm nichts wissen. Zu einem Durchbruch kam es 1823, als die Vorlesung über Pastoraltheologie Begeisterung auslöste, und 1825, als das Kolleg über Missionsgeschichte das bestbesuchte des Semesters wurde. An der lutherischen Fakultät lehrten in Kraffts ersten Jahren die Professoren Paul Joachim Siegmund Vogel, Leonhard Johann Bertholdt, Gottlieb Philipp Christian Kaiser und der außerordentliche Professor Johann Bernhard Lippert. Bis auf den positiv stehenden Kaiser waren sie Rationalisten und Krafft nicht sehr zugetan. Mit Krafft aber war einer der bedeutendsten Vertreter der Erweckungsbewegung und neben August Neander und August Tholuck einer der wenigen wissenschaftlichen Theologen, die sie selbst hervorgebracht hat, auf einen, wenn auch nur außerordentlichen, Universitätskatheder gekommen. Er war nach den Worten von Ernst Friedrich Karl Müller eine ganz schlichte Natur und keineswegs ein vielseitiger Gelehrter. Umfangreiche Bücher, außer einem JahrgangPredigten über freie Texte(1845), hat er nicht hinterlassen. Die Geschichte der strengen theologischen Wissenschaft verzeichnet seinen Namen kaum. Desto mehr weiß die Geschichte des christlichen Lebens von ihm zu sagen. Von Theodor Kolde wird er als eine der eigenartigsten Theologengestalten genannt, die Erlangen je gehabt hat. Imponierendes hatte er weder in seiner äußeren Erscheinung noch in seinem Auftreten oder in seiner Vortragsweise. Wir besitzen nur einen Schattenriß aus der Zeit der Erfindung der Fotographie, der ihn in der damals üblichen Tracht zeigt.

Wie von seiner Kanzel, so gingen auch auf dem Lehrkatheder von seiner Persönlichkeit entscheidende Wirkungen aus. Kraffts Leidenschaft war das Wort Gottes. Der Bibel fühlte er sich ausschließlich verpflichtet und nahm sie als Grundlage aller theologischen Arbeit ernst. Als bewußter Schrifttheologe hielt er seine Dogmatikvorlesung anhand von Schriftbeweisen. Er soll ein fast druckfertiges Manuskript seiner Dogmatik hinterlassen haben. Das einzig erhaltene WerkChronologie und Harmonie der Evangelienwurde 1848 von seinem Schwiegersohn August Burger herausgegeben. Krafft versuchte, mit den Mitteln der Philologie den biblischen Text zu erschließen, während er die schon damals bekannten Ansätze der Textkritik noch nicht aufnahm. Alles zielt bei ihm auf Person und Werk Jesu, wobei die Erfahrung des Glaubens ein starkes Motiv ist. Seine Vorlesungen mögen oft Predigten geglichen haben. Sein Schwiegersohn Karl Goebel schreibt: "Er war ein Schrifttheologe im vollsten Sinne des Wortes, Schriftforschung, Schriftauslegung, Schriftverteidigung war ihm Lebensaufgabe, in der Schrift gegründete Theologen zu bilden, sein Ziel." Außer Dogmatik las er vor großem Auditorium Pastoraltheologie und

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neutestamentlicheExegese. Seine Worttheologie war Erfahrungstheologie, geprägt von der mit der

Romantik verbundenen Neuentdeckung des Gefühls.

Kraffts größte Wirksamkeit ging vom Jahr 1824 in ihrer vollen Blüte über ein Jahrzehnt, bis neben ihm weitere Dozenten, darunter seine Schüler, in Erlangen auftraten: Gottlieb Christoph Adolf von Harleß, Johann Wilhelm Friedrich Höfling, Johann Heinrich August Ebrard und Heinrich Ferdinand Friedrich Schmid. Der lutherische Gelehrte Johannes Christian Konrad von Hofmann, der bedeutendste Vertreter der Erlanger Theologie des 19. Jahrhunderts, war Schüler Kraffts. Dieser bezeugte wiederholt öffentlich und privat, daß Krafft sein geistlicher Vater gewesen sei, dem er nächst Gott das Beste verdanke, was ein Mensch dem andern geben könne: "Die Erkenntnis unseres Herrn und Heilands Jesu Christi". Diesem "Gottesmann" Krafft verdanke er seine Bekehrung. Man wird nicht fehlgehen, in der spezifisch heilsgeschichtlichen Konzeption von Hofmanns WerkWeissagung und ErfüllungGrundzüge der reformierten Bundestheologie zu entdecken.

Es gibt weitere Zeugnisse bedeutender Persönlichkeiten über die Person Kraffts. Der Jurist Julius Stahl sagte in seiner Rede vor der Generalsynode zu Berlin 1846, in der er Krafft mit Spener, Wilberforce und Harms zusammenstellte: "Der Mann, der in meinem Vaterland (sc. Bayern) die Kirche auferbaute, der apostolischste Mann, der mir in meinem Leben begegnete, der Pfarrer Krafft, war ein strenger Bekenner des reformierten Lehrbegriffs. Ob er den Heidelberger Katechismus in der Tasche herumgetragen (...), das weiß ich nicht; aber das weiß ich, daß er einen Frühling aufblühen machte im ganzen Lande, dessen Früchte für die Ewigkeit reifen werden." Noch näher charakterisiert ihn Stahl in der Augsburger Allgemeinen Zeitung vom 5. Februar 1846: "In Erlangen wirkte damals der Pfarrer Krafft, ein Mann, wie er sich in unserer Zeit und zu allen Zeiten selten findet. Ohne besondere geistige Gaben und wissenschaftliche Auszeichnung, namentlich ohne große Beweglichkeit und Gewandtheit der Gedanken, aber von großer Stärke und Energie des Willens, von schlichtem Glauben an das Wort Gottes und von einer völligen, sein ganzes Wesen verklärenden Hingebung in dasselbe, ja Identifizierung mit demselben -ein wahrhaft apostolischer Charakter -, wurde er für die protestantische Landeskirche Bayerns jener Sauerteig des Evangeliums, der den ganzen Teig durchsäuert." Der berühmte Naturwissenschaftler Schubert, ein Freund Kraffts, schreibt: "Man konnte mit Krafft nie allein sein - immer war ein anderer bei ihm, dessen Nähe man fühlte. Dieser Mann lebte in einem Gebete ohne Unterlaß, er wandelte und stand, redete und schwieg unausgesetzt vor dem Angesicht seines Gottes." Krafft war, wie der lutherische Professor Gottfried Thomasius in seiner Gedächtnisrede ihm nachrühmt, ein treuer Zeuge der göttlichen Wahrheit, nicht bloß durch Wort und Rede, sondern durch seine ganze Persönlichkeit. Gesinnung und Wort durchdrangen sich lebendig in ihm. Die äußere Bezeugung war nur der treue und wahrhafte Ausdruck des Innern: "Es lag ein Ernst über seine Persönlichkeit ausgebreitet, dem man es wohl anmerkte, daß er aus einem in Gott verborgenen Leben stammte, gepaart mit jener stillen und sicheren Ruhe, die ihres Weges und Zieles gewiß ist. Dabei tiefe Gottesfurcht und die Liebe, die nicht das Ihre sucht, Entschiedenheit des Charakters, Gewissenhaftigkeit im Kleinen und aufopfernde Treue im Amt. Seine persönliche Erscheinung war eine stille Predigt von der Kraft Gottes, die in ihm wohnte."

Von namhaften Schülern haben wir anschauliche Berichte über Kraffts Vorlesungen. So schreibt der bekannte Homerforscher Carl F. von Nägelsbach: "Im Herbst 1824 warb Freund Rückert Zuhörer für ein Kollegium über Liturgik und Pastorale bei Krafft. Er brachte eine ziemliche Zahl zusammen, welche dieses Kollegium hören wollten, aber nicht geneigt waren, dasselbe regelmäßig zu besuchen. Aber wie ward uns, als Krafft in der schlichtesten Weise, wie vor Konfirmanden, aber mit der Hoheit und Würde eines Zeugen Christi, die Grundwahrheiten des Heils und insbesondere die Gnade Gottes und die Liebe des Heilandes im Versöhnungstode erklärte? Kurz, von Stund an war ich ein Christ und verstand das Evangelium. Wie mir ging es auch sehr vielen anderen. Nun dachte niemand mehr an eine mutwillige Kollegienversäumnis. Nun weiß ich zwar von Liturgik oder dem Pastorale, das Krafft vortrug, wenig oder nichts mehr. Etwas aber weiß ich, daß durch jene Vorlesungen die Schar der jüngeren Bekenner des Evangeliums gewonnen worden ist, welche anfangs wie vereinzelte Missionare, später im Bewußtsein des guten Rechts beigetragen haben, den Glauben an Christus, Gottes Sohn, in der Landeskirche wieder herrschend zu machen. Wir verstanden auch damals die Predigten von Krafft, in die wir auch nichttheologische Freunde mitnahmen." In ähnlicher Weise berichtet der später streng lutherische Wilhelm Löhe, der als Student auch auf Kraffts Kanzel stand und hernach auch sein Vikar werden sollte,

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wasnur durch eine Erkrankung Löhes verhindert wurde. Löhe schrieb im Jahre 1836 einmal: "Ich

verdanke, menschlich zu reden, mein geistliches Leben einem reformierten Lehrer, Professor Krafft." In einem Brief an seine Schwester Dorothea Schröder vom 14. November 1827 schreibt Löhe: "Gestern wollte ich nach meinem Versprechen zu Herrn Prof. Krafft gehen, um Hs. wegen mit ihm ernstlich zu reden. Nachmittags 3 Uhr las er sein erstes Kollegium über Dogmatik; nach dem Kolleg wollte ich ihm gleich in sein Haus nachfolgen. Aber ich konnt's nicht tun. Er kam und sein Kolleg begann: 'Geheiliget werde dein Name.' Gleich vornherein sprach er mit tiefer Rührung über die Wichtigkeit dieses Kollegiums für ihn und tat die Gründe dar, warum er's lese. Die Zeit, welche voll ungöttlichen Treibens ist, der Hinblick auf uns, einst Lehrer und Bewahrer der göttlichen Geheimnisse, und die Wichtigkeit unseres Amts, die Aufgabe selbst: den Grund des Glaubens in wissenschaftlichem Vortrag darzustellen; endlich seine Person (hier füllten sich seine Augen mit Tränen), nicht wert aller Barmherzigkeit und Treue. Nachdem er über das Vorbemerkte gesprochen hatte und zu diesem Letzten kam, begann er in Tränen überzufließen - bat, ihm nun als einem Freunde zu erlauben, von sich selbst zu reden. Du hast ihn selbst einmal gesehen und denMannan ihm gefunden. Diesen Mann denke Dir nun von innerem Gefühl so übermannt, daß er das Haupt auf dem Katheder beugen mußte und laut einige Sekunden schluchzte. Welch eine Einleitung in ein Kollegium! So hat wohl noch keiner gelesen: sein ehrwürdig Haupt, seine salbungsreichen Vorträge, seine Mannheit, seine Kämpfe gegen außen, seinheiligesLeben - alle diese Erinnerungen waren mir Einleitung genug. Nun aber diese Tränen und unter Tränen diesedemütigsten Selbstbekenntnisseüber die äußere und innere Führung seines Geistes zu diesem Stand, auf dem er jetzt steht und der von vielen so sehr gelästert wird, die Beschreibung von seiner Entfremdung vom wahren Leben in Gott und Christo, sein Glaubenskampf, der ja keinem erspart wird, seine Seligkeit nun, der Friede, von dem niemand wisse, außer wer ihn empfangen habe, sein Gebet: 'Herr, du hast mich erlöset, du treuer Gott!', sein 'Amen' unter Freudentränen, wie ich's nie gehört. Das war ein Kollegium, nach dem ich ihm nicht heimfolgen mochte. Wir gingen alle aus dem Auditorium, keiner konnte den anderen fragen: Was meinst du? Nach einem solchen Kampfe und solchen Erfahrungen im geistlichen Leben muß man Dogmatik lesen. Diese anderen glaubenslosen Professoren - ich habe keinen Begriff mehr, wie die noch Dogmatik lesen können. Wer so geführt worden ist, den will ich hören, der redet, was er erfahren hat und so am gewissesten weiß."

Neben seiner akademischen und pfarramtlichen Tätigkeit ist weiter eine Reihe von Aktivitäten zu nennen, die Früchte seiner geistlichen Haltung waren. Krafft war der erste deutsche Professor, der über Missionswissenschaft las (Wintersemester 1825/26). Der Sinn für die Äußere Mission entstand in Erlangen durch ihn schon seit 1818. Er hielt in seiner Gemeinde regelmäßig Missionsstunden, noch ehe dieses Werk der Kirche offiziell diesen Namen erhielt. Dem um Krafft gesammelten Kreis gleichgesinnter Kollegen und Freunde entstammte ein "Hilfsverein für die Heidenmission", 1834 auch ein "Allgemeiner Verein zur Bekehrung der Heiden". Die Basler Missionsblätter ließ Krafft gebunden mit einem von seiner Hand geschriebenen Laufzettel zirkulieren. Sie wurden nicht nur in der Gemeinde, sondern in den Professorenfamilien, bei Rektor Döderlein usw. gelesen. Innere Mission trieb Krafft lange, ehe dieser Name aufkam. Eine Erziehungsanstalt für verwahrloste Töchter entstand durch ihn, aus der später das Puckenhofer Rettungshaus hervorging. Auch wurde in seinem Pfarrhaus schon in der Mitte der 30er Jahre ein kleiner Anfang einer Kleinkinderschule bzw. Sonntagsschule gemacht unter Mitwirkung seiner Tochter Sophie, der Anfang eines Kindergottesdienstes in Erlangen. Für die Verbreitung der Bibel setzte sich Krafft in einem privaten Bibelverein tatkräftig ein zusammen mit dem Nürnberger Kaufmann Neumann, in dem er mit namhaften Männern zusammenarbeitete und in dem der Philosoph Schelling eine Zeit lang das Präsidium führte.

Von Kraffts Tätigkeit im Religions- und Konfirmandenunterricht gab die methodische Bearbeitung und Erläuterung des Heidelberger Katechismus Zeugnis, die einer seiner Schüler, Pfarrer Johann Peter Kindler/Nürnberg, unter Benutzung handschriftlicher Bemerkungen Kraffts später herausgab (1846). Vom Seelsorger Krafft wurden in EbrardsKirchenbuchmehrere Gebete abgedruckt.

Schon genannt wurden einige der namhaften Vertreter der Wissenschaften, die zu seinen Freunden und regelmäßigen Zuhörern gehörten. Diese scheuten sich nicht, den Weg ins Pfarrhaus zu Bibelbesprechungen zu nehmen. Es ist klar, daß von ihnen weitere geistliche Wirkungen auf die akademische Jugend ausgingen. Im Krafft-Goebelschen Familienalbum wurde ein Blatt aufbewahrtZum

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Gedenktage25jähriger geistlicher Amtsführung Herrn Professor D. Krafft in Liebe und Verehrung

dargebracht,unterzeichnet u.a. von den Fakultätskollegen Höfling, Ebrard, Drechsler, Schmid, Schöberlein, Harleß, sowie von Scheurl, Heinrich Thiersch, dem Mediziner Leupold und dem Philosophen Heyder. 1837 hatte Krafft den Dr. theol. h.c. verliehen bekommen. Von vielen aus besonderen Anlässen gehaltenen Predigten sei noch die überDie ächte, die christliche Freiheitgenannt, die Krafft am 25. August 1843 anläßlich des 100jährigen Jubiläums der Universität und des gleichzeitigen Geburtstags des Königs auf der Kanzel der Neustädter Kirche hielt, wohin man sich in einem Festzug begeben hatte.

Man hat Krafft den Regenerator der protestantischen Kirche genannt. Dieses anerkennende Urteil wird man differenziert sehen müssen. Es gehört nämlich zu den Merkwürdigkeiten der Geschichte, daß die nachhaltigen Wirkungen der Erweckung durch Krafft wohl sehr stark im Luthertum Bayerns weitergingen, nicht so sehr aber in seiner eigenen deutsch-reformierten Gemeinde und deren fränkischen Schwestergemeinden. Die von Krafft ausgehende Erweckungsbewegung brachte den scharfen Konfessionalismus in der lutherischen Kirche, besonders bei den jungen Pfarrern, der um 1840 losbrach, mit hervor. Ausgerechnet Löhe, der einst seinen Lehrer so verehrt hatte, bei ihm gepredigt hatte und den dieser als Vikar annehmen wollte, entwickelte sich zum strengen Konfessionalisten, der zusammen mit Pfarrer Wucherer und anderen den "Zweiherrndienst" beim Abendmahl in der von ihnen nun derart abgelehnten quasi-unierten protestantischen Kirche Bayerns bekämpften, daß sie aus dieser ihrer Kirche sogar austreten wollten. Es kam unter anderem zu schlimmen Vorgängen in den Kolonistengemeinden der südbayerischen Moorgebiete, besonders im Donaumoos in der Pfarrei Untermaxfeld, die der alternde Krafft mit größter Bestürzung und Trauer erleben mußte. Die aus diesen feindseligen Gegensätzen heraus 1848 erfolgte Gründung der reformierten Gemeinde Marienheim am Rand des Donaumooses hat er nicht mehr erlebt.

In Erlangen selbst hat Krafft wohl mehr die Schicht der Intellektuellen erfaßt als das Gros der reformierten Gemeinden, bei denen in der Folgezeit wenig tiefgehende Wirkungen zu beobachten waren. Das lag wohl weniger an den Pfarrern, die Kraffts Schüler im Konfirmandenunterricht und im Studium gewesen und von daher geprägt waren: Karl Goebel als sein deutsch-reformierter Nachfolger, Johann Jakob Wilhelm Renaud und Johann Friedrich Birkner von der französisch-reformierten Gemeinde sowie Ebrard. Besonders hervorzuheben ist Kindler, von dem als reformierter Pfarrer in Nürnberg (1823-1855) ähnliche ähnliche geistliche Wirkungen auf die vom Rationalismus bestimmte Bevölkerung ausgingen. Die kleine Marthakirche war alsbald zu klein für die Menge der Predigthörer, die zumeist aus den lutherischen Gemeinden stammten. Die reformierte Gemeinde selbst zählte damals nur etwa 100 Glieder.

Schwere Zeiten und viel Leid hatte Krafft in seiner Familie erfahren. Seine Frau erkrankte 1828. Sie konnte sich nicht mehr erholen und verstarb am 12. November 1833 nach langem Siechtum. Ein halbes Jahr später mußte er am 16. Juni 1834 seinen ältesten Sohn, einen 19jährigen Theologiestudenten, neben der Gattin begraben. Kaum vier Jahre später starb sein jüngstes Kind, Marie Therese, 10 Jahre alt. Zwei Töchter, Johanna Elise und Sophie Marie Viktoria, verheirateten sich, erstere mit Pfarrer August Burger in Fürth, dem späteren Oberkonsistorialrat in München, letztere mit dem Pfarrer und späteren Posener Konsistorialrat Karl Goebel, der Kraffts Nachfolger im Erlanger deutsch-reformierten Pfarramt wurde. Kraffts jüngster Sohn Karl Georg war als Hauslehrer bei dem bayerischen Gesandten in Rom angestellt, trat nach seines Vaters Tod noch 1845 zur römischen Kirche über und starb 1898 als Benefiziat in Neuburg a.d. Donau. Krafft selbst krankte seit 1835 an Unterleibsschwäche. Die vielen seelischen Erschütterungen, veranlaßt durch Leid in der Familie, und die ihn mehr, als er sich merken ließ, kränkenden Angriffe auf ihn und seine Kirche zehrten an seiner Lebenskraft. Seine leidende Gesundheit war auch mit der Grund, warum das Oberkonsistorium in München nach dem Ableben des reformierten Oberkonsistorialrats Philipp Casimir Heintz davon absah, Krafft in seine Mitte zu berufen. Die Unterleibsschwäche trat 1845 mit neuer Wucht auf, und schließlich stellte sich Wassersucht ein. Krafft hatte für das Sommersemester eine Vorlesung über die letzten Dinge angekündigt. Als sein Schwiegersohn Burger ihn auf sein Ende vorbereitete, antwortete er: "Wenn der Herr mich ausspannen will, so ist es mir recht!" Im Glauben an den Erlöser und die von ihm erworbene Gnade entschlief er am 15. Mai 1845 im Alter von erst 60 Jahren. Groß war in allen Kreisen Erlangens, besonders in der Theologischen Fakultät, aber auch in der ganzen bayerischen protestantischen Kirche der Schmerz über

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seinenTod. Studenten und Kollegen schuldeten ihm Dank, nicht zuletzt aber seine Gemeinde. Der Pfarrer

der französisch-reformierten Gemeinde Renaud sprach am Grabe: "Einen eifrigeren Diener Christi und einen gewissenhafteren Haushalter über Gottes Geheimnisse habe ich bis zur Stunde noch nicht kennengelernt (...)."

Das Grab Kraffts auf dem Reformierten Friedhof trägt eine schlichte eiserne Tafel. Am früheren deutsch-reformierten Pfarrhaus in der Goethestraße 46 wurde 1918 eine Gedenktafel angebracht mit der Inschrift: "In diesem Hause wohnte und starb Christian Krafft, Pfarrer der deutsch-reformierten Gemeinde, Gemeinde, Professor und Doktor der Theologie (1817-1845), bekannt als gesegnetes Werkzeug der Erneuerung christlichen Lebens in der protestantischen Kirche."

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Haas/Freudenberg: Reformierte Theologie in Erlangen

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1.3. Isaak Rust (1830-1833) Isaak Isaak Rust wurde am 14. Oktober 1796 in Mußbach bei Neustadt a.d. Weinstraße als Sohn des Landwirts Karl Rust und seiner Frau Anna Maria, geb. Schönig geboren. In armen Verhältnissen aufwachsend bereitete sich der hochbegabte junge Mann zunächst für den Volksschuldienst vor, wurde Schulgehilfe, dann Schreiber bei einem Advokaten, erwarb sich aber durch angestrengte Privatstudien die nötigen Gymnasialkenntnisse und wurde 1815 in Heidelberg immatrikuliert, wo er Philosophie und Theologie bei Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Carl Daub, Heinrich Eberhard Gottlob Paulus und anderen studierte und schon 1816 eine Preisaufgabe der Theologischen Fakultät löste. Er machte schon 1817 das 1. Examen mit der Note "sehr gut", wurde Vikar in Haßloch, dann 1818 Lehrer am Progymnasium in Speyer und hielt ein Semester lang am Lyzeum philosophische Vorlesungen. Durch eine AbhandlungDe absoluti revelationeerwarb er sich 1818 in Heidelberg den philosophischen Doktortitel. Durch Krankheit genötigt, gab er 1820 seine Schulstelle auf und wurde Pfarrer in Ungstein. Er hat 1818 Dorothea Henriette Sophia, geb. Quans geheiratet. Aus der Ehe gingen 8 Kinder hervor. In Ungstein gab er 1825 sein BuchPhilosophie und Christenthum oder Wissen und Glaubenheraus, durch das sein Name weiten Kreisen bekannt wurde. In diesem Buch führt er einen Kampf "für Licht und Wahrheit, für Freiheit des Geistes und eindringende Forschung (...) gegen die Ausgeburten eines erkrankten Gefühls und die Unternehmungen der Lichtscheuen" und zeigt sich als ausgesprochener Rationalist Hegelscher Prägung. Gewiß sieht er im vulgären Rationalismus wie im überspannten Supranaturalismus Einseitigkeiten. Er versucht, die wahre Einheit zwischen Philosophie und Christentum darzutun als das notwendige Ergebnis des auf Grund der Gottesoffenbarung sich entwickelnden Geistes: "Das Gefühl ist die heidnische, der Verstand die jüdische und die Vernunft die christliche Intelligenz." Philosophie und Christentum, "die erhabensten Erscheinungen des Geistes", sind nicht zu trennen, obwohl sie ihre Individualität behalten, so "daß das, was die Philosophie rein im Reiche des Geistes erstrebt, von dem Christentum im Reiche der Sittlichkeit errungen wird".

Rust folgte 1827 dem durch Vermittlung des reformierten Oberkonsistorialrats Heintz in München ergangenen Ruf an die französisch-reformierte Gemeinde in Erlangen als Pfarrer und Nachfolger von Francois Ebrard. Kaum in Erlangen angekommen, strebte er auch schon einen theologischen Lehrkatheder an und verursachte bis zur völligen Erfüllung seiner ehrgeizigen Wünsche an der Universität viel Aufregung. Im Oktober 1827 wurde er Lizentiat und im März 1828 Doktor der Theologie mit einer DissertationDe nonnullis, quae in theologia nostrae aetatis dogmatica desiderantur,in der er u.a. Schleiermachers Religionsbegriff bekämpfte, der die Religion ihrer Würde beraube, das Wesen der christlichen Religion korrumpiere und die Würde des Menschen vermindere. Bei der Disputation über diese Dissertation kam es zu einem Zwischenfall. Der Stadtpfarrer der Altstadt und Privatdozent Johann Christian Gottlieb Ackermann, ein Gesinnungsgenosse Kraffts, gebrauchte bei seiner Opposition gegen Rust so scharfe Ausdrücke, daß der Dekan eingreifen und die Disputation abgebrochen enden mußte. Die Allgemeine Kirchenzeitung vermutete ein Komplott "des Verbandes frömmelnder und übergläubiger Kopfhänger", was nicht zuletzt auch gegen Krafft gemünzt gewesen sein dürfte: "Die trübselige Partei

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ahnte,was ihr bevorstand, darum sollte dem gefürchteten Verteidiger der Denk- und Lehrfreiheit gleich

anfangs ein Genickfang versetzt werden." Die Parteien standen sich scharf gegenüber. Rust, der auch sonst in Aufsätzen und Predigten gegen den "Afterevangelismus" anging, hatte nun die Möglichkeit, seinen hegelianisch gefärbten Rationalismus auch in Vorlesungen zu vertreten.

Die Promotionen Rusts waren eine problematische Prozedur. Es ist interessant, daß man sich bei der Verleihung der akademischen Grade an ihn über die Situation der Fakultät in einer Art hinwegsetzte, die wohl selten sonst vorgekommen ist. Bei der Erwerbung der Lizentiatur leistete der reformierte Rust den vorgeschriebenen Eid auf die symbolischen Bücher der lutherischen Kirche mit dem Zusatz "quatenus symbolicis normis obtemperat synodus Caesareo-lutreana", dies ist die 1818 zu Kaiserslautern festgesetzte pfälzische Unionsformel, die nur "die beiden Konfessionen gemeinschaftlichen symbolischen Bücher mit Ausnahme der darin enthaltenen, unter beiden Konfessionen bisher streitig gewesenen Punkte" als Norm anerkannte. Das zweite Mal, bei der Erwerbung des Doktortitels, verlangte er den Zusatz "quatenus cum scriptura sancta et doctrina ecclesiae reformatae consentiunt" - eine Verpflichtung, wie sie bei den Symbolen der lutherischen Kirche ungewöhnlich war. Daß die Fakultät, wenn auch nicht ohne Widerspruch, darauf einging, erklärt sich wohl nur daraus, daß sie in dem "wegen seiner philosophisch-theologischen Spekulation so hochgeschätzten D. Rust" einen geschickten Bekämpfer des "Mystizismus" sah, unter welchem Begriff man damals das evangeliumsgemäße, gläubige Christentum eines Krafft verstand. Man war, Kaiser ausgenommen, damals eigentlich nicht lutherisch und nicht reformiert, sondern stand in der Einheitsreligion des Rationalismus einander nahe. Lediglich der Minister Schenk scheint sich daran gestoßen zu haben, als er davon erfuhr, und erklärte, daß "eine solche Eidesleistung mit sich selbst und mit den Statuten der Theologischen Fakultät nicht übereinstimmend erscheine". Es fiel der Fakultät nicht leicht, sich gegen den Vorwurf zu rechtfertigen.

Schon nach halbjähriger Dozententätigkeit bewarb sich Rust beim König um eine Professur für "spekulative Theologie". Das allerdings erregte nun auch in der Theologischen Fakultät Widerspruch. Kaiser nahm gegen seine sich zustimmend äußernden Fakultätskollegen in einem Gutachten Stellung, ebenso Vogel: Eine spekulative Theologie könne nur der Philosophischen Fakultät angehören, nicht der Theologischen, die ihre Lehre nicht aus der Spekulation, sondern aus der Heiligen Schrift zu schöpfen hat, und es sei auf einer so wichtigen Stelle ein Mann erforderlich, der "als Exeget, Historiker und Philosoph gleichmäßig bewährt wäre und die Dogmen nicht a priori konstruieren und nach einer Zeitphilosophie modifizieren würde". Rust sei aber der Hegelschen Philosophie zugetan, außerdem gehöre er, der früher Pfarrer in der unierten Kirche gewesen sei, jetzt der separierten reformierten Gemeinde an und habe dementsprechende Eidesverpflichtungen auf sich genommen. Gegen Rusts Beförderung zum zweiten Professor der reformierten Theologie neben Krafft wende er sich nicht, sondern gegen "Herrn Rusts ephemerische philosophische Ansichten, welche er bei seiner übrigen philosophischen Bildung vielleicht bald verläßt", und gegen die Errichtung eines Lehrstuhls für eine Wissenschaft, die gar nicht existiert und nie existieren kann, ohne in der Dogmatik zu sein. Nach dem Kirchenrecht und nach den Erlanger Universitätsstatuten sei immer noch am Unterschied der Konfession bei den theologischen Lehrämtern festzuhalten.

Aus Mangel an Mitteln wurde Rusts Gesuch zunächst abgewiesen. Allerdings muß er hohe Gönner gehabt haben. Am 24. Februar 1830 wurde er zum außerordentlichen Professor ohne Nominalfach und am 6. Mai 1831 sogar zum ordentlichen Professor extra facultatem ernannt. Rust, noch nicht zufrieden, verlangte jetzt auch die Aufnahme in den Senat, und als ihm das verweigert wurde, da ein nicht der Fakultät angehöriger Professor auch nicht dem Senat angehören könne, beschwerte er sich beim Ministerium. Der Nachweis von seiten der Fakultät, daß sein Anspruch völlig unberechtigt und die Voraussetzung für seinen Eintritt in den Senat und die Zugehörigkeit zur Fakultät für ihn ausgeschlossen sei, da es in den Statuten "professores in theologica facultate ad unum omnes Augustanae confessioni addicti sunto" heiße, machte in München keinen Eindruck. Es wurde einfach befohlen, daß der Eintritt in den akademischen Senat Rust nicht zu verwehren sei. Dazu kam es freilich erst, als Rust dank seiner Zähigkeit noch mehr erreicht hatte. Unter dem 6. Oktober 1832 wurde ihm eine für ihn neu errichtete fünfte ordentliche Professur in der Theologischen Fakultät mit dem Lehrauftrag für Dogmatik, Moral und Apologetik des Christentums übertragen. Ohne irgendwelche Rücksicht auf die Statuten wurde der reformierte Professor zugleich zum Mitglied der lutherischen Fakultät ernannt. Das war ein einzig

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dastehenderFall für Erlangen, und es hätte damals nicht viel daran gefehlt, daß unter Abänderung ihres

Konfessionsstatuts die Fakultät uniert geworden wäre.

Rust war ein Mann von großer Begabung und rhetorischer Gewandtheit, "der es sein Lebenlang verstand, sich zur Geltung zu bringen" , als Prediger und Dozent großen Zulauf hatte und dessen theologische Disputierübungen, die er in seinem Pfarrhaus veranstaltete, viele Studenten anzogen. Er vollzog aber nun in der kurzen Zeit seines Wirkens in Erlangen einen überraschenden und radikalen Umschwung seiner philosophisch-theologischen Haltung, weg vom Hegelianismus hin zu einer positiven Theologie. Zu diesem erstaunlichen Umschwung mögen mehrere Faktoren beigetragen haben, so der Einfluß seiner Fakultätskollegen Johann Georg Veit Engelhardt, Johann Georg Benedikt Winer, Hermann Olshausen, Gottlieb Philipp Christian Kaiser und auch Krafft, der wohl zuerst auf ihn wie ein rotes Tuch gewirkt haben muß. Dann war es aber auch die revolutionäre Bewegung in der Pfalz, die beim Hambacher Fest im Mai 1832 offen zutage trat. Rust fühlte sich getrieben, in seiner SchriftStimmen der Reformation und der Reformatoren an die Fürsten und Völker dieser Zeitden "frechen Geist der Verneinung" zu bekämpfen, "der in der zügellosesten Gestalt in das Staatsgebiet eindringe". Er lieferte nach einer "historisch-philosophischen Einleitung" eine Blütenlese aus den Aussagen der Reformatoren über den Staat, die Regierenden, die Gehorchenden und die Revolution. Er konnte jetzt schreiben: "Das Meiste, was sich im Anfange des 19. Jahrhunderts unter dem ehrwürdigen Namen des Rationalismus geltend machte, ist in der Tat nichts weiter als ein mehr oder minder verschleiertes Erzeugnis jenes Geistes (der Revolution und Verneinung), ein Kind desselben, das er mehr oder minder incognito die Reise durch die Welt machen lassen wollte. Im Ganzen dieselbe Verweltlichung, derselbe Gegensatz gegen das wahrhaft göttliche Leben und Wirken, dieselbe aufgebende, wegwerfende, zerstörende Tendenz." Das war ein auffallender Bruch mit der bisher verfolgten Linie. Dieser war wohl auch schon längere Zeit vorbereitet gewesen durch die Nähe des zu gleicher Zeit 1828 als Privatdozent nach Erlangen berufenen Philosophen Ludwig Feuerbach, ebenfalls ein Schüler Hegels, der durch seinen Radikalismus den in Erlangen nie sehr geschätzten Hegelianismus völlig um sein Ansehen brachte. Außerdem prägte ihn sein Studium der Reformatoren. Schon 1827 hatte Rust zusammen mit Friedrich Wilhelm Lomler, Ernst Zimmermann und anderen die Herausgabe der ReiheGeist aus Luthers Schriften oder Concordanz der Ansichten und Urteile des großen Reformators(Bde. 1-4 [1827-1831]) begonnen. Nun wandte sich Rust mit Eifer der rechtgläubigen Theologie zu. Es zeichnet ihn aus, daß er bei seinem nicht geringen Ehrgeiz und Geltungstrieb die Wandlung so ehrlich vollzog.

Rusts theologischer Neubeginn wurde 1832 durch sein großes WerkStimmen der Reformation und der Reformatoren an die Fürsten und Völker dieser Zeitbekannt. Mit großem kirchen- und dogmengeschichtlichem Wissen zeigte er, daß die Staatstheorien der Revolution von 1830 und des Hambacher Fests 1832 in schneidendem Widerspruch zu den Aussagen aller Reformatoren stehen, und entwirft ein großes und grundsätzliches Programm in zehn Punkten, in denen er unter anderem betont: "Nur durch die Religion kann die heillose Lage gewandelt werden. Religion ist es, was unserer Zeit in ihren Wirren und in ihrem Elende noth tut."

Nun war seines Bleibens in Erlangen nicht mehr lange. Diese Schrift von 1832 scheint die Aufmerksamkeit König Ludwigs I. noch mehr als bisher auf ihn gelenkt zu haben. So wurde Rust unter dem 17. August 1833 als zweiter geistlicher Konsistorialrat nach Speyer berufen, um den in der pfälzischen Kirche ausgebrochenen Wirren entgegenzutreten. Die Fakultät, der der erfolgreiche Professor bei der Mittelmäßigkeit der eigenen Theologie unangenehm sein mußte, war wohl froh, den Konkurrenten loszuwerden, nachdem man schon Intrigen gegen ihn ins Werk gesetzt hatte. Die Union der pfälzischen Kirche war 1818 auf ausgesprochen rationalistischer Basis zustande gekommen. Das Oberkonsistorium und die bayerische Staatsregierung suchten nun die pfälzische Kirche wieder auf positivere Grundlagen zu stellen. Darüber aber entstand ein langjähriger Streit. Nur zur Information sei die Schilderung erwähnt, die Pfarrer Frantz, ein Gegner Rusts und einer der Vorkämpfer des Rationalismus in der Pfalz, in seiner ZeitschriftDie Morgenröte(Januar 1846) von dem traurigen Zustand des kirchlichen Lebens gab: Unwürdige Geistliche gab es nicht wenige. Diese wurden aber von der Kirchenleitung nicht zur Rechenschaft gezogen. Tiefere theologische Bildung war nicht häufig zu finden. Im allgemeinen herrschte viel Seichtigkeit. Jede tiefere christliche Regung wurde als Mystizismus und Heuchelei gebrandmarkt. Der Kirchenbesuch war besonders in den Städten schlecht, nirgends herrschte reges kirchliches Leben.

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Der1823 gegründete Bibelverein fand keinen Eingang, die Mission war nicht einmal dem Namen nach

bekannt.

Rust erhielt die schwierige Aufgabe, hier Wandel zu schaffen. Das Konsistorium wurde durch positiv stehende Männer besetzt. Rust bekannte sich nun zur positiven Union. Nachdem er sich gewandelt hatte, wandte er sich mit aller Schärfe gegen seine früheren Gesinnungsgenossen, wobei er manchem ehrlichen Rationalisten Unrecht tat, wenn er ihnen Abfall vorwarf und sagte, sie seien dem Irrtum ganz und gar und auf die sündhafteste Weise verfallen. Die heftige Sprache, der Mangel an gewinnender Freundlichkeit, der bürokratische Stil, so z.B. die Einforderung der Karfreitagspredigten 1834 und die Veröffentlichung der kritischen Beurteilungen 1835, lösten viel Protest aus. Die Pfalz geriet in von Jahr zu Jahr zunehmende Unruhe. In der Abgeordnetenkammer wurde er als Mann von "jesuitisch-pietistisch-mystisch-theokratischer Tendenz" beschuldigt. Allerdings konnte Rust in den dreizehn Jahren, die er in Speyer war - seit 1842 als erster geistlicher Konsistorialrat und Pfarrer -manches zum Segen der Pfälzer Kirche wirken, besonders als jüngere Kandidaten nachkamen, die auf der Universität nicht mehr im rationalistischen, sondern positiven Geist ausgebildet waren. Aber es entstand immer wieder neue Unruhe. So erregte der Entwurf eines positiven Katechismus die liberale Partei. Ein von Rust aus älteren Pfälzer Agenden zusammengestellter Entwurf eines Kirchenbuchs fiel mit großer Stimmenmehrheit durch. Schließlich brachte 1838 der Apostolikumsstreit neue heftigste Erschütterungen für die junge Unionskirche, da ja viele Pfarrer bei der Taufe entgegen der Kirchenordnung das Apostolische Glaubensbekenntnis, das sie nicht mehr bejahten, einfach wegließen und Rust dagegen einschritt.

Allmählich gab es so viel Aufruhr, daß Rust 1847 an das Oberkonsistorium nach München versetzt werden mußte. Dort wurde er Nachfolger des verstorbenen reformierten Oberkonsistorialrats Carl Heinrich Fuchs. Trotzdem gab es keine Ruhe. Schließlich half auch die zeitweilige Versetzung Rusts in den Ruhestand nichts mehr. Im stürmischen Revolutionsjahr 1848 mußte der pfälzischen Kirche ihre Forderung auf Lostrennung vom Oberkonsistorium gewährt werden. Sie wurde mit ihrem Konsistorium nun direkt dem Staatsministerium des Innern unterstellt.

Der quieszierte Rust blieb Hofprediger in München - die Gemahlin König Max II. war eine protestantische Hohenzollerin - und wurde 1850 Ministerialrat im neuen Kultusministerium und Referent für die pfälzischen Kirchenangelegenheiten. Von da aus hatte er nun doch wieder, wenn auch nicht mehr in dem Maß wie früher, Einfluß auf die Pfälzer Geschehnisse, was besonders Ebrard in seiner Speyerer Zeit, die der Rusts ähnelte, unliebsam zu spüren bekam. Ebrards Arbeit in Speyer wäre aber ohne Rusts Vorarbeit nicht denkbar gewesen. Rust hatte - freilich glücklos - die pfälzische Union, die im rationalistischen Geist geschlossen dastand, auf ein positives Fundament im Sinne der Reformation Luthers zu stellen versucht. Als Ebrard 1861 infolge des Gesangbuchstreits in Speyer in den Ruhestand versetzt wurde, ging auch Rust in Ruhe. Er starb schon am 14. Dezember 1862 nach kurzer Krankheit in München. Als Zeichen der Zufriedenheit des Königs hatte er den Verdienstorden der bayerischen Krone und den Michaelsorden erhalten.

Nach Rusts Weggang aus Erlangen hat man in München allen Ernstes daran gedacht, seine Professur mit der Stelle des französisch-reformierten Pfarrers dauernd zu verbinden. Professor Karl Heinrich Sack in Bonn sollte dafür gewonnen werden. Das scheiterte angeblich nur daran, daß das französisch-reformierte Presbyterium Presbyterium seine Bewerbung verlangte, die dieser ablehnte und dann auch erklärte, lieber in Bonn bleiben zu wollen. Inzwischen hatte das Presbyterium Pfarrer Renaud gewählt, der aber die Professur nicht erhielt. Wenn der Plan Münchens durchgegangen wäre, hätte die Fakultät ihren streng lutherischen Charakter verloren und wäre uniert geworden. Das wäre damals vielleicht möglich gewesen, da das lutherische Bewußtsein noch nicht so stark war. Ein Jahrzehnt später war nach Kraffts Tod 1845 die Lage anders, nachdem sich die konfessionellen Gegensätze stark entwickelt hatten.

1.4. Die Kämpfe um den Lehrstuhl für Reformierte Theologie und seine Gründung (1845-1847) http://www.uni-erlangen.de/docs/FAU/fakultaet/theol/lsrt/lehrstuhlgeschichte/haas102.htm http://www.uni-erlangen.de/docs/FAU/fakultaet/theol/lsrt/lehrstuhlgeschichte/haas102.htm (4 von 8) [15.05.2002 10:16:31]

Dieaußerordentliche Professur, die Krafft bekleidet hatte, war nicht reformiert, sondern nur ihr

Inhaber war reformiert gewesen. Da Kraffts Nachfolger Heinrich Ferdinand Friedrich Schmid wieder ein Lutheraner gewesen ist, war für die Bedürfnisse der unierten Pfalz wieder nicht mehr gesorgt. Die lutherischen Professoren in Erlangen genügten dafür nicht, aber auch einen reformierten Professor, wie Krafft es gewesen war, wollte man in der Pfalz nicht haben. Krafft hatte nie Unionsneigungen gehabt und hatte sogar lutherische Studenten, die sich zu ihm hielten, nicht zum Abendmahl zugelassen, was damals kirchenrechtlich nicht möglich war. Das war nicht im Sinn der pfälzischen Kirche. Die Generalsynode von Speyer 1845 sprach den dringenden Wunsch aus, es möchte in Erlangen ein theologischer Lehrstuhl errichtet werden, "der die Doktrinen der pfälzischen Kirche zu vertreten habe". Das Oberkonsistorium, in dem nacheinander die zwei ursprünglich reformierten geistlichen Räte Fuchs und Rust saßen, stimmte dem zu. Da die pfälzischen Theologen wie die Lutheraner verpflichtet waren, in Erlangen ihre Studien zu absolvieren, war der Wunsch, nun auch für die besonderen Bedürfnisse der Pfälzer zu sorgen, nicht unberechtigt. Oberkonsistorialrat Fuchs sprach sich besonders dahin aus, daß der Pfalz mit einem reformierten Professor nicht gedient sei, da es dort keine reformierte Kirche mehr gebe. Das Oberkonsistorium in München stellte sich ganz auf die Seite der Pfalz, indem es feststellte, daß das "durch den Fortschritt der Zeit hervorgerufene Erfordernis" die Besetzung der fraglichen Professur mit einem unierten Geistlichen sei. Es beantragte am 11. Oktober 1845 die Berufung eines solchen als Extraordinarius.

Als das Ministerium die Aufforderung zu Personalvorschlägen für den zu errichtenden unierten Lehrstuhl ergehen ließ, antwortete am 13. Januar 1846 die Fakultät durch Professor Gottfried Thomasius entgegenkommend. Sie verneinte allerdings die prinzipielle Frage, ob im Interesse der Wissenschaft die Errichtung eines Lehrstuhls für unierte Theologen wünschenswert sei. Es müßte dagegen protestiert werden, "wenn die Intention wäre, als sollte damit eine Vervollständigung oder Ergänzung der Lehrkräfte und der Lehrweise an hiesiger theologischer Fakultät erzielt oder gar einem Bedürfnis für die diesseitige evangelisch-lutherische Kirche abgeholfen werden". Da dies aber nicht beabsichtigt sei und es sich nur um die Befriedigung der pfälzischen Bedürfnisse handle, erkläre sich die Fakultät für die Zulässigkeit des Antrags im Sinne des Oberkonsistoriums, allerdings unter der Voraussetzung, "daß die Stellung eines solchen Dozenten nicht die eines Mitglieds der hiesigen theologischen Fakultät sein oder je werden könnte". Ob ein Gelehrter sich finden werde, "der die Dogmatik und Exegese der vereinigten Kirche", wie das Oberkonsistorium glaube, zu vertreten imstande wäre, und ob das genüge, bliebe zweifelhaft. Auch hege man die Befürchtung, daß die der lutherischen Kirche angehörenden Studierenden für eine Anschauungsweise gewonnen würden, die sie dem lebendigen Interesse an dem Bekenntnis der eigenen Kirche entfremden könnte. Doch wolle man sich nicht gegen den Antrag stellen.

Unmittelbar danach traten hemmende Umstände auf, die die Angelegenheit sehr verzögerten und in eine andere Richtung leiteten. Das pfälzische Konsistorium war mit dem Auftrag des Oberkonsistoriums, einen außerordentlichen Lehrstuhl zu begründen, nicht zufrieden. Es verlangte "vorderhand die Anstellung einesordentlichenProfessors ihrer (sc. der pfälzischen) Konfession", damit deren Vertretung "einigermaßen genügend" erscheine, und zwar in der Weise, daß der unierte Professor Mitglied der Fakultät und des Senats sein könne. Das eignete sich die kirchliche Oberbehörde in München an und beantragte am 7. Januar 1846 die "Ergänzung" der Universität durch einen Ordinarius "für Dogmatik und Exegese der unierten protestantischen Kirche", oder wenn dies zur Zeit nicht möglich wäre, die Anstellung eines Extraordinarius mit der Anwartschaft auf das nächste in der Theologischen Fakultät sich erledigende Ordinariat. Das war natürlich eine brisante Angelegenheit, denn die Fakultät schloß nun nicht ohne Grund, daß seitens der kirchlichen Behörde nicht nur eine, lediglich den Bedürfnissen der Pfalz entgegenkommende Lehrkraft, sondern eine allmähliche Umgestaltung der Fakultät angestrebt würde. Sie legte energischen Protest ein: Schließlich sei sie statutenmäßig lutherisch. Durch die Mitgliedschaft eines unierten Professors würde sie selbst zu einer unierten Fakultät. Das bedeute eine Verletzung ihres Grundgesetzes, und ohne dieses würde sie konfessionslos. Ehe dies geschehen dürfe, müßte der König ihre Statuten aufheben. Die Union der Fakultät würde auch der Anfang der Union in der Landeskirche sein. Die Tatsache, daß einmal unter Nichtbeachtung der Statuten für kurze Zeit ein unierter Professor, nämlich Rust, der Fakultät angehört habe, könne das Recht selber nicht aufheben, zumal "die Konfession im Bewußtsein der Zeit wieder eine ganz andere Bedeutung gewonnen habe als damals". Wolle man auf

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andererGrundlage neben der Fakultät einen unierten Professor ernennen, so werde man dagegen nicht

demonstrieren, hielte es aber für das Richtigere, die Pfälzer von der Verpflichtung, in Erlangen zu studieren, zu befreien. Dem Schreiben der Fakultät, abgefaßt von Thomasius, schloß sich der Senat in einem ausführlichen Begleitbrief des Prorektors Adolph Ernst Theodor Laspeyres an den König Ludwig I. als den Rektor magnificentissimus und Schirmherrn der lutherischen Kirche in allen Punkten an (8. März 1846): "Wir sind mit unserer theologischen Fakultät der Überzeugung, daß die Ernennung eines o. [sc. ordentlichen] Professors für die unierte Theologie den in fortdauernder Gültigkeit bestehenden Statuten gedachter Fakultät zuwiderlaufen würde. Wir teilen mit ihr die Ansicht, daß eine solche Ernennung nicht bloß höchst bedenkliche Folgen für die Integrität und den Bestand der luth. Kirche herbeiführen würde, indem in einer solchen Ernennung tatsächlich der Anfang einer Unierung auch der diesseitigen luth. Kirche läge; wir nehmen wie sie an, daß diese Störungen und Gefahren, wenn auch in geringerem Grade, doch noch immer bedeutend genug, selbst alsdann eintreten würden, wenn auch der anzustellende Professor der unierten Theologie nicht Sitz und Stimme in der Fakultät erhielte, ja, wenn selbst nur ein a.o. [sc. außerordentlicher] Professor angestellt würde." Es wird als Ausweg vorgeschlagen, den unierten Studenten zu gewähren, daß sie zwei oder drei Semester an einer anderen Universität studieren dürfen, wo sie Gelegenheit hätten, sich in der Theologie der unierten Kirche auszubilden.

Auch an das Oberkonsistorium, dem der Schutz der lutherischen Fakultät obliege, richtete die Fakultät eine Vorstellung und wies u.a. auf die schweren Zerwürfnisse hin, die die Berufung eines unierten ordentlichen Professors für Fakultät und Landeskirche herbeiführen müsse. "Denn es liegt", heißt es am 17. März 1846, "im Wesen der unierten Theologie, daß sie gerade das, was die bestimmte und unterscheidende Eigentümlichkeit sowohl der lutherischen wie der reformierten Konfession ausmacht, negieren muß, um für sich selbst eine Berechtigung zu gewinnen; nur auf der Negation dieser Eigentümlichkeit kann sie sich erbauen wollen." "An der preußischen Landeskirche und ihren damaligen Zuständen steht uns ein warnendes Beispiel vor Augen, wohin die Unionsmacherei führt." "Die Anstellung eines unierten Dozenten", so urteilte man jetzt, nachdem man von den weitergehenden Absichten des pfälzischen Konsistoriums Kunde hatte, "dürfte aber der erste Schritt sein, dieselben Zustände auch in der diesseitigen Kirche anzubahnen". Das Oberkonsistorium nahm diese Auslassungen sehr übel. Man sah in dem Ausdruck "lutherische Kirche" das "Merkmal des Partikularismus". Nur der Oberkonsistorialrat Faber, der freilich auch die "starre Orthodoxie" der Erlanger Theologen verwarf, erkannte an, daß die Fakultät mit Recht sich als eine lutherische bezeichne, als solche überall angesehen werde und ihr lutherischer Charakter auch vom Staat gewährleistet worden sei. Die an das Ministerium gerichtete Antwort des Oberkonsistoriums vom 18. Mai 1846 auf die Vorstellung der Universität war scharf. Aber angesichts der Statuten der Fakultät wollte man sich jetzt mit einem außerhalb der Fakultät stehenden Professor "für die Studierenden aus der vereinigten Kirche" zufriedengeben, d.h., mit einem solchen, "der der unierten Kirche angehörte, nach seinen früheren Verhältnissen oder nach seiner jetzigen Richtung dem Bekenntnisse der reformierten Kirche zugetan wäre".

In der wachsenden Sorge vor der "Unionsmacherei" hatte die Fakultät schon vor dem Schreiben an das Oberkonsistorium beschlossen, sich in einer Immediateingabe an den König zu wenden (12. März 1846): "Wir glauben nur dann wegen des Skandalums, welches sich ergeben würde, wenn wir unseren beschworenen Pflichten gemäß aus einer gewaltsam unierten Fakultät als lutherische Theologen austreten müßten, außer Verantwortung zu sein, wenn wir uns an Ew. Majestät zuvor unmittelbar selbst gewendet haben, und wir sind überzeugt, daß, wenn wir dies getan haben, nichts mehr zu befürchten sei." Der König wird daran erinnert, daß er wiederholt ausgesprochen habe, er sei "wie dem Unglauben so der Bekenntnislosigkeit in der Kirche abhold". Es wird auf die traurige Lage der Dinge in Preußen hingewiesen und die bestimmte Zuversicht ausgesprochen, S. Majestät wolle nicht "das Band der Konfessionen auflösen und subjektiver Willkür auf dem Gebiete der protestantischen Kirche seines Landes Tür und Tor öffnen". Deshalb möge er dem Antrage des Oberkonsistoriums die Genehmigung versagen und in der Weise, wie Fakultät und Senat es vorgeschlagen hätten, die Bedürfnisse der unierten Kirche der Rheinpfalz befriedigen. Das Schriftstück wurde von den Professoren Thomasius, Kaiser, Höfling und Hofmann persönlich unterschrieben.

In München bewirkte die Haltung der Erlanger Theologen, daß die Sache wieder ins Stocken kam und man lange Zeit nichts hörte. Das Oberkonsistorium mußte seine Anträge am 23. Januar 1847 und dann am

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2. Juni 1847 erneuern. Es befand sich in einer schwierigen Lage. Denn von der Pfalz her wurde es immer

wieder scharf attackiert, und von Erlangen her hatte es den Argwohn der Unionsmacherei zu erleiden. Daß die Errichtung eines Lehrstuhls für die Pfalz sich so lange hinzog, lag wohl mit daran, daß es nicht leicht war, den geeigneten Professor dafür zu finden. Ein Kandidat Paul Eduard Dallaeus wurde genannt. Der wegen seiner stark rationalistischen Haltung gegen Rust einst in Ruhe versetzte Pfälzer Pfarrer Frantz bewarb sich darum. Schließlich richtete sich das Augenmerk auf den früheren Erlanger Privatdozenten und außerordentlichen Professor Ebrard in Zürich. Diesen hatte Krafft schon als seinen Nachfolger vorgeschlagen. Und Rust kannte ihn schon von Erlangen her. Wahrscheinlich wurde von Speyer aus Ebrard dem Ministerium als Professor "für die vereinigten Protestanten der Pfalz" vorgeschlagen. Er mag, obgleich reformiert, vielleicht auch wegen seiner positiven theologischen Stellung zur Union als geeignet erschienen sein. In den Akten des Oberkonsistoriums findet sich u.a. ein Schreiben Rusts an das Ministerium des Innern vom 28. Juni 1847, in dem er die Anstellung Ebrards befürwortet. Wie er sich "durch seine wissenschaftlichen Leistungen, sein Lehrtalent und seine fromme, christliche Richtung auszeichnet, so verdient er auch rücksichtlich seiner politischen Gesinnung alle Anerkennung. Er ist uns seit längerer Zeit persönlich und genau bekannt, und wir nehmen keinen Anstand zu versichern, daß er dem monarchischen Prinzipe mit Aufrichtigkeit zugetan ist und daß er, ein geborener Bayer, nie an der wärmsten Anhänglichkeit in Beziehung auf Thron und Verfassung es fehlen lassen würde". Es folgt eine Würdigung seiner theologischen Leistung und seiner Schriften. Eine politische Auskunft über ihn aus der Schweiz einzuholen, hat man Bedenken. Rust schließt mit dem Wunsch, daß der Lehrstuhl bald mit einem in jeder Hinsicht so empfehlenswerten Individuum, wie dem der reformierten Kirche angehörigen Ebrard, allergnädigst besetzt werde. Das Oberkonsistorium war also mit der Berufung Ebrards einverstanden, doch beantragte der Präsident Roth persönlich, "bei der beabsichtigten Anstellung den Anlaß oder Zweck derselben für die unierte Kirche der Pfalz" ganz unerwähnt zu lassen, wie dies auch früher bei der Anstellung Kraffts geschehen war. Darauf ging das Ministerium allerdings nicht ein.

Nun endlich kam es zur Gründung des reformierten Lehrstuhls. Der königliche Erlaß lautet : Koenigreich Bayern Ministerium des Innern für Kirchen- und Schul-Angelegenheiten Seine Seine Majestaet der König haben allergnädigst zu beschließen geruht: 1. daß, insolange Allerhöchstdieselben nicht anders verfügen, an der k[öniglichen] Universität Erlangen ein ordentlicher Professor der Theologie extra facultatem, reformirten Glaubens-Bekenntnißes, mit besonderer Rücksichtnahme auf die vereinigten Protestanten der Pfalz angestellt [werde], und zum Behufe der Besetzung dieses Lehrstuhls,

2. mit dem dermaligen reformirten Professor der Theologie zu Zürich, Dr. Ebrard, Unterhandlungen einzuleiten seyen, wobei demselben ein Jahresgehalt von 1100 fl in Geld, wovon nach erreichter definitiven Dienstes Eigenschaft 600 fl den Standes- und 500 fl den Dienstgehalt bilden, mit einem dem Dienstesgehalte zuzurechnenden Naturalbezuge von 2 Schäffel Weizen und 9 Schäffel Roggen im Geldanschlage zu 100 fl anzubieten sind.

Dieses wird dem Senate der k[öniglichen] Universität Erlangen unter Rückgabe der Beilage des Berichtes vom 3. März v[ergangenen] J[ahre]s mit dem Auftrage eröffnet, nunmehr wegen Einleitung der angeordneten Unterhandlungen mit Professor Ebrardungesäumtdas Weitere um so mehr zu verfügen und von dem Ergebnisse Anzeige zu erstatten, als hierdurch der Vollzug des bereits erwähnten Allerhöchsten Befehls bedingt ist.

München, den 14 ten Julius 1847

Der 14. Juli 1847 wurde das Gründungsdatum für den Lehrstuhl. Es wurde damit eine neue ordentliche Professur für Reformierte Theologie geschaffen. Ebrard sagte zu und wurde am 12. September 1847 mit dem Lehramt in Erlangen betraut. Dabei passierte das auffällige Versehen, daß das Oberkonsistorium in seiner an das Konsistorium in Speyer gerichteten Mitteilung vom 17. Juli 1847 über die neu errichtete Professur die in Erlangen für sehr wichtig gehaltene ausdrückliche Bezeichnung "reformirten

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Bekenntnisses"wegfallen ließ. Das wurde eine Quelle des Wirrsals bis in die neuere Zeit, indem man in

der Pfalz daraus später das Recht ableitete, auf die alte Forderung zurückzukommen, die fragliche Professur mit einem unierten Theologen zu besetzen. In der Tat ist es auffallend, daß man statt eines unierten Lehrstuhls, wie man erwartet hatte, für die unierte Pfalz eine reformierte Professur errichtet hat, was wohl dem Sträuben der Fakultät gegen einen unierten Theologen zuzuschreiben ist.

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Haas/Freudenberg: Reformierte Theologie in Erlangen

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2. Kapitel Die Geschichte des Lehrstuhls für Reformierte Theologie seit 1847 Mit der Berufung Ebrards am 12. September 1847 begann die Geschichte des Lehrstuhls für Reformierte Theologie in Erlangen. Laut Gründungsurkunde war und ist er eine ordentliche Professur, die aber lange Zeit "extra facultatem" stehen mußte, also außerhalb der Theologischen Fakultät, weil diese laut ihrer Verfassung von 1743 lutherischer Konfession ist und deren Status nicht verändert werden durfte. Dieser extra-facultatem-Status war ein Unikum, das es so an keiner anderen deutschen Universität gab. Diese Sonderstellung hatte der Lehrstuhl über 123 Jahre bis 1970. Das bedeutete, daß der jeweilige Lehrstuhlinhaber eigentlich eine ganze Fakultät zu vertreten hatte und die Freiheit besaß, jede theologische Disziplin zu lehren, was so universale Männer wie Ebrard und Müller auch leisten konnten.

Es kam bald zu Bemühungen, die Position des Lehrstuhls zu verstärken, indem Ebrard am 13. Mai 1852 die Bildung einer weiteren und engeren Fakultät, das Speyerer Konsistorium am 7. September 1852 gar die Errichtung einer kleinen reformiert-unierten Fakultät beantragte. Das lehnten jedoch die Theologische Fakultät und der Senat als den Rechten der Universität widersprechend ab. Nach Ebrards Versetzung als Konsistorialrat nach Speyer am 28. Februar 1853 wurde bei der Frage der Wiederbesetzung seiner Stelle die Forderung erneuert, jährlich eine Ehrenpromotion vorzunehmen. Alle diese Anträge wurden zurückgewiesen, ebenso der des pfälzischen Konsistoriums vom Herbst 1855, neben dem ordentlichen Professor für Reformierte Theologie - seit 1853 war das Johann Jakob Herzog -einen außerordentlichen Professor in der Person des deutsch-reformierten Pfarrers Karl Goebel, Kraffts Schwiegersohn, zu ernennen. Dazu sollten die durch den Tod des außerordentlichen Professors von Ammon flüssig gewordenen Mittel verwendet werden. Doch es blieb bei diesem einen Lehrstuhl.

Der Professor für Reformierte Theologie war durch seine extra-facultatem-Stellung einer Reihe von Einschränkungen unterworfen. Er konnte nicht an den Fakultätssitzungen und an Sitzungen wichtiger Ausschüsse teilnehmen und auch nicht Dekan der Theologischen Fakultät werden. Wohl gehörte er dem Großen Senat an und konnte Prorektor der Universität werden. Zwei der Professoren, nämlich Sieffert und Müller, bekleideten einmal dieses hohe Amt für je ein Jahr. Da der König bis 1918 nominell der Rektor magnificentissimus war, entsprach dieses Amt der Stellung der späteren Magnifizenz bzw. des Präsidenten. Daß diese Stellung unbefriedigend blieb, geht aus den Bemühungen Müllers hervor. In der Zeit vom 19. Juli 1913 bis 3. August 1914 versuchte er, durch Eingaben eine Eingliederung des Lehrstuhls in die Fakultät zu erreichen. Die Zeit war aber dafür noch lange nicht reif, und der Versuch mußte scheitern. Einen kleinen Erfolg hatte er doch, denn es wurde "die Mitbeteiligung des ordentlichen Professors der ref. Theologie am Promotionswesen sowie die Zulassung zur Wahl in den

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Disziplinarausschuß,in die Honorarienkommission, in die Bibliotheks- und Lesezimmerkommission"

erwirkt.

Das waren kleine Trostbrocken, mit denen sich Müller zufriedengeben mußte. Er hielt aber grundsätzlich seinen Anspruch aufrecht: "Mit diesen beiden Hauptpunkten will ich mich, wie gesagt, für meine Person zunächst zufriedengeben. Aber um der von mir vertretenen Professur willen halte ich es für meine Pflicht, nachdrücklich darauf hinzuweisen, daß eine grundsätzlich befriedigende Stellung des ordentlichen Professors der reformierten Theologie nur durch seine Aufnahme in die Fakultät herbeigeführt werden kann. Es soll in alle Zukunft nicht gesagt werden dürfen, daß der gegenwärtige Inhaber dieser Professur deren innerlich berechtigte Ansprüche grundsätzlich preisgegeben habe (...)". So blieb es bei dem extra-facultatem-Status noch lange Zeit bis Ende 1969.

Bislang zählt der Lehrstuhl für Reformierte Theologie neun Professoren: Johann Heinrich August Ebrard, Johann Jakob Herzog, Anton Emil Friedrich Sieffert, Johann Martin Usteri, Ernst Friedrich Karl Müller, Paul Sprenger, Jan Remmers Weerda, Joachim Berthold Staedtke und Alasdair Iain Campbell Heron. Unter diesen waren zwei Schweizer (Herzog und Usteri), zwei Nordwestdeutsche (Weerda und Staedtke), ein Erlanger hugenottischer Abkunft (Ebrard), ein Anhaltiner (Müller), ein Ostpreuße (Sieffert), ein Rheinländer (Sprenger) und ein Schotte (Heron). Zwei von den Deutschen kamen auf dem Umweg über die Schweiz nach Erlangen (Ebrard und Staedtke). Zu diesen Professoren zählten bedeutende Gelehrte, von denen über den Bereich ihres Lehrstuhls hinaus auch unierte und zahlreiche lutherische Theologen profitierten. Mehrere Generationen pfälzischer Pfarrer wurden in Erlangen trotz der reformierten Prägung der Theologie bis 1945 ausgebildet. Einige der Professoren starben früh: Usteri 42jährig nach nur einem halben Jahr Tätigkeit 1890, Sprenger 46jährig 1945, Weerda 57jährig 1963 und Staedtke 53jährig 1979