das

reformierte quartalsmagazin

herausgegeben im

auftrag des

reformierten bundes 3.

jahrgang 2002, nr. 2

Juni 2002

Thema: Hauptversammlung des Reformierten Bundes mit Beiträgen von Jörg Schmidt, Peter Bukowski und Hermann Schaefer

Reformierte in Europa Welche Strukturen brauchen die reformierten Kirchen in Europa. Hinweise von Hermann Schaefer

»A Lack of surprise« oder: Es fehlt an Überraschung Ein Bericht von Gesine von Kloeden über die Konsultation des Reformierten Weltbundes mit den Pfingstkirchen

up d@ te 0 2. 2 Aus Psalm 139 nach der Holy Bible. New International Version

Inhalt 2002.2

2 die-reformierten.upd@ te 02. 2

Inhalt Editorial 3 Aktuell 4 ff.

Reformierte in Europa 9 VON HERMANN SCHAEFER

Welche Strukturen brauchen die reformierten Kirchen?, fragt H. Schaefer und unter-sucht kritisch, welche Aufgaben der Europäische Gebietsausschuss des Reformierten Weltbundes wahrgenommen hat bzw. wahrnehmen kann. »A Lack of surprise« oder: Es fehlt an Überraschung 11 von GESINE VON KLOEDEN

Welche »Rolle« der Heilige Geist im Gottesdienst spielt (so weit die verschiedenen theologischen Traditionen darüber Auskunft geben), das und anderes war Thema der Konsultationen zwischen dem Reformierten Weltbund und den Pfingstkirchen, von denen G. von Kloeden berichtet.

Thema: Hauptversammlung des Reformierten Bundes in Nürnberg mit Berichten und Dokumenten von JÖRG SCHMIDT, PETER BUKOWSKI und HERMANN SCHAEFER 17

unter anderem mit den Berichten, die Moderator (P. Bukowski) und Generalsekretär (H. Schaefer) der Hauptversammlung über die Arbeit des Moderamens und in der Geschäftsstelle erstatten.

Impressum 46

Psalm 139 47

Siehaben warten müssen auf diese Ausgabe

von »die reformierten.upd@te«. Das hat sei-nen Grund: Mitte Juni fand in Nürnberg, wie Sie wissen, die Hauptversammlung des Refor-mierten Bundes statt. Und angesichts der Al-ternative, zur Hauptversammlung eine Aus-gabe zu erstellen oder danach (mit den ersten Berichten und Dokumenten der Tagung) habe ich mich dafür entschieden, so aktuell wie möglich von Nürnberg zu berichten. So liegt Ihnen also jetzt ein zudem erweitertes Heft vor, das ganz im Zeichen dessen steht, was die in Nürnberg Versammelten gehört, geredet und entschieden haben. Und mit dem Thema »Bilderverbot« gab es viel zu hören und zu bedenken. (Davon wird beizeiten der Dokumentations-band der Hauptversammlung zeugen [refor-mierte akzente 6], der die verschiedenen Vor-träge usf. beinhalten wird: die Predigt von D. Krabbe im Eröffnungsgottesdienst; die beiden Vorträge von M. Weinrich und M. Josuttis sowie die Bibelarbeit von M.-Th. Wacker. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer an der Hauptversammlung werden den Band zuge-stellt bekommen. Andere Interessierte können ihn über den foedus-verlag [oder eine Buch-handlung] bestellen.) In dieser Ausgabe von »die reformierten ...« finden Sie einen ersten Bericht sowie die Do-kumentation der Berichte, die Moderator wie

Generalsekretär der Haupt-versammlung vorgelegt und vorgetragen haben. Das Protokoll und eine Doku-mentation aller Beschlüsse wird der nächsten Ausgabe von »die reformierten ...« beiliegen. Apropos beiliegen: Diesem Heft liegt einmal bei ein Werbeprospekt von »zeitzeichen« und zum anderen vom foedus-verlag. Beide Berei-che waren und sind wichtig für die Publika-tionen aus dem Reformierten Bund. Wir bit-ten deshalb um Beachtung. Und ein Hinweis in eigener Sache zuletzt: Bitte teilen Sie uns mit, wenn sich Adressän-derungen ergeben. Nicht nur für die Zustel-lung dieses reformierten Quartalmagazins sind wir darauf angewiesen, möglichst ak-tuelle Daten zu erhalten. Auch für den »Ver-ein« Reformierter Bund ist es wichtig zu er-fahren, wohin seine Mitglieder verzogen sind (falls sie denn verziehen).

Ansonsten bleibt mir nur, Ihnen einen guten Sommer zu wünschen. Und viel anregende Lektüre mit dem Material der Hauptversamm-lung.

Ihr Jörg Schmidt

Hauptversammlung des Reformierten Bundes Editorial

die-reformierten.upd@ te 02. 2 3

Liebe Leserin, lieber Leser, Mit dem Thema »Bilderverbot« gab es bei der Haupt-versammlung in Nürnberg viel zu hören und zu bedenken.

EKD-Delegation besuchte

Partnerkirchen in Ungarn

Der Beitritt Ungarns zur Europäischen Union (EU) und die Rolle der Kirchen in Ungarn und Europa waren Themen einer Unterredung zwischen dem neuen ungarischen Premierminister Péter Medgyessy und einer Delegation der Evangelischen Kirche in Deutsch-land

(EKD) am 20. Juni in Budapest. In dem einstündigen Gespräch mit der durch den EKD-Ratsvorsitzenden Präses Manfred Kock geleiteten Delegation unterstrich Medgyessy, dass er die EU als eine Wertegemeinschaft verstehe, in der den Kirchen eine wichtige Rolle zukomme. Er bat den Ratsvorsitzenden, in der deutschen Öffentlichkeit den un-garischen EU-Beitritt zu unterstützen. Ferner betonte er, dass die Beziehung zu den Kirchen für die neue ungarische Regierung von großer Bedeutung sei und erklärte in Gegenwart der Bischöfe Gusztav Bölcskei (Reformierte Kirche in Ungarn) und Imre Szebik (Evangelisch-Lutherische Kirche in Ungarn) seine Bereitschaft zu einer konstruktiven Zusammenarbeit. Die Besucher aus der EKD hielten sich auf Einladung der bei-den evangelischen Partnerkirchen vom 16. bis 20.Juni in Ungarn auf, um die gegenseitigen Beziehungen zu stärken. So wurde am 16. Juni in der Deutsch-sprachigen Reformierten Kirche in Budapest eine »Gemeinsame Erklärung« über die Mitwirkung der EKD im »Pro-testantischen Forum«, einer Bildungs-einrichtung für Themen aus Kirche und Gesellschaft, unterzeichnet. Wie sich die starke Verbundenheit evangelisch-reformierter Christen in Ungarn mit ihrer Kirche in Notlagen bewährt, sahen die Besucher im Über-schwemmungsgebiet der Theiß in der Nähe von Debrecen. Dort hatte im ver-gangenen Jahr ein Hochwasser katas-trophale Schäden verursacht. Der Wiederaufbau sei in erstaunlich kurzer Zeit mit viel Eigenleistung, aber auch mit staatlicher Unterstützung durch-geführt worden, berichtete G. Noltens-meier, der Landessuperintendent der

sur an der Theologischen Fakultät der Universität Göttingen Mitglied des Landeskirchentages der Evangelisch-reformierten Kirche und im Modera-men des Reformierten Bundes. Er hat in diesen Funktionen Leben und Lehre der reformierten Gemeinden und Kir-chen entscheidend geprägt. Mehr als 70 Teilnehmerinnen und Teilnehmer waren der Einladung der Evangelisch-reformierten Kirche gefolgt. Viele Teil-nehmerinnen und Teilnehmer des Sym-posions hatten bei Otto Weber studiert oder promoviert. Im Mittelpunkt der zweitägigen Veranstaltung standen drei Vorträge, die sich mit dem Einfluss pie-tistisch- erwecklicher Theologie auf Otto Weber, mit seiner Stellung in der Zeit des Nationalsozialismus und Otto Webers Ekklesiologie beschäftigten. Das Otto Weber Symposion endete mit einem Gottesdienst in der Neuen Kir-che der Evangelisch-reformierten Ge-meinde Emden, in dem Landessuperin-tendent Walter Herrenbrück, Leer, die Predigt hielt.

ERK

Wege und Horizonte „Wege und Horizonte„ heißt der Ent-wurf für ein Leitbild der Lippischen

Landeskirche, den die Synode als

oberstes Leitungsgremium jetzt zur Diskussion in die Kirchengemeinden geben wird. Eine Projektgruppe hatte den Text seit Januar erarbeitet. Er ist Bestandteil des Leitbild- und Strukturentwicklungsprozesses, in dem sich die Lippische Landeskirche zur Zeit befindet. Sie wird dabei von einer Biele-felder Beratungsfirma moderiert. Der Entwurf ist in drei Teile gegliedert: »Woher wir kommen unsere Wurzeln; Wer wir sind unsere Gemeinschaft; Wohin wir gehen unsere Horizonte„. Das Leitbild versteht sich als »eine Grundlage für Ziele, die wir uns setzen wollen„, wie es im Vorwort heißt. Es soll

Lippischen Landeskirche, der ebenfalls zur EKD-Delegation gehörte. Bischof Dr. Gusztáv Bölcskei konnte seinen Gä-sten viele sanierte Kirchen und Ge-meindezentren zeigen. Ihre Wiederher-stellung wurde in guter Zusammenar-beit zwischen Kirche und Staat ver-wirklicht. Während eines Besuchs des Reformierten Kollegiums in Debrecen wurde deutlich, dass bei Ungarns Pro-testanten »Kirche und akademische Theologie sehr nah beisammen sind«, so Noltensmeier. Debrecen ist das Zen-trum der Reformierten Kirche des Lan-des. Gesprächsthema war auch ihr Ver-hältnis zur Staatsmacht in der Zeit der kommunistischen Diktatur. Dieses Ver-hältnis ist nach Worten Noltensmeiers »bisher nicht betont aufgearbeitet«, aber durchaus Gesprächsthema. Man beschäftige sich mit diesem Fragen-komplex, und »viele in dieser Kirche wünschen sich hier mehr Offenheit.« Zur Delegation der EKD gehörten neben Präses Kock auch Bischof Dr. Hans-Jür-gen Abromeit Abromeit (Pommersche Evangeli-sche Kirche, Greifswald) und Landessu-perintendent Gerrit Noltensmeier, (Lip-pische Landeskirche, Detmold) sowie Oberkirchenrat Reiner Rinne aus dem Kirchenamt der EKD in Hannover und Oberkirchenrat Wilfried Neusel und Landespfarrer Hans-Peter Friedrich aus dem Landeskirchenamt der Evangeli-schen Kirche im Rheinland (Düsseldorf).

ekd / Lippische Landeskirche

Otto Weber-Symposion in in Emden Am 4. Juni wäre Professor Dr. Otto Weber 100 Jahre alt geworden. Aus Anlass dieses Jahrestages wurde am ersten Juni-Wochenende in der Johan-nes a Lasco Bibliothek in Emden an Leben und Werk des reformierten Theologen erinnert; die Evangelisch-reformierte Kirche hatte zu einem ›Otto-Weber-Symposion‹ eingeladen. Otto Weber war neben seiner Profes-

Aktuell EKD / Ev.-ref. Kirche

4 die-reformierten.upd@ te 02. 2

Zielist außerdem, sich nicht auf den

kirchlichen Binnenraum zu beschrän-ken, sondern auch Begegnung mit denen zu suchen, die sich der Kirche nicht oder kaum verbunden fühlen. Ebenso wird der Anspruch beschrieben, mit deutlich vernehmbarer Stimme für die sozial Benachteiligten einzutreten. Dazu gehört auch, auf die gesellschaft-lichen Wurzeln der Missstände hinzu-weisen und an ihrer Veränderung zu arbeiten.

Lippische Landeskirche

als Standortbestimmung und als Orien-tierungsrahmen für kirchliches Handeln dienen. Die Synode hat den Text auf ihrer Frühjahrstagung von 26. bis 28. Mai noch nicht grundsätzlich inhaltlich diskutiert. Dies ist im November vorge-sehen, nachdem das Leitbild in den Kir-chenvorständen, Pfarrkonventen und Kreissynoden beraten wurde. Im rückblickenden Teil wird die volks-kirchliche Tradition und Struktur be-schrieben als »wertvolles Erbe, das wir sorgsam pflegen.„ In vielen Gemeinden sei die Kirche mitten im Dorf »nicht nur als Gebäude, sondern auch in allen Bereichen des öffentlichen und priva-ten Lebens.„ Einen besonderen Rang nimmt im zweiten Teil der Gottesdienst ein. »So unterschiedlich wie die Men-schen in den Gemeinden, so vielfältig sind die Gestaltung der Gottesdienste und die gelebte Frömmigkeit„, heißt es in dem Text. Die Liebe Gottes, die über

Grenzen hinaus führt, wird im Blick auf ökumenische Beziehungen und den Di-alog mit anderen Religionen angespro-chen. Weitere Kernsätze halten den Anspruch fest, den Menschen Hilfe und Halt, Trost und Beistand, Orientierung und Heimat zu geben. Im dritten Teil heißt es: »Wir gehen in eine Zukunft, in der wir uns der Vielfalt der Glaubens-und Lebensformen stellen.„ Aktuelle Veränderungen werden als Chance und Herausforderung beschrieben: »Wir sind bereit, uns auf Neues einzulassen. Was lange selbstverständlich war, darf überprüft werden.„ Kirchen als Räume der Stille und zum Innehalten im Alltag sollen, so das Ziel, nicht nur sonntags zugänglich sein. Und weiter: »Gemein-den unterschiedlicher Prägung über-winden lähmende Konkurrenz und Ri-valität. Sie kooperieren. Sie bündeln ihre Kräfte, indem sie stellvertretend Aufgaben füreinander übernehmen.„

Lippische Landeskirche Aktuell

die-reformierten.upd@ te 02. 2 5

So machen es die anderen ... Die Werbekampagne der EKD hatte dru 02.01 kritisch kommentiert. Wie es mit der Kirchenwerbung auch geht, zeigt ein Blick in die Schweiz. Die dortige reformierte Kirche hat ebenfalls vor einiger Zeit eine Werbekampagne gestartet: „Selber denken. Die Reformierten.“ Ein Beispiel der vier Plakatmotive findet sich auf dieser Seite, ein weiteres auf S. 11. Nähere Informatio-nen bietet das Internet: www.ref.ch /selberdenken. Viel Spaß beim „Selber Denken“.

OrthodoxeMitarbeit

im ÖRK

Am Ende ihrer vierten und abschließen-den Plenartagung vom 27. Mai bis 2. Juni in Järvenpää, Finnland, gab die »Sonderkommission zur orthodoxen Mitarbeit im Ökumenischen Rat der Kir-chen« (ÖRK) folgendes Kommuniqué heraus:

Die »Sonderkommission zur orthodoxen Mitarbeit im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK)«, die zu ihrer vierten Ple-nartagung vom 27. Mai von 2. Juni 2002 auf Einladung der Evangelisch-Lutherischen Kirche Finnlands und der Orthodoxen Kirche von Finnland in Jär-venpää, Diözese Helsinki, Finnland, zu-sammengekommen war, hat ihr Man-dat erfüllt. Ergebnisse und Empfehlun-gen, die während der dreijährigen Tä-tigkeit der Kommission erarbeitet wor-den sind, werden in einem Abschluss-bericht, dem sogenannten »Helsinki-Bericht«, zusammengefasst. Die Kom-mission wird ihre Arbeitsergebnisse dem ÖRK-Zentralausschuss vorlegen, der in diesem Jahr vom 26. August bis zum 3. September in Genf, Schweiz, tagen und über die Empfehlungen be-raten wird. Die Kommission ist paritätisch mit Ver-treterinnen und Vertretern der Öst-lichen und der Orientalischen orthodo-xen Kirchen sowie mit Vertreterinnen und Vertretern anderer Mitgliedskir-chen des ÖRK besetzt und vom ÖRK-Zentralausschuss eingesetzt worden. Ihre beiden Vorsitzenden waren Metro-polit H. E. Chrysostomos von Ephesus (Ökumenisches Patriarchat von Kon-stantinopel) und Bischof Rolf Koppe (Evangelische Kirche in Deutschland, EKD). Gemäß ihrem Mandat unterbreitete die Kommission »Vorschläge zu den not-wendigen Veränderungen in Struktur, Stil und Ethos des Rates« und befasste sich dabei vor allem mit ekklesiologi-schen Fragen; Prozessen der Entschei-dungsfindung; gemeinsamen Andach-ten; sozialen und ethischen Fragen Fra-

gen im Zusammenhang mit der Mit-gliedschaft. Dem »Helsinki-Bericht« sind drei Anhänge beigefügt, die weitere In-formationen und Empfehlungen zu den Prozessen der Entscheidungsfindung im Konsensverfahren, zu gemeinsamen An-dachten bei ÖRK-Versammlungen sowie zur Arbeit der vom ÖRK-Exekutivaus-schuss eingesetzten eingesetzten Studiengruppe für Fragen der Mitgliedschaft enthalten. „Ekklesiologische Fragen werden von allen von der Sonderkommission be-handelten Themen - sozialen und ethi-schen Fragen, die gemeinsame Andacht bei ÖRK-Versammlungen, Fragen der Mitgliedschaft und Vertretung und dem Verfahren gemeinsamer Entscheidungs-findung - berührt«, heben die Mitglie-der

der Kommission in ihrem Ab-schlussbericht hervor. Um diesen Themen in den Leitungsgre-mien des ÖRK vorrangige Aufmerksam-keit zu verschaffen, empfiehlt die Kom-mission die Einsetzung eines Ständigen Ausschusses zur orthodoxen Mitarbeit im ÖRK, der mit 14 Mitgliedern, zur Hälfte mit Orthodoxen, besetzt werden soll.

Es wird vorgeschlagen, dass der Ständi-ge Ausschuss mit folgenden Aufgaben betraut werden soll: 1) weitere Wahrnehmung der Ermäch-tigung, Fortsetzung des Mandats, Weiterarbeit an den Anliegen und Bei-behaltung der Dynamik der Sonder-kommission;

2) im Interesse der Konsensfindung Be-ratung des ÖRK bei den Themen, die vom ÖRK aufgegriffen werden sollen; 3) Beachtung von Fragen der Ekklesio-logie.

Der »Helsinki-Bericht« empfiehlt, den derzeitigen Lenkungsausschuss der Sonderkommission zu beauftragen, diese Funktion bis zur nächsten Voll-versammlung des ÖRK wahrzunehmen.

Die Kommission schlägt das Konsens-verfahren für die Entscheidungsfindung vor, um »zu gewährleisten, dass alle Mitglieder bei den verschiedenen Zu-sammenkünften mitarbeiten können«, »die Rechte aller Kirchen, insbesondere derjenigen, die eine Minderheitsmei-nung vertreten, zu wahren«, und »mehr Kooperation und Einvernehmen bei der Entscheidungsfindung herzustellen.«

Aktuell Ökumenischer Rat

6 die-reformierten.upd@ te 02. 2

Von links: Bischof Voitto Huotari , Finland; H.E. Metropolitan Chrysostomos von Ephesus, Ökumenisches Patriarchat von Konstantinopel (Griechenland]; Bischof Dr Rolf Koppe, Deutschland; H.E. Metropolitan Ambrosius von Helsinki, Finnland. Foto: Henna Aaltonen / WCC

DieKommission gibt ferner ihrer Hoff-nung

Ausdruck, dass »das Konsensver-fahren bei der Entscheidungsfindung das gegenseitige Vertrauen vertiefen und es damit allen leichter machen wird, sich ohne Vorbehalte an der De-batte über alle drängenden ethischen und sozialen Probleme zu beteiligen. Einerseits bekräftigt die Kommission die Funktion des ÖRK als »notwendiges und hilfreiches Instrument zur Behand-lung sozialer und ethischer Fragen«, er-innert aber zugleich den ÖRK daran, dass »die Beschäftigung mit sozialen und ethischen Problemen, die zur ge-meinsamen Beratung vorgeschlagen wurden, auch ständig beobachtet wer-den muss.« Im Verlauf seiner dreijährigen Arbeit hat die Kommission stets die Notwen-digkeit sorgfältiger theologischer und praktischer Leitlinien für die gemeinsa-me Andacht bei ÖRK-Versammlungen hervorgehoben, hervorgehoben, um größere »Sensibi-lität dafür zu wecken, ob wir einander möglicherweise unbewusst verletzen«, und diejenigen, die die gemeinsame Andacht planen, besser auf sensible Bereiche vorzubereiten. In einem An-hang zum Abschlussbericht gibt die Sonderkommission nunmehr einen Rahmen für die gemeinsame Andacht bei ÖRK-Versammlungen vor, nach dem zwischen »konfessionellen« und »inter-konfessionellen« gemeinsamen Feiern unterschieden wird. Die Sonderkommission empfiehlt, der Zentralausschuss möge den Kirchen, die künftig Beziehungen zum ÖRK auf-nehmen wollen, zwei Alternativen an-bieten:

1) der Gemeinschaft des ÖRK als Mit-gliedskirchen anzugehören, oder 2) assoziierte Kirchen des ÖRK zu wer-den.

Die Mitglieder der Kommission nahmen am Donnerstag, 30. Mai, an einer Ves-perfeier in der Lutherischen Kathedrale in Helsinki und am Sonntag, 2. Juni, an der Göttlichen Liturgie in der Orthodo-xen Kathedrale in Helsinki teil. Beide finnischen ÖRK- Mitgliedskirchen haben wiederholt hervorgehoben, wie sehr die ökumenische Gemeinschaft

zwischen ihnen gewachsen sei. Der Lu-therische Erzbischof Jukka Paarma hieß die Kommissionsmitglieder bei einem Empfang willkommen. H.E. Metropolit Chrysostomos von Ephesus sprach der Evangelisch-Lutherischen Kirche Finn-lands seinen tiefempfundenen Dank für die großzügige Gastfreundschaft aus.

Ökumenischer Rat / Reformierter Bund Aktuell

die-reformierten.upd@ te 02. 2 7

Reformierter Bund: Endlich auch im »Netz«

»Die anderen« sind es alle schon, zum Teil schon seit Längerem: im »Netz«. Was bis vor einigen Jahren eher Fra-gen hervorgerufen hätte, ist heute den Meisten nichts Unverständliches mehr: »im Netz sein«. Fast legendär die Wer-bung mit Boris Becker: »Ich bin drin«. Das könnten die Mitarbeitenden und die Mitglieder des Reformierten Bun-des jetzt auch sagen: »Wir sind drin«. Zur Hauptversammlung ist die Inter-netseite des Bundes endlich fertig geworden. Erstellt wurde sie von Mit-

arbeitern des Projektes »reformiert-online«. Und aussehen tut sie, wie der »Screenshot« so sagen die, die Be-scheid wissen zeigt: eine bewusst einfache, aber eben doch gestaltete Seite, die durch die Schlichtheit sich wohltuend von den bunten Seiten der unzähligen Anbieter im Netz abheben soll. Schauen Sie sich das Angebot des Bundes an. Es ist zwar noch im Aufbau begriffen, aber es lohnt schon. Im übrigen handelt es sich bei den vier Herren, die sich auf der Startseite fin-den, um Calvin, Zwingli, Farel und Bucer. Und nun viel Spaß beim Entdecken.

Vor allem dankte er Bischof Voitto Hu-otari und dem Metropoliten Ambrosius von Helsinki für die Einladung nach Finnland und für die hervorragende Vorbereitung und Koordination.

ÖRK

Startseite des Internet-Auftritts des Reformierten Bundes

Richtigstellung

Schon im August vergangenen Jahres hatte die Kirchenleitung des Distriktes Oradea in Rumänien auf einen Kom-mentar von Hermann Schaefer mit einer Richtigstellung geantwortet. Durch einige Missverständnisse, die die Redaktion zu verantworten hat, ist diese Reaktion nicht gedruckt worden. Das holen wir jetzt nach, verbunden mit dem Ausdruck des Bedauerns.

Großwardein/Oradea, am am 25. August 2001

Mit Überraschung haben wir den Kom-mentar von Pfarrer D. Hermann Schae-fer, Generalskretär des Reformierten Bundes, betreffend Siebenbürgen in der Zeitschrift die reformierten.upd@te (Juni 2001, Konfliktträchtige Verhand-lungen mit reformierten Kirchen in Kroatien und Siebenbürgen) gelesen. Nach Meinung unserer Delegation, die an der vom Reformierten Bund in Klau-senburg durchgeführten Rumänien-Konsultation teilgenommen hat, gibt der Bericht von Hermann Schaefer ein falsches Bild über das Leben unseres Kirchendistriktes. Wir bedauern das Vorgehen von Generalsekretär Schaefer; es wäre unseres Erachtens viel vernünftiger gewesen, seine Beobachtungen hin-sichtlich der Konsultation vorher mit uns zu besprechen.

Wir möchten für die Leser von die re-formierten. upd@te deshalb richtig stellen: Bischof László Tökés hat in der Vorkon-ferenz die Verteilungspraxis der Evan-gelischen Partnerhilfe nicht angegrif-fen,

und er hat nicht behauptet, dass

der Kontaktmann für die reformierten Kirchen, D. Hermann Schaefer, für den Rückgang der Spenden verantwortlich ist. Bischof Tökés hat lediglich die sachdienlichen Fragen wiederholt, die der Kirchenrat des Kirchendistriktes

Oradea bezüglich der drastischen Ver-minderung der Spenden im Jahr 2000 gestellt hat. Seit Dezember 2000 haben wir uns durch Briefe an unseren Kontaktmann Hermann Schaefer gewandt, um die Ursachen der Spendenverminderung zu klären; aber wir haben von ihm keine endgültige, klar stellende Antwort auf unsere Fragen erhalten. Er kann also nicht behaupten, dass unsere even-tuell fehlerhaften Angaben für das Jahr 1999 für die Kürzung der jähr-lichen Spenden von der Evangelischen Partnerhilfe im Jahr 2000 verantwort-lich ist.

Ebenfalls hat Bischof Tökés nicht erst

bei der Eröffnung gegen die Anwesen-heit der zwei Pfarrer Einwand erhoben, die Generalsekretär Schaefer eingela-den hat. Entsprechend der Aufforderung des Ge-neralsekretärs hatte unser Amt recht-zeitig die Mitglieder unserer Delegation für die Konsultation ernannt und ihm mitgeteilt. Als wir den Programment-wurf und die Teilnehmerliste erhielten, hat Bischof Tökés im Brief gegen das Verfahren des Generalsekretärs prote-stiert, selbständig zwei »Experten« ein-zuladen. Unserer Meinung verstößt das gegen die internationale Praxis des kirchlichen Vertretungsprinzip. Und wir verstehen die Einladung der zwei sog. »Experten« als Eingriff in die inneren Angelegenheiten unseres Kirchendi-striktes.

Beide von Generalsekretär Schaefer Eingeladenen sind im übrigen zwi-schenzeitlich wegen ernster Diszipli-narvergehen durch den Kirchenrat und die Generalversammlung des Kirchen-distriktes verurteilt worden.

Außerdem stellen wir fest: Anders als es der im Schlussteil des Berichtes von Generalsekretär Schaefer zitierte ano-nyme »auswärtige Begleiter« behauptet hat, arbeiten die zwei reformierten Di-strikte in Rumänien in der letzten Zei-ten zielbewusst an einer immer engerer Beziehung. Hermann Schaefer hat geschrieben:

»Mit nicht geringerer Sorge betrachtet er (d.i.: der oben erwähnte auswärtige Begleiter) die Entscheidung des Euro-päischen Gebietsausschusses des Reformierten Weltbundes, die nächste Versammlung auf Einladung von Bischof Tökés im nächsten Jahr nach Großwardein/Oradea einzuladen. Nicht nur die breite Opposition in der Pfar-rerschaft befürchtet, dass der Bischof diese europäische Tagung nicht nur zu seiner Selbstdarstellung, sondern auch zur Disziplinierung seiner ›Gegner‹ nut-zen wird.« Wir finden es vollkommen unverständ-lich, dass ein verantwortlich denkender Christ solche Gedanken formuliert; und andererseits sind wir bestürzt darüber, dass Generalsekretär Schaefer solchen, mit böser Absicht formulierten und un-wahren Informationen Glauben schenkt und sie veröffentlicht.

Mihály Lugosi János Antal Berater ÖKR

Aktuell Richtigstellung

8 die-reformierten.upd@ te 02. 2

Vom18. bis 23. August diesen Jahres findet in

Großwardein/Oradea in Rumänien die Euro-päische Gebietsversammlung des Reformier-ten Weltbundes (RWB) statt, zu der Delegierte von 40 Mitgliedskirchen eingeladen sind. Jede dieser Kirchen die Reformierte Kirche aus Polen mit ca. 4.000 oder die Reformierte Kir-che aus Ungarn mit ca. zwei Millionen Mit-gliedern kann allerdings lediglich zwei De-legierte entsenden, gegebenenfalls eine weite-re Person als Berater oder Beraterin. An der letzten Gebietsversammlung 1987 in Edin-burgh / Schottland hatten über 200 Dele-gierte teilgenommen, gestaffelt nach der zah-lenmäßigen Größe der Mitgliedskirche (vom Reformierten Bund waren damals sechs Perso-nen entsandt worden). Der (von der Gebiets-versammlung gewählte) Europäische Gebiets-ausschuss hat sich zu dieser Ausnahmerege-lung entschlossen, nachdem in den letzten Jahren zunehmend die Arbeitsweise und die Struktur des Europäischen Gebietes in Frage gestellt worden sind. In Europa sind in den letzten Jahren insbe-sondere nach dem Umbruch von 1989 ver-schiedene regionale und gesamteuropäische Netzwerke auf- oder ausgebaut worden, die sich vielfach kaum mehr ergänzen, sondern überschneiden. So sind die europäischen Mit-gliedskirchen des RWB zugleich Mitgliedskir-chen der 1973 ins Leben gerufenen Leuenber-ger Kirchengemeinschaft und der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK). Zudem gehören viele reformierte Kirchen nationalen oder übernationalen Gliederungen an wie etwa die meisten Mitgliedskirchen des Reformier-ten Bundes der Evangelischen Kirche der Uni-on bzw. der Arnoldshainer Konferenz und der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) –, die wiederum in eigener Regie oder gemein-sam, ihre Interessen im europäischen Kontext vertreten. In diesem komplizierten Geflecht konnte der Europäische Gebietsausschuss bei der gerin-gen personellen und finanziellen Ausstattung als regionale Gliederung des RWB kaum

eine eigenständige Rolle etwa als europäische Vertretung der reformierten Kirchen spielen oder auch nur die Aufgabe wahrnehmen, die Aktivitäten der Mitgliedskirchen mit denen der Leuenberger Kirchengemeinschaft oder der KEK zu verzahnen oder auch nur mit denen des RWB. Und wenn der Gebietsaus-schuss auf Anfragen einzelner Mitgliedkir-chen aktiv geworden ist und z.B. Delegatio-nen in osteuropäische Krisenregionen ent-sandt hat geschah das ohne Verbindung mit bestehenden regionalen Kooperationsnetzen und war daher auch wenig effektiv. Auch die Durchführung thematischer Tagungen war nicht abgestimmt mit anderen Angeboten zum gleichen Thema von Mitgliedskirchen des Europäischen Gebietes oder der Konferenz Europäischer Kirchen und daher politisch und kirchenpolitisch kaum von Belang. Im Zusammenhang mit der Vollversammlung der Leuenberger Kirchengemeinschaft im Juni 2001 in Belfast ist von verschiedenen refor-mierten Kirchen so von Vertretern des Schweizer Evangelischen Kirchenbundes (SEK), der »Samen-op-weg-Kerken« (SOW-Kirchen) aus den Niederlanden und der Mit-gliedskirchen des Reformierten Bundes in Deutschland signalisiert worden, dass sie im europäischen Kontext dem Leuenberg-Pro-zess Priorität Priorität einräumen und dementspre-chend das Engagement in anderen parallelen Zusammenschlüssen reduzieren wollen. Das Moderamen des Reformierten Bundes hatte die kritischen Anfragen bereits Anfang letz-ten Jahres mit den Mitgliedern des Europäi-schen Gebietsausschusses aus Deutschland diskutiert und mit ihnen verschiedene Verab-redungen getroffen, um die strukturellen De-fizite im Hinblick auf die Kooperation zwi-schen dem Europäischen Gebietsausschuss, dem Reformierten Weltbund und dem Refor-mierten Bund zu beheben. Nach der Verschär-fung kritischer Anfragen gegenüber Rolle und Funktion des Europäischen Gebietsausschus-ses nach der Vollversammlung der Leuenber-ger Kirchengemeinschaft in Belfast hatte das

Europäischer Gebietsausschuss Reformierter Bund

die-reformierten.upd@ te 02. 2 9

Welche Struktu-ren brauchen die reformierten Kirchen, um ihren Beitrag zur Profilierung des europäischen Protestantismus leisten zu können? Was wie eine rhetorische Frage sich liest schließlich gibt es ja den Europäischen Gebietsaus-schuss des Reformierten Weltbundes ist so einfach nicht, wie H. Schaefer zeigt. Eine Über-arbeitung der Koordinierungs-strukturen ist angesichts der politischen und kirchlichen Entwicklungen in Europa unumgänglich.

Reformierte in Europa Welche Strukturen brauchen die reformierten Kirchen? VON HERMANN SCHAEFER

Moderamenzu einer weiteren Gesprächsrun-de

nach Wuppertal eingeladen, um mit den Mitgliedern des Europäischen Gebietsaus-schusses Möglichkeiten einer grundlegenden Veränderung seiner Struktur auszuloten. In der Auswertung der Gespräche hat das Mo-deramen des Reformierten Bundes ein Kon-zept der Neugestaltung erarbeitet, das umge-hend mit möglichst vielen Partnerkirchen di-skutiert und dann in Oradea zur Abstimmung gestellt werden soll. Dieses Konzept basiert einmal auf dem Urteil, dass der Europäische Gebietsausschuss in seiner derzeitigen Struk-tur für die Koordinierung der Aktivitäten der Mitgliedskirchen des Reformierten Weltbun-des im europäischen Kontext nicht hilfreich ist, und zum anderen auf der Absicht, der Leuenberger Kirchengemeinschaft Vorrang einzuräumen. Danach sind nach der Über-zeugung des Moderamens folgende Funk-tionen bzw. Serviceleistungen für die refor-mierten Kirchen in Europa nach wie vor wichtig oder unverzichtbar: Die Erarbeitung qualifizierter theologischer Beiträge (Reformierte Theologie) müsste im reformierten Bereich anregt, miteinander ab-stimmt und in die Diskussionsprozesse der Leuenberger Kirchengemeinschaft, der Konfe-renz Europäischer Kirchen und auch in die theologische Dialogarbeit des RWB einge-bracht werden. Die Anfragen aus reformierten Kirchen in Europa müssten aufgenommen und sachge-mäß bearbeitet werden können u.a. durch Beratung, Begleitung und koordinierte Hilfen. Die Impulse aus der Arbeit des RWB müss-ten in die europäischen Mitgliedskirchen ver-mittelt werden, die Anstöße aus den europäi-schen reformierten Kirchen ebenso für die Ar-beit des RWB fruchtbar gemacht werden.

Für die Wahrnehmung dieser Funktionen würde folgende Struktur ausreichen: Um Anfragen aus den reformierten Kirchen in Europa sachgemäß aufnehmen und gezielt helfen zu können, ist kein ständiger Gebiets-ausschuss notwendig, sondern eine Koordi-nierungsstelle, die beim RWB in Genf ange-siedelt werden sollte. Ein Koordinator / eine Koordinatorin hätte die Aufgabe, die in ver-schiedenen reformierten Kirchen oder deren Einrichtungen arbeitenden Fachleute und Multiplikatoren anzusprechen und Hilfen zur Finanzierung von Projekten sowie zur Kon-

fliktlösung über die vielfältig vorhandenen regionalen Strukturen zu vermitteln. Ein Koordinator / eine Koordinatorin hätte darüber hinaus die Aufgabe, die Arbeit des RWB in die Mitgliedskirchen und umgekehrt Anstöße aus dem europäischen Kontext in den RWB zu vermitteln. Insbesondere sollte er/sie die die kleinen Mitgliedskirchen etwa durch die Organisation von Konsultationen in die Ar-beit einbeziehen. Für die Erarbeitung qualifizierter theologi-scher Beiträge ist eine theologische Task Force einzurichten, in die z.B. Mitglieder des derzei-tigen Theologischen Ausschusses des Europä-ischen Gebiets berufen werden könnten. Diese theologische Task Force müsste nicht in einen ständigen Gebietsausschuss eingebunden sein, sondern könnte von den Delegierten der reformierten Kirchen, etwa der Leuenberger Kirchengemeinschaft jeweils vor den Voll-versammlungen, oder des RWB jeweils im Zusammenhang mit dessen Generalversamm-lung, berufen und beauftragt werden. Die Durchführung einer eigenen Gebietsver-sammlung ist dann überflüssig. In ersten Kontakten mit Partnerkirchen ist das Anliegen insgesamt sehr positiv aufge-nommen worden; lediglich zu einzelnen kon-kreten Vorschlägen sind kritische Rückfragen gestellt worden ob z.B. eine Koordinie-rungsstelle nicht besser bei der Johannes a Lasco Bibliothek in Emden angesiedelt wer-den sollte, die ja das gesamte Informations-netz für den RWB, die Mitgliedskirchen und die Leuenberger Kirchengemeinschaft be-treut, statt beim Stab des RWB in Genf, vom dem eine einzelne Person zu leicht für ande-re Aufgaben eingesetzt werden könnte. Ob allerdings auf der Gebietsversammlung im August in Großwardein/Oradea eine Mehr-heit für das Vorhaben zu gewinnen ist, er-scheint völlig offen. Insbesondere die kleinen Kirchen werden sich wohl schwerer tun als die großen mit ihren eher zu vielen ökumeni-schen Verpflichtungen, solche guten Kon-taktmöglichkeiten wie eine europäische Ge-bietsversammlung aufzugeben und sie sind in Oradea mit ihren jeweils zwei Delegierten viel stärker als die zahlenmäßig größeren Kir-chen vertreten! Und welche der größeren und der wenigen finanzkräftigeren Mitgliedskir-chen wird es wagen, gegen das ökumenische Tabu zu verstoßen, und mit der Weigerung zu drohen, solche teuren, ineffizienten Großta-

Reformierter Bund Europäischer Gebietsausschuss

10 die-reformierten.upd@ te 02. 2

Die Impulse aus der Arbeit des RWB müssten in die europäischen Mit-gliedskirchen

vermittelt werden, die Anstöße aus den europäischen reformierten Kirchen ebenso für die Arbeit des RWB fruchtbar gemacht werden.

Eskann

noch eine Zeit dauern, bis ein Beschluss umgesetzt werden kann.

gungen wie die europäische Gebietsver-sammlung weiterhin zu finanzieren? Erst die vorletzte Europäische Gebietsver-sammlung fand in Rumänien statt. Auf die Nachfrage, ob es sinnvoll sei, so bald schon wieder nach Rumänien einzuladen zumal die gastgebende ungarisch-reformierte Kirche (der westliche Distrikt der reformierten Kirche in Rumänien mit Sitz in Großwardein/Oradea) derzeit derzeit mit massiven innerkirchlichen Proble-men zu kämpfen hat –, wurde darauf verwie-sen, dass keine andere Mitgliedskirche sich bereit gefunden habe, eine Einladung auszu-sprechen. Kann man das anders deuten, als dass jedenfalls von den potenteren Kirchen die Gebietsversammlung nicht als besonders attraktiv eingeschätzt wird? Ein Grund mehr, die Struktur zu überdenken. Aber selbst wenn eine Mehrheit der Delegier-ten in Oradea für die Annahme eines neuen

Konzeptes gewonnen werden könnte, kann es noch eine Zeit dauern, bis ein Beschluss dann umgesetzt werden kann. Das Europäische Ge-biet hat nämlich eine Ordnung, die in »Zu-satzbestimmungen« (Bye-Laws) festgelegt ist, die 1973 von einer Europäischen Gebietsver-sammlung in Amsterdam angenommen wor-den sind (und mit Änderungen vom Exekuti-vausschuss des RWB 1991 und nochmals 1994 genehmigt worden sind). Und eine sat-zungsgemäße Änderung dieser Zusatzbestim-mungen muss nicht nur mit »Stimmenmehr-heit der Delegierten (erfolgen), die an einer Gebietsversammlung teilnehmen«, sondern steht unter dem »Vorbehalt der Zustimmung der Generalversammlung oder des Exekuti-vausschusses des RWB« und der wird wohl kaum vor der nächsten Generalversammlung des RWB 2004 in Accra/Ghana eine Entschei-dung fällen.

»Welche Erfahrungen mit dem Heiligen Geist machen Sie im Gottesdienst? Und wie wissen Sie, dass eine Erfahrung im Gottesdienst von Gott kommt? 1 Oder haben Sie aufgrund

schlechter Erfahrungen (z.B. geistlose Predig-ten und Langeweile) schon aufgehört, Gottes Geist im Gottesdienst zu erwarten?« Um diese Fragen ging es in der ersten Konsul-tation einer zweiten Dialogrunde zwischen Vertreter/innen der Pfingstkirchen und dem Reformierten Weltbund vom 16.-23. Mai 2002 in Amsterdam. Die gesamte Dialogrunde steht unter dem Thema »Experience in Christian Faith and Life« und endet im Jahr 2006. Vor-angegangen war eine fünfjährige Runde erster Begegnungen zwischen Delegierten des Refor-mierten Weltbundes und leitenden Pfarrern und Professoren aus der Pfingstbewegung. 2

Die Pfingstler sind die weltweit am schnellsten wachsende Bewegung unter Christen. Zu ihnen gehören insbesondere auf der Südhalbkugel der Erde Gemeinden, zu der mehrere zehn-

tausend Mitglieder zählen. Sie führen ihren Glauben auf die Ausgießung des Heiligen Gei-stes in ihren Herzen zurück, durch die sie er-weckt werden und sich bekehren. Sie lassen sich mit dem Heiligen Geist (wieder-)taufen und und mit Gaben nach 1. Kor. 12, 8-10 (»Dem einen einen wird durch den Geist gegeben, von der Weisheit zu reden...«) ausstatten. Während diese Merkmale für alle Pfingstler gelten, ist die Bewegung doch in sich je nach Kontext und Entstehungsalter sehr verschieden: Die »Assemblies of God« in Nordamerika sind z.B. bereits Pfingstler der vierten oder fünften Ge-neration und fast eine etablierte Kirche, die auch in der Politik inzwischen ihren Platz be-hauptet 3 ; Pfingstler in Korea sind ebenfalls

etabliert und haben durch und durch organi-sierte kirchliche Strukturen entwickelt. Ihre Kirchen sind die reichsten der Welt und inve-stieren ihr Vermögen in Fernsehkanäle und andere Medien, die der lokalen und weltweiten Mission dienen (die größte Pfingstgemeinde

Dialog mit den Pfingstkirchen rwb

die-reformierten.upd@ te 02. 2 11

»A Lack of surprise« oder: Es fehlt an Überraschung VON GESINE VON KLOEDEN

»Erfahrungen« mit dem Heiligen Geist? Für Reformierte vielleicht eine ungewöhnliche Aussage. Im Dialog des RWB mit den Pfingstlern eine wichtige und spannende Frage, wie G. von Kloeden aufzeigt.

derWelt, die »Yoido Full Gospel Church« be-findet

sich in Seoul und zählt mehrere hun-derttausend Mitglieder); Pfingstler in Brasilien gebärden sich zumeist »neo-pfingstlerisch«. Sie entstehen in den Slums als Massenbewegung der Armen, suchen (anders als die politisch orientierte Befreiungstheologie) mitten in einer hoffnungslosen Welt nach Erlösung durch die spirituelle Reinwaschung mit Jesu Blut. Sie verbinden einfache Regeln (regelmäßiger Kirchbesuch, Abgabe des Zehnten, sexuelle Enthaltsamkeit) mit mancherlei Magie, um auf diese Weise böse Geister fernzuhalten oder gar auszutreiben. Die Verbindung von pfingstleri-scher Spiritualität und animistischem Geister-glauben findet sich auch in Afrika, wo in eini-gen Gemeinden nach jedem Gottesdienst zur Dämonenaustreibung eingeladen wird. Was hier vereinfacht beschrieben wurde, nimmt in Wirklichkeit allerdings sehr vielfältige Gestalt an. Es ist nicht leicht, in dieser zersplitterten Massenbewegung, Strukturen zu erfassen. Und noch schwieriger ist es, Vertreter und Vertreterinnen zu finden, welche die Pfingst-bewegung autorisiert oder nicht autorisiert repräsentieren und die zugleich bereit für das Gespräch mit anderen Denominationen sind. In unserer Dialogrunde ist es gelungen, Pfingstler und Pfingstlerinnen aus verschie-denen Erdteilen zusammenzubringen. Wie re-präsentativ diese Delegation ist, lässt sich nicht eindeutig bestimmen, denn neopfingst-liche Gemeinden, die sich auf die mündliche Weitergabe des Evangeliums gründen, werden durch ein Dialogpapier wohl kaum erreicht. Allerdings sind die Mitglieder unseres Dialo-ges zu einem Großteil Dozent/innen an ver-schiedenen Seminaren, die von Pfingstlern besucht werden und fungieren somit als Mul-tiplikator/ innen. Es ist zu hoffen, dass über einen längeren Zeitraum hinweg der ökume-nische Dialog für viele Pfingstler nicht fol-genlos bleiben wird. Für die Reformierten mag dies ebenso gelten. Auf Seiten der reformierten Delegation stellt diese zweite Dialogrunde ein Novum dar: Erstmals ist eine Vertreterin des Reformierten Ökumenischen Rates entsandt, um die Zu-sammenarbeit zwischen dem Reformierten Weltbund und den Reformierten Ökumeni-schen Rat zu stärken. 4

Der nachstehende Bericht wird sich aus der Perspektive einer Dialogteilnehmerin auf die

Wiedergabe theologischer Diskussionspunkte während der Konsultation konzentrieren und die spezielle Situation der Pfingstler und der Reformierten in den Niederlanden nur gegen Ende streifen. Diese Gewichtung entspricht dem tatsächlichen Verhältnis von theologi-schen Gesprächen und der Einbeziehung des Kontextes bei diesem Treffen. In Zukunft wird stärker darauf zu achten sein, den jeweiligen Kontext in den Diskussionen sprechen zu las-sen, denn die Tagungsorte werden bewusst in Zusammenhang mit dem jeweiligen Thema von der Vorbereitungsgruppe ausgesucht. Die relativ kurzfristige Verlegung des Tagungsortes von Kapstadt nach Amsterdam verminderte dieses Jahr ein intensiveres Befassen mit der konkreten Situation der Pfingstler und der Re-formierten in den Niederlanden, die im übri-gen einzigartig in Europa sein dürfte (s.u.). Dieses Jahr lautete das konkrete Thema der Tagung: »Worship«. Die Mitglieder stellten sich damit einem spannungsgeladenen The-ma, in dem sich wohl die tiefsten Gräben zwi-schen Pfingstlern und Reformierten auftun -aber auch die Chance, über den Erfahrungs-begriff an die Wurzeln unterschiedlicher Praktizierung der Frömmigkeit zu gelangen. Jede Delegation präsentierte je ein Hauptrefe-rat. Dr. Joseph Small, Direktor der Abteilung »Theology and Worship« der Presbyterian Church of USA hielt ein Referat mit dem Titel »In Spirit and Truth: Experience and Worship in the Reformed Tradition«. Darin nahm er die von Calvin begründeten Ansätze für die Real-präsenz des Geistes in Wort und Sakrament auf und zog die Linien aus für ein zeitgemäßes re-formiertes Gottesdienstverständnis. Er eröffne-te damit Möglichkeiten, den reformierten Got-tesdienst als ein vom Heiligen Geist gewirktes Geschehen ernst zu nehmen und Klischees über eine einseitig intellektuelle Prägung des refor-mierten Gottesdienstes abzubauen. 5 Anderer-seits

betonte er aber auch die Notwendigkeit, alle Erfahrungen (auch das Zungenreden oder Spontanheilungen) an Gottes Wort für die Ge-meinde zu prüfen. Small hob die Priorität des Wortes Gottes bei jeder Erfahrung hervor, die Menschen im Gottesdienst machen. So sei selbst die Antwort des Menschen auf Gottes Zuspruch (durch Glauben, Bekennen, Singen und Beten) von Gott gewirkt und dem Men-schen von Gott gegeben. Sie diene allein der Verherrlichung Gottes, womit jedem Verdacht der Idiolatrie vorgebeugt ist.

12 die-reformierten.upd@ te 02. 2

rwb Dialog mit den Pfingskirchen

Es ist nicht leicht, in der zersplitterten Massenbewegung der Pfingstkirchen Strukturen zu erfassen.

Dr. Jean-Daniel Plüss (Schweiz), Vorsitzender

der European Pentecostal Charismatic Rese-arch Association hielt einen eher phänome-nologisch orientierten Vortrag über »Religious Experience in Worship: A Pentecostal Per-spective«, in dem er die Funktion religiöser Erfahrung im Gottesdienst wiedergab. Diese Funktionen nannte er »Einheit«, »Verschie-denheit« und »Versöhnung«. Einen Schwer-punkt seiner Auslegung legte Plüss auf die Interpretation des Zeugnisablegens als ein Geschehen, durch das der Vielfalt in Gottes Gemeinde Ausdruck verliehen werde. In der anschließenden Diskussion stellte sich allerdings auch ein Zusammenhang zwischen der Funktion des Zeugnisablegens im pfingst-lerischen und die einende Funktion des Glau-bensbekenntnisses im reformierten Gottes-dienst heraus. Beide verstehen sich als Ant-worten auf das Wirken des Geistes in der Ge-meinde. Beide sind individuelle Sprechakte des Glaubens, die jedoch in der »Gemein-schaft der Heiligen« Ausdruck finden. Beide zielen auf Versöhnung und Gemeinschaft der Menschen mit Gott, mit sich selbst und mit der Christenheit weltweit. Reformierte fragen die Pfingstler jedoch nach der Überprüfbarkeit eines individuellen Glau-benszeugnisses: Woher weiß einer, dass seine Glaubenserfahrung echt ist, wenn sie ein ein-maliges persönliches Zeugnis ist, das nicht von der Gemeinschaft der Gläubigen geteilt wird? Pfingstler fragen Reformierte im Gegenzug, ob denn ihr persönlich gesprochenes Glaubensbe-kenntnis nicht nur ein mechanisches »Nach-plappern« alter Traditionen sei. Die beiden kri-tischen Anfragen haben ihre Berechtigung, wo das persönliche oder gemeinsame Glaubensbe-kenntnis missbraucht wird. Sie karikieren je-doch die jeweils andere Seite klischeemäßig, wo der Glaube des Einzelnen allein oder mit anderen wahrhaft ausgesprochen wird. Denn auch ein gemeinsam gesprochenes altes Be-kenntnis kann ein tiefes persönliches Glau-benszeugnis sein; und auch ein individuelles Zeugnis kann mechanisch werden und sich in typischen Floskeln artikulieren. Pfingstler fragen Reformierte, ob sie nicht zu wenig im Gebet erwarten. Reformierte hätten »a lack of surprise that God can be present« 6 .

Dagegen seien Pfingstler wenig überrascht, wenn Gebete erhört, Kranke geheilt und im Gebet geäußerte Wünsche im Gottesdienst er-füllt werden. Sie fragen die Reformierten, wo

denn in ihren Gottesdiensten Raum dafür sei, und ob Reformierte nicht oftmals zu klein-gläubig seien. Hinter diesen Fragen stehen tiefer gehende, die hier genannt werden sol-len, ohne dass sie auf der Konsultation um-fassend beantwortet wurden: Wer weckt in uns Erwartungen: sind es un-sere eigenen Wünsche oder ist es Gott, der uns unsere Erwartungen erst wahrnehmen lässt? Wie empfänglich sind wir für Erfahrungen? Und wann machen wir eigentlich eine »Erfah-rung«? Diese geradezu philosophische Frage lässt den Zusammenhang zwischen »Erfah-die-

reformierten.upd@ te 02. 2 13

Dialog mit den Pfingstkirchen rwb

rungen«und der »Wahrnehmung von Erfah-rung«

anklingen 7 : Steuern nicht Erfahrungen

ihre eigene Wahrnehmungsweise? Inwieweit wecken Wahrnehmungsweisen Erwartungen für bestimmte Erfahrungen oder verschließen uns dafür? Wie hängt dies mit unserer jeweiligen reli-giösen Tradition zusammen? Auf den Gottesdienst bezogen führen diese Fragen zu kritischer Selbstreflexion in beiden Denominationen. Reformierte müssen aner-kennen, dass ihre Erwartungen an das Wirken des Heiligen Geistes im Gottesdienst oft allzu begrenzt sind. Pfingstler werden zugeben müssen, dass sie manchmal zu schnell eine angebliche Geisterfahrung machen, wo doch nur die Erwartung, eine bestimmte Erfahrung zu machen, Auslöser dieser Erfahrung ist. Beide Denominationen haben jedoch in sich selbst die Kraft kritischer Selbsterneuerung: Reformierte wissen, dass sie Gottes große Herrlichkeit immer nur partiell erfahren und sich in seinem Geist stets erneuern müssen (semper reformanda!). Jeder endgültigen In-stitutionalisierung von Kirche und Gottes-dienst haben von jeher in der reformierten Tradition kritische und prophetische »Geister« vorgebeugt. Auch Reformierte müssen nicht überrascht sein, wenn sich Gott ihnen im Gottesdienst auf eine neue Weise offenbart. Pfingstler wissen, dass individuelle Glaubens-erfahrungen an die Gemeinde rückgekoppelt werden müssen und der Geist im Einzelnen zur Erbauung der Gemeinde und nicht zum Chaos hin wirkt. Erst »in the long run« 8 er-weisen

sich religiöse Erfahrungen als erbau-lich oder zerstörerisch und müssen stets an ihren Früchten gemessen werden. Auch Pfingstler dürfen sich noch von Gott überra-schen lassen, z. B. in einem fest formulierten Bekenntnis, in einer Predigt oder in der Stille eines schlichten Gottesdienstes. 9

Hilfreich für unsere diesjährigen Gespräche war ein Hinweis, den uns ein Mitglied der pfingstlerischen Delegation gab: Wenn du in einen Gottesdienst kommst sei er pfingstle-risch oder reformiert dann kommst du, um Gott zu loben. Du betrittst doch nicht die Kir-che, um die Gemeinde zu testen, ob sie alles richtig macht, sondern willst gemeinsam mit den Menschen feiern und deinen Glauben zu Gott bekennen. Wo immer das geschieht, ist Gottesdienst, weht Gottes Heiliger Geist. Er weht auch da, wo ein Teil des Gottesdienstes

mir nicht gefällt oder ich etwas anderes ge-macht hätte. Die Wahrheit dieser Aussage er-fuhren wir beim Pfingstgottesdienst der Pink-ster Gemeente in Amsterdam, der ältesten Pfingstgemeinde Europas (gegründet 1907). 10

Wenngleich dieser Gottesdienst einem »deut-schen« nicht unähnlich war, so gab es doch viel, was wir Reformierten anders gemacht hät-ten. Aber das hielt uns doch nicht davon ab, mit den dort Versammelten gemeinsam Gottes-dienst zu feiern. Wir waren eingeladen, nicht als Fremdlinge, sondern als Hausgenossen und erlebten einen Gottesdienst im vollen Sinne. Die Kontakte zwischen den beiden großen Re-formierten Kirchen in den Niederlanden 11 und

den Pfingstlern zeugen von einer bisher ein-zigartigen und guten Zusammenarbeit zwi-schen beiden Denominationen. Prof. des. Dr. Cornelis van der Laan, Direktor des Bereiches für die Erforschung der Pfingstbewegung an der Freien Universität Amsterdam, berichtete uns von der Intensivierung des Dialogs in den letzten 50 Jahren. Die Pfingstler leiden in den Niederlanden unter einer starken »Fragmen-tierung«. Dort zählen sie ca. 120.000 Mitglie-der, die sich zu unterschiedlichen Zweigen der Pfingstbewegung zuordnen und die von frü-hester Zeit an aus unterschiedlichen Abspal-tungen aus den reformierten Kirchen und der katholischen Kirche stammen. Pfingstler und andere in den Niederlanden vertretene Deno-minationen haben ein großes Interesse an der ökumenischen Zusammenarbeit. Auf lokaler Ebene arbeiten die Gemeinden bereits vielfäl-tig zusammen. Ein Zeichen reformierten Re-spekts auf Ebene der Kirchenleitung gegenü-ber den Pfinstlern stellt die Schrift »De Kerk en de Pinkster Groepen« 12 dar, die 1965 von

der Synode der Nederlandse Hervormde Kerk veröffentlicht wurde.

Wie leben wir als Christen und Christinnen, als Reformierte und Pfingstler unseren Glau-ben in der Welt? Was bedeuten uns Wachstum im Heiligen Geist und Nachfolge Christi heute? Diese Fragen klangen an. Die Pfingst-ler forderten die Reformierten offensiv zu Ge-meindeaufbau und Mission heraus. »Disci-pleship« wird denn auch das Thema der Kon-sultation 2003 zwischen dem Reformierten Weltbund und den Pfingstkirchen in Puerto Rico sein. Es folgen die Themen »Community« (2004, Kapstadt) und »Justice« (2005, Ta-gungsort unklar), jeweils verknüpft mit dem

rwb Dialog mit den Pfingstkirchen

Auch Reformierte müssen nicht über-rascht sein, wenn sich Gott ihnen im Gottesdienst auf eine neue Weise of-fenbart.

14 die-reformierten.upd@ te 02. 2

»... Und stellt euch

nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohl-gefällige und Vollkommene.«

Begriff der »Erfahrung«. Dieses Jahr wurde uns neben den Dialogergebnissen wichtig, was uns die Bibel über den Gottesdienst lehrt (Röm. 12, 1-2): »Ich ermahne euch nun, liebe Brüder (und Schwestern), durch die Barmher-zigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohl-gefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottes-dienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneue-rung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.«

Anmerkungen 1 Diese Frage lässt sich nicht lapidar mit dem durchaus richtigen Hinweis beantworten, dass wir als Menschen immer nur menschlich von Gott reden können und dass somit das Ausspielen von Erfahrungen mit Gott gegen menschliche Erfah-rungen ein Problem ist. Die Dialektik in dieser Frage muss ausgehalten und darf nicht beiseite ge-wischt werden. Für Karl Barth bildete sie die Auf-gabe der Theologie schlechthin (K. Barth: Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie, 1922). 2 S. dazu das abschließende Dokument »Word and Spirit, World and Church«, hg. von der World Alliance of Reformed Churches, Genf 2001, das in-zwischen in vier Sprachen übersetzt wurde. Vgl. auch G.v.Kloeden: Pfingstlerisch und Reformiert. Eine Standortbestimmung, in: Chr. Dahling-Sander u.a. u.a. (Hgg.), Pfingstkirchen und Ökumene in Bewe-gung, Beiheft zur Ökumenischen Rundschau 71, Frankfurt 2001, 82-99. 3 Man denke an den amerikanischen Justizmini-ster John Ashcroft, der sich zu den Pfingstlern zählt, in seinem Büro Bibelstunden für seine Mitar-beiter abhält und sich der »Bekämpfung des Bö-sen«, namentlich des Terrorismus, widmet. 4Folgende Mitglieder nahmen an der Konsulta-tion teil: Für die Pfingstkirchen Dr. Daniela Augu-stine (Bulgarien/Tschechien), Pfr. Dr. David Daniels (USA), Pfr. Dr. Harold Hunter (USA), Dr. Julie Ma (Südkorea/Philippinen), Dr. Wonsuk Ma (Südko-rea/ Philippinen), Dr. Jean-Daniel Plüss (Schweiz), Prof. Dr. Cecil Mel Robeck Jr. (USA); für den Refor-mierten Weltbund: Pfr. Dr. Paul Ara Haidostian (Li-banon), Pfrn. Dr. Gesine von Kloeden (Deutschland), Dr. Odair Pedroso Mateus (Brasilien/Schweiz), Pfr. Aureo R. de Oliveira (Brasilien), Pfr. Cephas Omenyo (Ghana), Pfr. Dr. Joseph Small (USA), Nolipher J. Moyo (Sambia, Reformierter Ökumenischer Rat).

5 Zitat aus Smalls Vortrag: »The word is not for imparting information and the sacraments are not for imparting feelings; both are occasions for the real presence of Christ in our midst.« 6 So ein Zitat des Dialogteilnehmers Prof. Dr. Cecil Mel Robeck, Jr. 7Vgl. hierzu St. Hübsch: »Eine Empirie zweiten Grades«. Zum Verhältnis ästhetischer Erfahrung und Kunstgeschichte, in: M. Hampe, M.-S. Lotter: »Die Erfahrungen, die wir machen, sprechen gegen die Erfahrungen, die wir haben«. Über Formen der Er-fahrung in den Wissenschaften, Berlin 2000, 65-80. 8 Diese bewusst dem »Commonsensianismus« entliehene Formulierung weist auf die religions-psychologische Dimension des Erfahrungsbegriffs, wie sie im amerikanischen Pragmatismus von Charles Sanders Peirce und William James unter-sucht wurde und die in unsere Diskussion einbezo-gen wurde. S. besonders Ch. S. Peirce, How to Make Our Ideas Clear (1878), W. James, The Varie-ty of Religious Experience (1902). 9 Plüss schlug in seinem Vortrag den Pfingstlern eine »un-pentecostal virtue« vor: die Stille als Mo-ment der Rückbindung an Gott, aus der heraus Gott spricht und sich den Gläubigen im Heiligen Geist (z.B. durch Zungenrede) offenbare. 10 Von einem Mitglied der pfingstlerischen Dele-gation aus Bulgarien, Dr. Daniela Augustine, lern-ten wir, dass es durchaus noch ältere Wurzeln in der Pfingstbewegung in Europa gibt. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts entstand völlig unabhängig von den charismatischen Strömungen in Nordame-rika ein eigene pfingstlerische Bewegung in Bulga-rien. Sie löste sich von der Orthodoxen Kirche ab uns schloss sich erst später mit der »Church of God« in Amerika zusammen. Bis heute, auch über die Jahre des Kommunismus hinweg, ist in Bulga-rien eine starke Pfingstbewegung lebendig, die in ihren Gottesdiensten Elemente aus der orthodoxen Liturgie übernimmt. Auch sonst unterscheiden sich die Pfingstler Bulgariens von anderen Pfingstge-meinden durch ihr außergewöhnliches Engage-ment in ethischen Belangen, insbesondere in der Sozialarbeit mit Sinti und Roma und in einem be-wussten Einsatz für die Umwelt seit der Reaktor-katastrophe von Tschernobyl. 11 Nederlandse Hervormde Kerk und Gereforme-erde Kerken in Nederland. 12 Leider ist dieses wichtige Dokument bislang weder ins Englische noch ins Deutsche übersetzt. Es könnte eine wichtig Hilfestellung für andere ökumenische Dialoge mit den Pfingstlern inner-halb Europas sein.

Dialog mit den Pfingstkirchen rwb

die-reformierten.upd@ te 02. 2 15

DieAdressdatenbank reformierter Kirchen

und Einrichtungen der Weltist nun komplett. Sie basiert auf dem Buch »The Reformed Fa-mily Worldwide. A Survey of Reformed Chur-ches, Theological Schools, and International Organizations«, hg. von JEAN- JACQUES BAUSWEIN und LUKAS VISCHER, 1999, Wil-liam B. Eerdmans Publishing Company Grand Rapids, Michigan / Cambridge, U.K. Interessierte können hier nach einer Institu-tion suchen oder sich eine Liste der Einrich-tungen nach eigenen Kriterien anzeigen las-sen. Ebenfalls können einzelne Suchbegriffe verwendet werden. Die Datenbank der eformierten Kirchen der Welt wird regelmäßig überarbeitet und auf den neusten Stand gebracht. In dieser Form ist sie einzigartig. Ebenfalls neu steht im Netz dieLektion 4 des Grundkurses reformierte Geschichte und Theologie:Die reformierte Konfessionalisie-rung in Deutschland und Oberdeutschland. Aus dem Inhalt: Martin Bucer und Strass-burg; Johannes a Lasco und Ostfriesland; Grafschaft Bentheim, Steinfurt und Tecklen-burg; Lippe; Rheinland und Niederrhein; Hes-sen- Kassel; Kurpfalz und Baden; Ostdeutsch-land; Hugenotten in Deutschland. Aus der Einleitung: »In dieser Lektion soll es um die Frage gehen, wie sich die Reformation

reformierter Prägung in einzelnen Teilen Deutschlands etabliert hat. Es wird zu sehen sein, dass dies kein einheitlicher Vorgang war. Es gibt zum einen das Phänomen, dass ein-zelne Gebiete, die sich zunächst zur lutheri-schen Reformation gewandt hatten, im Laufe des 16. Jahrhunderts reformiert wurden (so z.B. die Grafschaften Bentheim und Lippe oder die Kurpfalz u.a.). Daneben gibt es auch Regionen, die von Anfang an eine reformiert geprägte Reformation erlebten (etwa Ober-deutschland) oder anfangs sowohl unter lu-therischem wie reformiertem Einfluss standen (etwa die Pfalz). Und es gab in Deutschland zahlreiche Flüchtlingsgemeinden (vor allem Hugenotten und Waldenser). ... Offiziell ist das Reformiertentum in Deutsch-land erst 1648 mit dem Westfälischen Frieden zu Münster und Osnabrück anerkannt wor-den, der den dreißigjährigen Krieg beendete. Vorher ist ein Ereignis aus dem Jahr 1555 wichtig. Im Augsburger Religionsfrieden wer-den u.a. zwei Entscheidungen getroffen. Zum einen wird den Angehörigen der Augsburger Konfession der Landfriede garantiert. Und zum anderen wird das sogenannte ›ius re-formandi‹ bestätigt. Damit können die Für-sten, Reichsgrafen und Reichsstädte die Kon-fession ihres Landes bestimmen (später auf die Formel ›cuius regio eius religio‹ ›wes Land des Glaube‹ gebracht). Dass die refor-mierte Konfession zu den Augsburgischen Konfessionsverwandten gehört, gab den re-formiert werdenden Fürsten die Freiheit, in ihren Gebieten das reformierte Bekenntnis einzuführen. Für die reformierte Konfession reicht die Zeit der Konfessionalisierung von 1563 (die Kurpfalz wird reformiert) bis zum Westfälischen Frieden 1648. Dort wird einer-seits den Reformierten das gleiche Recht wie den Katholiken und Lutheranern eingeräumt. Und zum anderen wird das ›ius reformandi‹ eingeschränkt, so dass ein Konfessionswech-sel des Landesherrn nicht mehr den seiner Ge-biete zur Folge haben muss.«

16 die-reformierten.upd@ te 02. 2

Alle Kirchen im Netz Die Volldatenbank der reformierten Kirchen der Welt arbeitet

Die Web-Seite »reformiert »reformiert online« (www. reformiert-online. net) ent-wickelt sich immer mehr zu der Seite der

Reformierten in der Welt: Die Adressdaten-bank aller refor-mierter Kirchen streht ebenso im Netz wie die nächste Lektion des Grundkurses über reformierte Geschichte und Theologie.

reformiert online news

Miteinem Dank an die Nürnberger Gastgeber

ging am Samstag, den 15. Juni, die Hauptver-sammlung des Reformierten Bundes in Deutschland zu Ende. Der Moderator des Re-formierten Bundes, D. Peter Bukowski (Wup-pertal), dankte der gastgebenden ev.-refor-mierten St. Martha Gemeinde ebenso wie den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern des Cari-tas- Pirckheimer-Hauses. In dieser katholi-schen Tagungsstätte hatten die mehr als 200 evangelisch- reformierten Teilnehmerinnen und Teilnehmer, darunter Gäste aus den Niederlanden, aus Belgien, Italien und Däne-mark, sehr gute Voraussetzungen für ihre Ar-beit gefunden. Ein »Stück selbstverständlich praktizierter Ökumene« nannte Bukowski diese Erfahrung. Vor 30 Jahren waren die Re-formierten zum letzten Mal in Nürnberg, auch damals als Gast der Martha-Gemeinde, die auch die diesjährige Tagung am Ort vorberei-tet und drei Tage begleitet hat. Mit einem in einer von Medien geprägten Welt überraschenden Thema hatten sich die Vertreterinnen und Vertreter der etwa 450 im Reformierten Bund zusammengeschlossenen Gemeinden und Kirchen beschäftigt, mit dem »Bilderverbot«. Das in biblischer Zählung zweite Gebot »Du sollst dir kein Bildnis ma-chen« ist aber nicht als die Aufforderung zu einer Rückwendung in eine vermeintlich bil-derlose oder bilderarme Vergangenheit zu verstehen. Die beiden Referenten, Prof. Dr. Michael Weinrich (Berlin) und Prof. Dr. Man-fred Josuttis (Essen), machten das in ihren Vorträgen deutlich. Es geht vielmehr um die Lebendigkeit Gottes und um die Lebendigkeit des Menschen, wenn die Bibel das zweite Gebot so formuliert. (Die Vorträge der beiden Referenten sowie die Bibelarbeit von Prof. Dr. Marie-Theres Wacker werden in Kürze in den reformierten akzenten 6 vorliegen.) Nicht nur Bilder in den Medien gaukeln oft nur die Wahrheit vor und pressen sie in Wirklich-keit in das, was gezeigt werden soll. Als Bei-spiele wurde in diesem Zusammenhang immer

wieder auf die Kriegsberichterstattung der letzten Jahre verwiesen. Ein »sauberer« Krieg sollte demonstriert werden, die Bilder der vie-len Opfer wurden verschwiegen. Aber auch die Bilder, die man von anderen Menschen in sei-ner Vorstellung hat, die Festlegungen anderer Menschen auf ein bestimmtes Verhalten etwa, zerstört die Lebendigkeit des anderen. Und ge-nauso wird Gott oft in bestimmte Vorstellun-gen, in Bilder gefasst, die menschlichen Wün-schen entsprechen und seine lebendige Gegen-wart begrenzen wollen.

Gerade auf dem Hintergrund der genannten Medienkritik befassten sich die Evangelisch-reformierten auch mit dem Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern. Sie ermutigten dazu, sich der Suggestivkraft der in den Me-dien gezeigten Bilder zu entziehen und nach der Wahrheit hinter den Bildern zu fragen. So zeigen Bilder etwa israelische Panzer, die gegen Steine werfende Kinder aufziehen. Aber verschwiegen und nicht gezeigt wird, wer die Kinder dazu gebracht hat, sich oft ja nicht nur mit Steinen gegen Bürger Is-raels zu wenden.

Hauptversammlung des Reformierten Bundes Thema

die-reformierten.upd@ te 02. 2 17

»Du sollst dir kein Bildnis machen« Hauptversammlung des Reformierten Bundes in Nürnberg

VON JÖRG SCHMIDT

So ging es los: Anmeldung im Caritas-Pirckheimer-Haus Foto: Foto: Foto: js

Indiesem Zusammenhang beschloss die

Hauptversammlung einen Brief, der an den Vorsitzenden des Zentralrates der Juden in Deutschland, Paul Spiegel, gerichtet ist. Darin bekunden sie ihre Solidarität mit den in Deutschland lebenden Jüdinnen und Juden und distanzieren sich von allen antisemiti-schen Äußerungen und Drohungen. Ebenso wenden sie sich gegen den seit Jahrhunderten benutzten Vorwurf, Juden seien am Antisemi-tismus selber Schuld, wie er aktuell vom stell-vertretenden Vorsitzenden der F.D.P., Jürgen Möllemann, im Hinblick auf Michel Friedman formuliert worden war.

Schon in seinem Bericht hatte Peter Bukowski sich »zur ausweglos erscheinenden Lage in Is-rael und Palästina« geäußert. Politisch sei im Grunde alles gesagt: »Einen gerechten Frieden kann es nur geben, wenn beides zugleich ge-währleistet ist: das Lebensrecht Israels auf der einen Seite und ein eigener palästinensischer Staat auf der anderen Seite.« Angesichts der Situation, dass diese Option in weite Ferne ge-

rückt zu sein scheint, »weil die Konfliktpar-teien in einer sich immer unerbittlicher schlie-ßenden Eskalationsfalle stecken«, verbiete sich jede Parteinahme, »die das Recht der anderen Seite ausblendet.« Im Hinblick auf eine seiner Meinung nach durchaus legitime Kritik an der Politik des Staates Israel fragte Bukowski an, »ob im Wahrnehmen der israelischen Fehler nicht eine klammheimliche Erleichterung hochsteigt, weil die, an denen unser Volk so großes Unrecht begangen hat, nun ihrerseits für ihr ungerechtes Tun angeklagt werden können. Wie, wenn nicht mit solchen Ab-gründigkeiten, wären sprachliche Entgleisun-gen zu verstehen, die Israels Kriegs-handlungen in die Nähe von Naziver-brechen rücken.« Gerade im Zusammenhang der Vor-gänge um den FDP-Politiker Jürgen Möllemann und im Blick auf die jüngsten Wahlergebnisse in Europa so der Vorsitzende des Reformierten Bundes seien wir zu »erhöhter Wachsamkeit« aufgerufen. »Wir müs-sen den sich andeutenden Klima-wechsel beobachten, dürfen uns kei-nesfalls an ihn gewöhnen und müs-sen alles in unserer Macht Stehende tun, um jedem Antisemitismus zu wehren.« (Der Bericht des Moderators des Reformierten Bundes wird auf S. 23ff. wiedergegeben.)

Die Hauptversammlung beschloss ebenfalls, ATTAC zu unterstützen. ATTAC (französische Abkürzung für »Vereinigung zur Besteuerung von Finanztransaktionen im Interesse der BürgerInnen«) ist ein breites Netz-werk aus der Umwelt- und Eine-Welt- Bewegung, aus Kirchen, Ge-werkschaften und anderen gesell-schaftlichen Gruppierungen. Zentra-les Ziel von ATTAC ist die Regulie-rung der internationalen Finanz-märkte, unter anderem durch die Einführung einer geringen Steuer auf internationale Fi-nanztransaktionen (Tobin-Steuer). Für die Hauptversammlung ist auch dieser Beschluss eine logische Konsequenz ihrer Be-schäftigung mit dem Bilderverbot. Sie fragen, ob nicht gerade von der »Globalisierung« ein Bild gezeigt wird, das ihre dunklen Seiten verschweigt. Gerade die Reformierten in der

Thema Hauptversammlung des Reformierten Bundes

18 die-reformierten.upd@ te 02. 2

O Of ff fe en ne er r B Br ri ie ef f a an n P Pa au ul l S Sp pi ie eg ge el l Sehr geehrter Herr Spiegel, wir, die Mitglieder des Reformierten Bundes, die vom 13. bis zum 15. Juni in Nürnberg zu ihrer Hauptversammlung zusammen gekommen sind, solidarisieren uns angesichts der jüngsten antisemitischen Untaten und Debatten mit Ihnen und allen Jüdinnen und Juden in Deutschland. 1. Im Gefolge des eskalierenden Konfliktes zwischen Israel und Palästinensern ist es gerade in Deutschland wiederholt zu Gewalttaten gegen Jüdinnen und Juden gekommen. Man kann über den Konflikt und auch über die Politik der is-raelischen Regierung unterschiedlicher Meinung sein. Doch sind in Deutschland lebende Jüdinnen und Juden in keiner Weise mit dem, was die israelische Re-gierung tut, in Verbindung zu bringen. Sie können nicht Adressaten etwaiger Is-raelkritik sein, und sie sind unbedingt und uneingeschränkt vor Anfeindung und gewaltsamen Übergriffen zu schützen. 2. Wir stellen uns in der Auseinandersetzung mit dem FDP-Politiker Jürgen Möl-lemann ausdrücklich auf die Seite des Zentralrates. Dass Jürgen Möllemann ver-sucht, Juden namentlich Ariel Scharon und Michel Friedman die Schuld an antisemitischen Ressentiments zuzuweisen, ist ein ungeheuerlicher Vorgang. Seine gewundenen Erklärungen sind in keiner Weise geeignet, die Dinge ins Reine zu bringen. Nehmen Sie dieses Schreiben bitte als unsere Verpflichtung, nicht nur mit Wor-ten, sondern auch mit Taten das zu tun, was in unseren Möglichkeiten liegt, um Jüdinnen und Juden ein Leben ohne Angst vor Anfeindungen und Gewalttaten in Deutschland zu ermöglichen.

»DieFrage des ge-rechten

Wirtschaf-tens muss zu einem Thema der Gemein-den werden.«

so genannten »Dritten Welt« die Mehrheit der etwa 75 Millionen Reformierten weltweit lebt dort haben darauf immer wieder auf-merksam gemacht. Denn sie haben die Leben zerstörenden Folgen zu tragen. Schon der Generalsekretär des Reformierten Bundes, Pfarrer D. Hermann Schaefer (Wup-pertal), hatte in seinem Bericht die besondere Bedeutung dieser Organisation betont. »Die Frage des gerechten Wirtschaftens muss zu einem Thema der Gemeinden werden«, hatte er hervorgehoben und unter anderem man-gelhafte Vernetzung der Aktivitäten auf ört-licher und regionaler Ebene dafür verant-wortlich gemacht, dass ein wirksamer Lern-prozess bisher kaum in Gang gebracht wor-den ist. Ein Engagement bei ATTAC könne dazu helfen, einen Beitrag »zum Aufbau eines Bündnisses für Gerechtigkeit in Wirtschaft und Umwelt« zu leisten. (Auch der Bericht des Generalsekretärs ist an anderer Stelle abge-druckt [ab S. 34]; der Wortlaut des Beschlus-ses zu ATTAC folgt in der nächsten Ausgabe von »die reformierten ...«.)

Die Hauptversammlung folgte seiner Argu-mentation und stimmte dem Initiativantrag der Lippischen »Anti-Mammon-Gruppe« zu, sich bei ATTAC zu engagieren. So soll das Netzwerk bekannt gemacht werden, etwa durch die Öf-fentlichkeitsarbeit des Reformierten Bundes. Und nach Möglichkeit sollen Mitglieder des Bundes bei Aktionen und in Gremien von ATTAC mitarbeiten, und nicht zuletzt soll ATTAC auch finanziell unterstützt werden.

Außerdem hat sich die Hauptversammlung des Reformierten Bundes mit einer Erklärung zur Friedensverantwortung an die Bundesre-gierung gewandt. 20 Jahre nach der Veröf-fentlichung der Erklärung des Moderamens »Das Bekenntnis zu Jesus Christus und die Friedensverantwortung der Kirche« mit ihrem eindeutigen »Nein« gegen den Gebrauch von Massenvernichtungsmitteln wendet sie sich dagegen, dass in der Frage, wie nationale und internationale Konflikte gelöst werden kön-nen, die Logik der Gewalt sich unwiderspro-chen etabliert (s. Text nächste Seite).

Hauptversammlung des Reformierten Bundes Thema

die-reformierten.upd@ te 02. 2 19

Und so ging es weiter: Eröffnung der Hauptversammlung mit dem »Calvin-Quartett«. Foto: js

Thema Hauptversammlung des Reformierten Bundes

In dem von der Regierung der USA als Antwort auf die verbrecherischen Terroranschläge vom 11. September 2001 proklamierten Kampf gegen den internationalen Terrorismus, für den die Bundes-regierung »unein-geschränkte

Solidarität" zugesagt hat, hat die Absicht, diesen Kampf vor allem mit militäri-schen Mitteln zu führen, zunehmend die Oberhand gewonnen.

20 die-reformierten.upd@ te 02. 2

Erklärung der Hauptversammlung des Reformierten Bundes zur Friedensver-antwortung in der gegenwärtigen Situation

Der Reformierte Bund innerhalb der Evangelischen Kirche in Deutschland hat bereits in der Erklä-rung seines Moderamens »Das Bekenntnis zu Jesus Christus und die Friedensverantwortung der Kir-che" von 1982 mit einem eindeutigen »Nein" zu allen Massenvernichtungsmitteln die Friedensver-antwortung der Kirche betont. Im Ernstnehmen dieser Verantwortung hatte im Jahr 2000 die voran-gegangene Hauptversammlung des Reformierten Bundes in Dresden festgestellt: »In der Frage, wie nationale und internationale Konflikte gelöst werden können, droht die Logik der Gewalt sich un-widersprochen zu etablieren ... Der Einsatz militärischer Mittel kann und darf heute kein Mittel der Regelung von Konflikten mehr sein." Mit großer Sorge stellen wir heute fest: In dem von der Regierung der USA als Antwort auf die ver-brecherischen Terroranschläge vom 11. September 2001 proklamierten Kampf gegen den internatio-nalen Terrorismus, für den die Bundesregierung »uneingeschränkte Solidarität" zugesagt hat, hat die Absicht, diesen Kampf vor allem mit militärischen Mitteln zu führen, zunehmend die Oberhand ge-wonnen.

Diesen Kampf zudem die religiöse Gestalt eines »Kampfes zwischen Gut und Böse", gegen eine »Achse des Bösen" oder gar eines »Kreuzzuges" zu verleihen, verbietet der Glaube an die durch Jesus Christus bezeugte und geschehen Versöhnung Gottes mit seiner Welt und allen in ihr lebenden Menschen. Auch darf der Kampf gegen den internationalen Terrorismus nicht in Kriegen gegen Staaten beste-hen, die der Verbindung mit demselben bezichtigt werden, wobei Tod und Verwundung Tausender unbeteiligter Menschen, darunter viele Frauen und Kinder, als unvermeidbar in Kauf genommen werden. Angesichts der sich derzeit darstellenden Anti-Terrorismus-Politik wie im Blick auf alle Versuche, politische Konflikte im internationalen und nationalen Bereich mit militärischer Gewalt zu lösen, bitten wir die Bundesregierung eindringlich: den von ihr betonten Vorrang politischer statt militärischer Lösungen bei der Bekämpfung des internationalen Terrorismus Ernst zu nehmen und die Mitwirkung der Bundesrepublik Deutschland innerhalb der Anti-Terror-Allianz bei eventuell bevorstehenden Militäreinsätzen gegen weitere Staa-ten zu verweigern, ihr Eintreten für einen Abbau der Armut in der Welt als einer wesentlichen Voraussetzung für Frieden zwischen den Völkern zu konkretisieren und ihren Einfluss in internationalen Organisatio-nen wie der Weltbank und dem IWF geltend zu machen u.a. für die Einführung der Tobin-Steuer –, –, um auch auf diesem Wege zu einer gerechteren Weltwirtschaftsordnung und Entlastung der unter wirtschaftlicher Abhängigkeit und unbezahlbaren Schulden leidenden Staaten zu gelangen, den von ihr immer wieder angemahnten politischen statt militärischen Lösungen zwischenstaat-licher oder innerstaatlicher Konflikte Nachdruck zu verleihen und Waffenlieferungen in davon be-troffene Spannungsgebiete nicht zuzulassen, hingegen wie bereits im Jahre1990 auf der Weltkon-vokation in Seoul verlangt zur »Verwurzelung in einer Kultur der aktiven und lebensfreundlichen Gewaltfreiheit" den Aufbau eines wirksamen zivilen Friedensdienstes zu fördern, in Konsequenz ihrer Ächtung von Massenvernichtungsmitteln und in Übereinstimmung mit dem Internationalen Gerichtshof, der 1996 das Drohen mit und den Einsatz von Atomwaffen für völker-rechtswidrig erklärte, die NATO zu einer Strategieänderung zu bewegen, die einen noch immer für legitim erachteten Erstschlag beim Einsatz von Atomwaffen ausschließt eingeschlossen ist hierbei auch die Ablehnung der angeblich neuen Nuklearstrategie der USA, »handlichere" Atomsprengköpfe mit reduzierter Nebenwirkung zu entwickeln und gegebenenfalls gegen die sog. Schurkenstaaten einzusetzen, sich zum Erreichen gewaltfreier angemessener Lösungen internationaler und nationaler Konflikte unablässig für eine Stärkung der Autorität der Vereinten Nationen und der Europäischen Union ein-zusetzen, die sicherstellt, dass Gewaltausübung nicht mehr als Ausdruck des Rechts des Stärkeren, sondern nur noch zur Stärkung des Rechts erlaubt oder auch geboten sein darf.

›Kommherüber

und hilf uns‹.

In seinem Bericht vor der Hauptversammlung des Reformierten Bundes äußerte sich der Moderator des Reformierten Bundes auch zu den Vorschlägen für eine Strukturreform des deutschen Protestantismus. Die Stärkung der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), wie sie der leitende Jurist der Ev.-lutherischen Kirche Hannovers, E. v. Vietinghoff, Anfang des Jahres vorgeschlagen hat, findet seine deutliche Zustimmung: »Als Reformierte kön-nen wir diese Initiative nur unterstützen«, sagte Bukowski wörtlich, und weiter: »Wir haben uns von jeher für eine Stärkung der EKD eingesetzt.« Seiner Meinung nach entspricht die Struktur des Reformierten Bundes im Grunde dem, was v. Vietinghoff den Lutheranern als deren künftige Struktur vorschlägt, nämlich die einer theologischen Arbeitsgemeinschaft. Der Moderator des Reformierten Bundes geht da-von aus, dass durch die Reform die gewach-senen konfessionellen Profile in der laufen-den Arbeit der EKD tendenziell an Gewicht gewinnen würden. Durch ein Festhalten an

den überkommenen Strukturen hingegen würden »Reibungsverluste entstehen, die letztlich denen zuarbeiten, die ihre tumben antikonfessionellen Ressentiments als ökume-nische Fortschrittlichkeit ausgeben.« Ausdrücklich lud er die Lutheraner ein, sich an diesem Prozess der Stärkung der EKD zu beteiligen und so die »ekklesiologische Le-bensform einer versöhnten Verschiedenheit« zu unterstützen. »Sie steht und fällt freilich damit, so Bukowski wörtlich –, dass gerade die beieinander sind, die sich bei aller Ver-schiedenheit in der Wertschätzung konfessio-neller Prägung einig sind. Ich habe anderen keine Ratschläge zu erteilen. Aber unter dem zuletzt genannten Aspekt wage ich es, im Blick auf eine künftige Umgestaltung der EKD als Reformierter der lutherischen großen Schwester zuzurufen: ›Komm herüber und hilf uns‹.«

Die diesjährige Hauptversammlung hatte auch sechs Mitglieder des Moderamens des Reformierten Bundes zu wählen. Das Modera-

Hauptversammlung des Reformierten Bundes Thema

die-reformierten.upd@ te 02. 2 21

Leitung und Gäste der Hauptversammlung am Eröffnungsabend: (1. Reihe von links) D. Peter Bukowski (Moderator); Landesbischof Dr. Johannes Friedrich; Landessuperintendent Gerrit Noltensmeier; Präses Joachim Metten; Pater Jeran vom CPH. Foto: js

menleitet den Bund in der Zeit zwischen den

Hauptversammlungen und besteht aus 24 Mitgliedern. Zwölf werden von verschiedenen Mitgliedskirchen delegiert bzw. vom Modera-men selbst bestimmt (kooptiert), zwölf weite-re von der Hauptversammlung auf acht Jahre gewählt. Alle vier Jahre scheidet die Hälfte der Gewählten aus, so dass die Hauptver-sammlung sechs Mitglieder des Moderamens neu zu bestimmen hatte. Neun Kandidatinnen und Kandidaten stellten sich der Wahl. Neu bzw. wieder gewählt wurden Ulrich Bar-niske (mit 175 Stimmen), Annette Kurschus

(148), Dr. Georg Plasger (127), Dr. Arno Schil-berg (155), Walter Schulz (124) und Martina Wasserloos-Strunk (141). Nicht gewählt wur-den Christiane Nolting (Bad Salzuflen), Dr. Brigitte Schroven (Nordhorn) und Gerrit-Jan Vette Vette (Veldhausen). Uberraschung löste aus, dass mit Ch. Nolting und B. Schroven zwei ehemalige Mitglieder des Moderamens nicht wieder gewählt wurden.

Ulrich Barniske, Jahrgang 1948, arbeitet als Pfarrer in der Ev.-ref. Gemeinde in Branden-burg und vertritt schon seit vielen Jahren die Reformierten aus dem östlichen Bereich der Bundesrepublik Deutschland. Annette Kur-schus, Jahrgang 1963, arbeitet als Pfarrerin in einer Gemeinde im Siegerland, wo ja be-kanntlich viele Reformierte zu Hause sind. Dr. Georg Plasger, Jahrgang 1961, ist habilitierter Theologe und arbeitet als theologischer Mit-arbeiter in der Ev.-ref. Kirche. Dr. Arno Schil-berg, Jahrgang 1960, ist der leitende Jurist der Lippischen Landeskirche. Walter Schulz,

Jahrgang 1955, leitet die »Stiftung Johannes a Lasco Bibliothek Große Kirche Emden«, die unter anderem für das reformierte Internet-Projekt »reformiert online« zuständig ist. Mar-tina Wasserloos-Strunk, Jahrgang 1964, stu-dierte Politikwissenschaftlerin und Theologin, ist Presbyterin in der Ev. Kirchengemeinde Rheydt.

Thema Hauptversammlung des Reformierten Bundes

22 die-reformierten.upd@ te 02. 2

Die neu bzw. wieder ins Moderamen Gewählten (von links): A. Kurschus, A. Schilberg, G. Plasger, W. Schulz, M. Wasserloos-Strunk, H.-P. Friedrich (Delegierter der Ev. Kirche im Rheinland); (rechts in der zweiten Reihe) U. Barniske.

I

»Ein Wort ist aufgestanden und geht um, drängt sich in unsere Gespräche, rührt unsere Gewissen, stört hie und da unsere Andacht, ja unsere Gemeinschaft und weckt in der Ge-meinde Jesu Christi eine Unruhe weltweit. Aufgestanden ist ein Wort, vielfach miß-braucht und verdreht, und ist nicht aufzuhal-ten; noch wird es nicht von allen gelitten und macht Leiden. Ein Hauptwort des Herrn Jesus Christus und doch auch unter Christen ein Fremdwort: Frieden von Gott her, Frieden auch unter den Menschen und mit der Natur.« Mit diesen Worten beginnt ein Brief, den Ru-dolf Bohren 1983 den reformierten Gemein-den in Deutschland schreibt. Seelsorgerlich in die Bedenken der Gemeinden sich einfühlend, biblisch argumentierend und prophetisch auf-rüttelnd ringt er um Verständigung und um Einverständnis zu einer Erklärung des Mode-ramens des Reformierten Bundes, die wie keine andere die Gemüter bewegt. Unter der Überschrift:»Das Bekenntnis zu Jesus Chri-stus und die Friedensverantwortung der Kirche«hat das Moderamen am 12. Juni 1982 (also heute vor 20 Jahren und zwei Tagen) Thesen zur Friedensethik beschlossen, die sich von den meisten anderen kirchlichen Verlaut-barungen darin unterscheiden, dass hier nicht entschieden »Ja und Nein« oder »Noch gilt das Noch« gesagt wird, sondern »Nein!«. Nein nicht nur zur Anwendung, sondern auch zum Besitz und zur Drohung mit atomarer Rü-stung. Sein spezifisches Gewicht erhält dieses Nein dadurch, dass es nicht als bloße politi-sche Meinungsäußerung, nicht als ein Wort des Ermessens daherkommt, sondern als ver-bindliche Antwort christlichen Bekennens: Es ist der Glaube an den dreieinigen Gott, der ein »Nein ohne jedes Ja« zur sich immer bedroh-licher beschleunigenden atomaren Rüstungs-spirale gebietet, und der zugleich das Vertrau-en schafft, entschlossen den Weg der Versöh-

nung, des Friedens und das bedeutet zu-nächst: der Abrüstung einzuschlagen. Mit den Worten der These III: »Gott ist der Schöpfer und Erhalter der Welt. Trotz unserer Schuld hält und erneuert er in Treue den Bund mit uns Menschen und gibt nicht preis die Werke seiner Hände. Dieses Bekenntnis unseres Glaubens ist unvereinbar mit der Entwik-klung, Bereitstellung und Anwendung von Massenvernichtungsmitteln, die den von Gott geliebten und zum Bundespartner erwählten Menschen ausrotten und die Schöpfung ver-wüsten können. Im Vertrauen auf den Gott des Bundes und der Treue wollen wir uns nicht länger von solchen Waffen umgeben, ,schützen‘ und gefährden lassen.« Es ist hier nicht der Ort, die sogleich einset-zende, leidenschaftlich geführte Auseinander-setzung um die Erklärung des Moderamens aufzuarbeiten die Dokumentation auch nur der wichtigsten Stimmen, die Rolf Wischnath 1984 herausgibt, umfasst 550 eng bedruckte Seiten, die gesamte Debatte füllt mehrere Bü-cherregale. Wohl aber soll in der Rückschau festgehalten werden: Das Wort zur Friedens-frage von 1982 war ein hilfreiches, ein weg-weisendes, es war ein mutiges Wort. Nach gründlicher Analyse der politischen, speziell der militärpolitischen Situation wurde im ge-horsamen Hören auf das Zeugnis der heiligen Schrift Position bezogen. Frieden als Be-kenntnisfrage darin lag eine Verbindlich-keit, die tröstete und herausforderte und die wie jedes aktuelle Bekenntnis auch Anstoß erregte. Dabei wurde ja niemandem, der an-ders optierte, der Glauben abgesprochen, noch wurde je die Gemeinschaft der in der EKD zusammengeschlossenen Kirchen in Frage gestellt wohl aber wurde klargestellt, dass man sich als ChristIn zu dieser Frage nicht abgesehen vom zentralen Inhalt des Glaubens verhalten kann, dass die Notwen-digkeit zum je eigenen aktuellen Bekennen nicht hintergangen werden kann, eben weil

die-reformierten.upd@ te 02. 2 23

Laut Satzung haben sowohl der Moderator wie der Generalsekretär des Reformier-ten Bundes vor der Haupt-versammlung

ihren Bericht zu erstatten. Der Moderator, D. Peter Bukowski bear-beitete in seinem Bericht vor allem die Schwerpunkte Frieden, Israel und Ökumene.

Hauptversammlung des Reformierten Bundes Thema

Bericht des Moderators über die Arbeit des Moderamens vor der Hauptversammlung des Reformierten Bundes im Juni in Nürnberg VON PETER BUKOWSKI

dieFriedensfrage eine Bekenntnisfrage ist.

Und nebenbei bemerkt: Die Erklärung des Moderamens war alles andere als weltfremd-schwärmerisch. Ausdrücklich wird festgehal-ten, dass die radikale Option »Ohne Waffen und Rüstung leben« zwar eine von Christen anzuerkennende ist, die in der christlichen Kirche auch stets ein Heimatrecht haben muss, dass sie in der noch unerlösten Welt je-doch keineswegs als allein-mögliche betrach-tet werden darf. Das »Nein ohne jedes Ja« bleibt begrenzt auf die Massenvernichtungs-waffen. »Wir wollen ohne diese Waffen und ohne diese Rüstung leben« heißt es wörtlich. Heute nach 20 Jahren haben wir allen Grund für das damals gewagte Wort dankbar zu sein: denen, die es unter Federführung von Rolf Wischnath verfasst und beschlossen haben; denen, die es in den Gemeinden be-wegt, und denen, die es nach außen vertreten haben. Nun hält man ein situationsbezogenes und also aktuelles Bekenntnis nicht dadurch in Ehren, dass man es zur zeitlosen Wahrheit erklärt, die ihre Kraft entfalte, wenn man sie nur immer wieder laut und vernehmlich wiederhole. Die bleibende Herausforderung der damaligen Erklärung liegt vielmehr in der Verpflichtung, die Friedensfrage auch heute als Bekenntnisfrage zu stellen und im Lichte unseres Glaubens zu beantworten. Dieser Aufgabe weiß sich das Moderamen des Refor-mierten Bundes verpflichtet, ihr haben wir nachzukommen versucht. Zwanzig Jahre nach 1982 stellt sich uns die Frage nach dem christlichen Friedenszeugnis unter veränder-ten politischen Konstellationen. Lautete da-mals die Frage, wie der kalte Krieg als apoka-lyptische atomare Bedrohung überwunden werden kann, so stehen wir heute vor der Frage, wie wir uns zu den heißen Kriegen, die uns so oder so mitbetreffen, verhalten sollen. Allerdings bleibt der ABC-Waffen-Pazifismus weiterhin weiterhin weiterhin eine für ChristInnen unaufgebbare Option. Die atomaren Waffenarsenale sind auch nach dem jüngsten Abkommen zwi-schen den USA und Russland immer noch riesig. Und die Meinung, mit dem Ende des Ost-West- Konfliktes sei die Gefahr einer ato-maren Katastrophe gebannt, ist gefährlich kurzsichtig. Dass im Zuge einer Militarisie-rung des politischen Handelns über den Ein-satz »kleiner« Atombomben überhaupt nach-gedacht werden kann, ist ein nicht hinnehm-barer Skandal. Gebe Gott, dass die Mensch-

heit vor der 1982 befürchteten Katastrophe verschont bleibt. Wer dies jedoch hofft, darf in der Frage der Massenvernichtungswaffen nicht schon deswegen Ruhe geben, weil sie nicht mehr auf das eigene Land gerichtet sind. Und es gilt weiterhin: Wer mit der Pro-duktion und Weitergabe solcher Waffen Geld verdient, verdient schmutziges Geld, ist ver-strickt in verbrecherisches Tun. Darüber hinaus aber wissen wir uns späte-stens seit dem Golfkrieg mit der Frage kon-frontiert, wie wir uns angesichts stattfinden-der Kriege verhalten sollen. Wie schon gesagt, hat die 82er Erklärung die grundsätzliche Frage nach dem (begrenzten) Recht militäri-scher Gewalt bewusst offen gelassen. Heute ist gerade dies die brennende Frage. Wir müs-sen sie in Wahrung der Intention des damals Gesagten beantworten, und das geht nicht in schlichter Zitation des »Nein ohne jedes Ja.«

Seit Beginn der 90er Jahre sind die Fragen christlicher Friedensethikin der gesamten EKD intensiv diskutiert worden. Wir Refor-mierten haben uns an dieser Diskussion nach Kräften beteiligt und es ist kein Schade, viel-mehr ein großer Gewinn, dass im Unterschied zu 1982 heute von einem gesamtprotestanti-schen friedensethischen Konsens geredet wer-den kann, den wir unbeschadet einzelner Nuancierungen mittragen. Ich nenne die Stichworte: christliche Friedensethik muss am Leitbe-griff des »Gerechten Friedens« orientiert sein; bei der Friedenssicherung und bei der Wiederherstellung des Friedens ist den nicht-militärischen Instrumenten prinzipiell der Vorzug zu geben; zivile Konfliktbearbeitung muss gefördert und ausgebaut werden; die internationale Friedensordnung ist als Rechtsordnung zu stärken; der Einsatz militärischer Gewalt kann nur als ultima ratio in Betracht kommen. Dabei dient das Kriterium der ultima ratio dazu, militärische Gewalt strengen Kontroll-fragen zu unterwerfen und also möglichst ein-zuschränken. Dies ist in den friedensethischen Äußerungen der EKD unmissverständlich fest-gehalten. In Aufnahme der Lehre vom ius ad bellum wird festgehalten, dass die Entschei-dung über militärisches Eingreifen im Rahmen und nach Regeln der Vereinten Nationen ge-troffen werden muss, dass die Ziele im Sinne

24 die-reformierten.upd@ te 02. 2

Thema Hauptversammlung des Reformierten Bundes

Gebe Gott, dass die Menschheit vor der 1982 befürchteten Katastrophe verschont bleibt.

derWiederherstellung einer gerechten Frie-densordnung

klar und hinsichtlich ihrer Er-folgsaussichten nüchtern veranschlagt sein müssen und dass von Anfang an bedacht sein muss, wie die militärische Intervention been-det werden kann. Im Kontext des ius in bello wird die Kriegführung selbst, sollte sie denn unvermeidlich sein, eingrenzenden Bedingun-gen unterworfen: Die Gewaltanwendung muss das Prinzip der Verhältnismäßigkeit beachten und darf nicht exzessiv erfolgen; Grausamkei-ten gegenüber militärischen Gegnern sind zu unterbinden; Auswirkungen der Kampfhand-lungen auf Nichtbeteiligte, vor allem die Zi-vilbevölkerung, müssen vermieden, zumindest aber minimiert werden; den Geschädigten steht unabhängig von ihrer Zugehörigkeit zu einer Konfliktpartei Hilfe zu. Im Blick auf die Wirksamkeit des Kriteriums der ultima ratio bleibt m.E. ein Doppeltes festzuhalten. Zum Einen: Die Maßstäbe, die hier an den Einsatz militärischer Mittel ange-legt werden sind streng. Christen sollten des-halb genau fragen, wie und mit welcher Ab-sicht von ultima ratio die Rede ist: Es darf nicht sein, dass diese Formel zur wohlfeilen Legitimationsfigur verkommt, die am Ende der zunehmenden Militarisierung des Politi-schen nichts mehr entgegenzusetzen hat. (Um dieser Gefahr entgegenzuwirken war und ist die Kirche gut beraten, der radikal-pazifisti-schen Position Position in ihren Reihen Heimat und Schutz zu gewähren und Respekt zu zollen.). Was die Antwort auf die terroristischen Ver-brechen des 11. September betrifft, gehörte ich mit vielen Reformierten zu denen, die den Militäreinsatz in Afghanistan zumindest was seine damals erklärten Ziele betraf auf-grund des ultima-ratio-Kriteriums nicht beja-hen konnten. Und erst recht halte ich weitere Militäreinsätze, wie die USA sie zum Zweck der Terrorismusbekämpfung ins Auge fassen, für nicht zu rechtfertigen. Freilich und damit bin ich bei dem zweiten Aspekt kann man auch zu anderen Schluss-folgerungen kommen. Jedenfalls haben im Blick auf den Afghanistaneinsatz Christen-menschen (etwa Teile der EKD-Synode) dies so gesehen, obwohl sie alle oben genannten restriktiven Kriterien bejahen. Man mag das bedauern und für falsch halten, aber ich warne vor der Illusion, eine noch so ausge-feilte Friedensethik könne ein solches ausein-ander Gehen im Konkreten verhindern. Ethi-

sche Urteilsbildung vollzieht sich nun einmal als Anwendung biblisch begründeter Maxi-men und Kriterien auf eine konkrete Situa-tion. Dabei erfolgt die Wahrnehmung der Si-tuation nach dem »Maß menschlicher Einsicht und menschlichen Vermögens« (Barmen V) und hat in den allerseltensten Fällen eine ein-deutige Evidenz, so dass kein Spielraum des Ermessens bliebe. Dass also in einer Kirche bei gleichen Prämissen ein Dissens im Kon-kreten bleibt, mag man bedauern, man darf dies aber nicht als moralisches Versagen oder geistliche Lauheit abtun. Vielmehr muss, orientiert am Leitbegriff des gerechten Frie-dens, beharrlich um Verständigung gerungen werden und Einverständnis darüber erzielt werden, dass das Ziel, den Krieg zu bannen, unter keinen Umständen zur Disposition ge-stellt werden darf. Dazu tut die Kirche gut daran, sich ihren spezifischen Auftrag vor Augen zu halten. »Es ist nicht die Aufgabe der

die-reformierten.upd@ te 02. 2 25

Hauptversammlung des Reformierten Bundes Thema

Der Tagungsort der Hauptversammlung mit neuem »Banner«: das Caritas-Pirckheimer-Haus in Nürnberg.

Kirche,Politik zu machen. Es ist die Aufgabe

der Kirche, die Gewissen zu schärfen« (Her-renbrück). Dies tut die Kirche nicht, wenn sie die von den Politikern zu führende Diskussio-nen lediglich noch einmal verdoppelt. Hinge-gen wird sie das, was bei den so genannten realpolitischen Erwägungen aus dem Blick zu geraten droht in Erinnerung bringen: die vor-rangige Option für den Frieden eben und dass man sich an Krieg nicht gewöhnen darf und dass auch im Kampf gegen den Terrorismus der Zweck nicht die Mittel heiligt, dass es auch nicht in Ordnung ist, wenn militärische Mobilmachung zügiger voranschreitet als das Sperren der Terroristen- Konten, und wie schnell und problemlos die Staatengemein-schaft das Geld für Krieg zusammen hat und wie zögerlich und vergleichsweise spärlich sie die Mittel aufbringt, die für humanitäre Hil-fen und den Aufbau gerechterer Strukturen vonnöten sind der Frieden braucht uns als Lobbyisten, damit die Politik nicht einseitig von solchen betrieben wird, die den Krieg wie selbstverständlich als Mittel der Politik ein-planen. Was das Moderamen den Gemeinden schon 1981 schrieb, gilt auch für unsere Ver-suche, Schritte des Friedens zu wagen: »Der Vorwurf wirklichkeitsferner Schwärmerei ist hierzulande rasch parat. Aber wir brauchen uns nicht verunsichern zu lassen... Erst recht haben wir keinen Grund, zu resignieren und im Gefühl der Ohnmacht gegenüber den poli-tischen Entwicklungen zu verharren. An Jesus Christus lernen wir, dass Gottes Kraft in den Schwachen mächtig ist.«

II Am Leitbegriff des »gerechten Friedens« hat sich auch unsere Stellung zur ausweglos er-scheinenden Lage in Israel und Palästinazu orientieren. Politisch ist im Grunde alles ge-sagt: Einen gerechten Frieden kann es nur geben, wenn beides zugleich gewährleistet ist: das Lebensrecht Israels auf der einen Seite und ein eigener palästinensischer Staat auf der anderen Seite. Diese politisch einzig sinn-volle Option scheint aber in weite Ferne ge-rückt zu sein, weil die Konfliktparteien in ei-ner sich immer unerbittlicher schließenden Eskalationsfalle stecken. Von daher verbietet sich jede Parteinahme, die das Recht der an-deren Seite ausblendet. Wie aber können wir

unserer Verbundenheit mit Israel, wie wir sie in unseren Leitsätzen bekannt haben, auch und gerade jetzt Gestalt geben, ohne die Not und die Hoffnungen des palästinensischen Volkes außer Acht zu lassen? Gewiss nicht dadurch, dass wir uns eine Kritik an aktueller israelischer Regierungspolitik prinzipiell ver-boten sein lassen. Aber unsere Kritik muss fair sein: Wer ausufernde, mit Willkür, Zer-störungswut und Demütigungsakten einher-gehende israelische Militäreinsätze kritisiert, darf den palästinensischen Terror und also die für Israelis immerzu präsente Gefahr, durch ein Attentat getötet oder verletzt zu werden und um das Leben von Angehörigen und Freunden zu bangen, nicht außer Acht lassen. Er wird vielmehr deutlich zu machen haben, dass Selbstmordattentate verwerfliche und abscheuliche Verbrechen darstellen und keine legitimen Mittel eines Befreiungskampfes sind, wie anders herum auch für Israel der Zweck der Terrorismusbekämpfung nicht die Mittel heiligen kann. Wer darauf hinweist, dass sich die derzeitige israelische Regierung in einer Spirale von Gewalt und Gegengewalt verirrt hat, wird gleichzeitig der Hoffnung Ausdruck verleihen, dass der Einfluss der is-raelischen Kräfte wieder zunimmt, die in gro-ßer Anzahl und in aller Öffentlichkeit sich für Ausgleich und Frieden einsetzen. Vor allem aber werden wir bei uns und bei anderen dar-auf zu achten haben, ob im Wahrnehmen der israelischen Fehler nicht eine klammheimli-che Erleichterung hochsteigt, weil die, an denen unser Volk so großes Unrecht began-gen hat, nun ihrerseits für ihr ungerechtes Tun angeklagt werden können. Wie, wenn nicht mit solchen Abgründigkeiten, wären sprachliche Entgleisungen zu verstehen, die Israels Kriegshandlungen in die Nähe von Na-ziverbrechen rücken. In diesen Zusammenhang gehören auch die Vorgänge um den Aufnahmeantrag von Jamal Karsli in die FDP und seine Verteidi-gung durch Jürgen Möllemann. Hildegard Hamm-Brücher hat ob dieser Vorgänge in einem Zeitungsinterview eindringlich ge-mahnt: »Ich spüre eine schleichende Entwik-klung zum Antisemitismus in Deutschland. Auf dieser Welle will die FDP schwimmen.« Bei ihr verstärke sich folgender Eindruck: Die FDP wolle sich für Wähler profilieren, die den grausam geführten Kampf für oder gegen das Existenzrecht Israels dafür nutzen, ihren mehr

26 die-reformierten.upd@ te 02. 2

Thema Hauptversammlung des Reformierten Bundes

Wer darauf hinweist, dass sich die derzeitige israelische Regie-rung in einer Spirale von Gewalt und Gegengewalt verirrt hat, wird gleichzeitig der Hoffnung Ausdruck verleihen, dass der Einfluss der israeli-schen Kräfte wieder zunimmt, die in großer Anzahl und in aller Öffentlich-keit sich für Aus-gleich und Frieden einsetzen.

Diein unserem

Land lebenden Jüdinnen und Juden sind in keiner Weise mit dem, was die israelische Regie-rung tut, in Verbindung zu bringen.

oder weniger getarnten Antisemitismus zu rechtfertigen.« (zitiert nach: WZ 18.5.2002, S.6). Die Gefahr ist nicht von der Hand zu weisen. Eine groß angelegte Studie der Uni-versität

Essen unter der Leitung der Erzie-hungswissenschaftler Klaus Ahlheim und Bardo Hegner stößt bei einer wachsenden Zahl von Studierenden auf eine Mentalität, die als sekundärer Antisemitismus beschrie-ben werden kann. Sie kommt auf den ersten Blick korrekt daher, aber: »Man fühlt sich durch die Erinnerung an den Holocaust von ,den Juden‘ gestört.« Man will »in Ruhe gelas-sen werden« und endlich wieder »ein gesun-des Nationalbewusstsein entwickeln.« (zitiert nach FR vom 11.5.2002, S.4). Auf diesem Hintergrund und auch im Blick auf die jüng-sten Wahlergebnisse in Europa national sein ist »in« sind wir zu erhöhter Wachsam-keit aufgerufen. Wir müssen den sich andeu-tenden Klimawechsel beobachten, dürfen uns keinesfalls an ihn gewöhnen und müssen alles in unserer Macht Stehende tun, um jedem Antisemitismus zu wehren. Deshalb füge ich hinzu, obwohl es sich eigentlich von selbst verstehen sollte: Die in unserem Land lebenden Jüdinnen und Juden sind in keiner Weise mit dem, was die israelische Regierung tut, in Verbindung zu bringen. Sie können

nicht Adressaten etwaiger Israelkritik sein, und sie sind unbedingt und uneingeschränkt vor Anfeindungen und gewaltsamen Über-griffen zu schützen. In diesem Z u s a m -menhang

noch ein H i n w e i s : Ich habe es i m m e r wieder er-lebt, dass in Diskus-sionen, in denen es um eine theologi-sche Stel-lungnahme

zum Ver-h ä l t n i s Juden C h r i s t e n ging, je-mand die Meinung ä u ß e r t e , jetzt sei hier so viel Positives gesagt, wo denn das kri-tische Wort zu dem bliebe, was »Israel den Pa-lästinensern antut« als habe dieses politische Problem mit jenen christlich-jüdischen theolo-gischen Grundsatzfragen auch nur das Gering-ste zu tun! Ebenso seltsam hat es mich berührt, des Öfteren den Vorwurf zu hören, dass unse-re Juden- Christen-Ausschüsse »nicht endlich auch einmal etwas kritisches zum in Israel be-gangenen Unrecht sagten«. Diese oft wie selbstverständlich daherkommende und viel-leicht nicht einmal Böses ahnende, gleichwohl aber verhängnisvolle Vermischung der Ebenen und Problemlagen zeigt mir, dass es bei uns noch viel zu tun gibt. Schade, dass in dieser Frage die Stimme des ÖRK, von dem wir uns sonst gern Anregung zuteil werden lassen, in der Vergangenheit wenig hilfreich gewesen ist. Wichtiger als all‘ unser Reden über und Stel-lung nehmen zum Konflikt im Nahen Osten ist unser Gebet für diese geschundene Region. Möge Gott die Gebete derer, die ihn um Scha-lom und Salam anflehen, erhören und die Völ-ker lehren, im Frieden miteinander zu leben.

die-reformierten.upd@ te 02. 2 27

Hauptversammlung des Reformierten Bundes Thema

Die Protokollanten bei der Arbeit: F. Baarlink und H. Büchsenschütz

III

Es hing mit den aktuellen politischen Ent-wicklungen zusammen, dass sich die Fragen der Friedensethik im Reformierten Bund in den Vordergrund drängten und das Nachden-ken über wirtschaftliche und soziale Gerech-tigkeit teilweise überlagerten. Uns ist aber sehr wohl bewusst, dass beide Fragen zumal im Zeitalter der Globalisierung sachlich in einem unlösbaren Zusammenhang stehen. Auch in dieser Hinsicht gilt, was das Modera-men in einer Stellungnahme zur Friedensdis-kussion in Herbst 1983 so formuliert hat: »Er-neut weisen wir darauf hin, dass Gerechtig-keit und Friede in der Welt unteilbar sind. Aus unserem rücksichtslosen Sicherheitsstreben werden wir herausgerufen, um mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln den Hunger und das Elend in der Welt bekämpfen zu können. Nicht das Streben nach militärischer Sicher-heit, sondern Gerechtigkeit schafft Frieden.« Dem Bericht des Generalsekretärs können Sie entnehmen, wie wir den Fragen nach einer verantwortlichen, am Maßstab der Gerechtig-keit orientierten Gestaltung der Globalisie-rung nachgegangen sind. Die Vorbereitungen auf die Generalversammlung des Reformier-ten Weltbundes, die im Jahr 2004 in Accra, Ghana, unter der Losung »Auf dass alle das Leben in Fülle haben ...« stattfinden wird, bietet eine gute Gelegenheit, dem Gerechtig-keitsthema im Reformierten Bund und seinen Gemeinden verstärkte Aufmerksamkeit zu widmen.

Lassen Sie mich in diesem Zusammenhang noch einmal auf den11. September 2001zu-rückkommen und eine Sorge mit Ihnen teilen, die mit der geistigen und geistlichen Verarbei-tung der Terroranschläge zu tun hat. In der Analyse von Predigten, Andachten und Stel-lungnahmen ist mir Folgendes aufgefallen: In dem Versuch, über das Unfassliche nachzu-denken, es irgendwie zu verarbeiten, wurde des Öfteren aus der richtigen Erkenntnis, dass Gerechtigkeit und Friede unteilbar sind, die fatale Konsequenz gezogen, die Verbrechen in einer Weise zu deuten, die einer Erklärung nahekommen. Der Terrorismus als Folge der Ungerechtigkeiten, die das globale kapitalisti-sche Wirtschaftssystem gebiert oder als Ant-wort auf die rigide Politik Israels. Dazu die vermeintlich frommen Deutungen: Der 11.

September als Strafe Gottes für alle Unmoral (so die eher rechte Version) oder als Finger-zeig auf die Brüchigkeit des Mammonismus (so die eher linke Version). Mir scheint, dies sind unerlaubte Versuche, das Ängstigende und Unbegreifliche durch allzu einliniges Erklären irgendwie in den Griff zu kriegen und es sich so auf Distanz zu halten. Wer, wenn nicht wir, sollte die Erin-nerung daran wachhalten, dass es Sünde gibt, die sich in ihrer Wucht und Abgründigkeit er-klärendem Zugriff entzieht. Damit ich nicht missverstanden werden: Ich übersehe nicht die schreiende Ungerechtigkeit in dieser Welt; Sie wissen, dass ich mich dazu immer wieder öffentlich zu Wort gemeldet habe. Ich überse-he auch nicht, wie problematisch die ameri-kanische Politik gerade der muslimischen Welt gegenüber war und ist die amerikani-sche Schriftstellerin Susen Sonntag (und nach ihr viele andere) hat es ihren Landsleuten zu Recht ins Stammbuch geschrieben. Man wird auch die Verbindung sehen müssen zwischen der Reaktion auf die Verbrechen in vielen Tei-len der sog. 3. Welt und dem, was wir uns ihnen gegenüber haben zu Schulden kommen lassen. Die kaum verhohlene Schadenfreude vieler, denen es geradezu Genugtuung berei-tete, dass es jetzt auch mal »die da« erwischt hat, die haben in der Tat wir verschuldet. Aber doch bleibt, was die Verbrechen selbst betrifft, ein Rest an Unerklärlichem und muss ein Rest bleiben! Das ist schwer auszuhalten, und ohne das Vertrauen darauf, dass Gott aller Bosheit zum Trotz diese Welt nicht zum Teufel gehen lässt, ist es gar nicht auszuhal-ten. Aber wer das nicht aushält, wer für die Taten der Terroristen erklärende Begründun-gen findet, der sehe wohl zu, was er tut. Er verhöhnt die Opfer nach dem Motto »selbst Schuld«, und er stilisiert die Mörderbande zur Befreiungsbewegung. Der Terrorismus darf nicht erklärt, er muss um der Gerechtigkeit Willen bekämpft werden. Dass dieser Kampf seinerseits das Recht nicht beugen darf, dass hier also nicht alles erlaubt ist, vielmehr auch in der Terrorismusbekämpfung das Kriterium der ultima ratio mit seinen gewaltbegrenzen-den Implikationen streng zu beachten ist, sei noch einmal ausdrücklich unterstrichen.

28 die-reformierten.upd@ te 02. 2

Thema Hauptversammlung des Reformierten Bundes

Der Terrorismus darf nicht erklärt, er muss um der Gerechtigkeit Willen bekämpft werden.

Einezerspaltene

Christenheit verdunkelt die sie tragende Wahrheit, und sie veräußert ihre Glaubwürdig-keit und also ihre Zeugnisfähigkeit.

IV Wenn die Kirche die Frage nach dem Frieden nicht nur nach außen richtet, sondern ihre ei-gene Friedensfähigkeit bedenkt, steht sie un-weigerlich vor derökumenischen Frage. Jesu Bitte um die Einheit der Seinen in Johannes 17,20f. macht deutlich, dass hier ein Doppel-tes auf dem Spiel steht: Eine zerspaltene Chri-stenheit verdunkelt die sie tragende Wahrheit, und sie veräußert ihre Glaubwürdigkeit und also ihre Zeugnisfähigkeit. Und so ist es nicht von ungefähr, dass die Anfänge der ökumeni-schen Bewegung zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts sowie deren Institutionalisie-rung 1948 in Amsterdam einen deutlichen Bezug zur Erschütterung der Völkergemein-schaft durch die beiden Weltkriege aufweisen. In der Botschaft der Vollversammlung von 1948 heißt es: »Wir sind voneinander ge-trennt, nicht nur in Fragen der Lehre, der Ordnung und der Überlieferung, sondern auch durch unseren sündigen Stolz: National-stolz, Klassenstolz, Rassenstolz. Aber Christus hat uns zu seinem Eigentum gemacht, und in ihm ist keine Zerstreuung. Wo wir ihn suchen, finden wir einander.«

Ich will abschließend einiges darüber berich-ten, wo und wie wir uns im Reformierten Bund ökumenisch bewegt haben. Vom 19. bis 25. Juni 2001 tagte in Belfast die 5. Vollversammlung der Leuenberger Kir-chengemeinschaft. Die protestantischen Kir-chen Irlands hatten eingeladen, zur Eröffnung begrüßten aber auch der Primas der römisch-katholischen Kirche Irlands, Erzbischof Sean Brady, sowie der Präsident der jüdischen Ge-meinde, Ronald Appleton, die Vollversamm-lung. Die Tagung fand zu einem kritischen Zeitpunkt des Friedensprozesses statt. Außer-dem stand die »Marching Season« vor der Tür und während des Aufenthaltes kam es zu schweren Zusammenstößen zwischen rivali-sierenden Gruppen im Norden Belfasts. So er-lebten wir Belfast als das, was es auch ist: Ne-gativsymbol für die destruktive Macht, die von christlicher Religion ausgehen kann, wo konfessionelle Spaltung dazu herhalten muss, traditionelle gesellschaftliche und soziale Trennungslinien zu zementieren und ideolo-gisch zu überhöhen. Aber wir erlebten auch das Gegenteil: hoffnungsvolle Projekte und Initiativen, in denen Schritte der Versöhnung

gewagt werden, oftmals über kirchliche und kommunale Grenzen hinweg. Und wir hörten von der Sehnsucht aller KirchenvertreterIn-nen nach Überwindung des Konfliktes und nahmen ihre Bitte mit, den Brückenbau zwi-schen den Traditionen zu unterstützen und für eine erfolgreiche Fortsetzung des Frie-densprozesses zu beten. Einen inhaltlichen Schwerpunkt bildete das Ergebnis des (vor 6 Jahren von den refor-mierten Delegierten Deutschlands vorgeschla-genen) Lehrgespräches »Kirche und Israel«. Zum ersten Mal formulieren die protestanti-schen Kirchen in Europa gemeinsam, was über die Beziehung zwischen Kirche und Is-rael und die Zusammenarbeit von Christen und Juden auf der Basis der heiligen Schrift und der Lehre gesagt werden kann. Außerdem gestehen die Kirchen ihre Mitverantwortung und Schuld für jahrhundertelange christliche Judenfeindschaft ein und bitten Gott um Ver-gebung. Das Dokument hält fest, dass Chri-sten gegenüber allen Menschen ihren Glau-ben bezeugen, auch in der Beziehung mit Juden; aber die Gemeinsamkeit des Zeugnis-ses von dem Gott Israels und das Bekenntnis zum souveränen Erwählungshandeln dieses Gottes ist »ein gewichtiges Argument dafür, dass sich die Kirchen jeglicher gezielt auf die Bekehrung von Juden zum Christentum ge-richteten Aktivität enthalten.« Die Vollver-sammlung hat sich dieses Dokument einstim-mig zu eigen gemacht (und ihm damit den höchsten Grad an Verbindlichkeit zuerkannt); und sie bittet die Kirchen, das Lehrgesprächs-ergebnis aufzunehmen und im christlich- jü-dischen Dialog und bei eigenen Arbeiten zum Thema Kirche und Israel zu berücksichtigen. Ich gebe diese Bitte gerne und mit Nachdruck weiter und danke bei dieser Gelegenheit un-seren Teilnehmern an der Lehrgesprächsgrup-pe, namentlich Prof. Andreas Lindemann und Prof. Michael Weinrich, die sich um das Zu-standekommen dieses wichtigen Dokuments besonders verdient gemacht haben. In Belfast ist der Wille deutlich geworden, die Leuenberger Kirchengemeinschaft zu stärken. Zwar wurde die Idee einer »Europäischen Evangelischen Synode« nicht umgesetzt, aber es wurde ein ganzes Maßnahmenbündel be-schlossen (über die Bildung von Foren, Pro-jektgruppen und regelmäßigen Konsultatio-nen bis hin zu einer europaweiten Vernetzung der kirchlichen Kommunikation), um in

Hauptversammlung des Reformierten Bundes Thema

die-reformierten.upd@ te 02. 2 29

grundlegendenFragen die protestantischen

Stimmen zu bündeln und sie in der europäi-schen Öffentlichkeit zur Sprache und zu Gehör zu bringen. Ich halte dies für ein reali-stisches Ziel. Außerdem ist es einer in ver-söhnter Verschiedenheit verbundenen Kir-chengemeinschaft angemessener, als der bis-weilen geäußerte Wunsch, der Protestan-tismus möge doch endlich mit »einer Stimme« sprechen. In einer konkreten Situation das eine verbindliche Wort zu finden bleibt im Protestantismus das Geschenk besonderer Geistesgegenwart und je und dann zuwach-sender Vollmacht. Die »eine Stimme« sollten wir nicht institutionalisieren wollen. Wohl aber liegt die Aufgabe weiterhin vor uns, »volle Kirchengemeinschaft« nicht nur ir-gendwann einmal erklärt zu haben, sondern zu verwirklichen, d.h. durch unser Reden, unser Handeln und unsere Strukturen zu be-zeugen, dass wir eine Kirche sind. Nur wer diese Aufgabe, man mag sie die innerprote-stantische ökumenische Herausforderung nennen, Ernst nimmt und beherzt aufgreift, wer also Konfessionalität zu Gunsten der Ka-tholizität lebt, findet seinen Platz in der einen Kirche und vermeidet das konfessionalistische Abseits. Was das für uns Reformierte konkret bedeutet, soll an einigen aktuellen Punkten verdeutlicht werden.

1. Ich bleibe zunächst im europäischen Kon-text. Wer eine Stärkung der Leuenberger Kir-chengemeinschaft will, muss sich (wie auf der EKD-Ebene) fragen, wie Kräfte sinnvoll gebün-delt werden können. Wir sind im Moderamen zu der Auffassung gelangt, dass es neben der Leuenberger Kirchengemeinschaft und der Konferenz europäischer Kirchen einereuropä-ischen Koordinationsstruktur für den RWB in der jetzigen Form (mit europäischer Gebiets-konferenzen und einem Gebietsausschuss) nicht weiter bedarf. Was in den bisherigen Strukturen geleistet werden sollte, könnte mit einer Koordinierungsstelle (die Ressourcen von Mitgliedskirchen abruft und deren Arbeit ver-netzt), sowie einem theologischen Ausschuss (der von den Delegierten reformierter Kirchen etwa im Zusammenhang mit der Leuenberger Vollkonferenz berufen werden könnte) besser und effektiver geleistet werden. Wir werden zusammen mit anderen diese Vorschläge auf der Versammlung des Europäischen Gebietes, die im August in Oradea stattfindet, einbrin-

gen. (Vgl. zu diesem Punkt ausführlich den Ar-tikel des Generalsekretärs in dieser Ausgabe von »die reformierten ...«, S. 9f.).

2. Der in einem früheren Bericht schon einmal anvisierteZusammenschluss von EKU und AKfwird aller Voraussicht nach zum 1. Juli 2003 in Kraft treten. Fünfzehn Kirchen, dar-unter auch die Evangelisch-reformierte Kir-che und die Lippische Landeskirche werden die »Union Evangelischer Kirchen in der Evangelischen Kirche in Deutschland« (UEK) bilden, mit dem Ziel: »die Gemeinsamkeit in den wesentlichen Bereichen des kirchlichen Lebens und Handelns zu fördern und damit die Einheit der Evangelischen Kirche in Deutschland zu stärken.« Dabei hat die UEK nicht nur wie bisher die AKf koordinie-rende Funktion, ihre Vollkonferenz soll viel-mehr auch »Kirchengesetze und andere recht-liche Regelungen beschließen, die in den Mit-gliedskirchen gelten oder umgesetzt werden sollen.« Es ist im Vorfeld kritisch darauf hin-gewiesen worden, dass die UEK ihre Aufga-ben künftig ohne eigene Synode wahrnehmen wird. Dem kann aber entgegengehalten wer-den, dass in der Vollkonferenz das Laienele-ment deutlich und verbindlich vertreten sein wird und dass die Mitgliedskirchen in der Übernahme von Gesetzen, welche die Union beschlossen hat, frei bleiben. Für synodale Mitsprache und Rückkopplung ist also ge-sorgt. Außerdem ging es gerade darum, Strukturen zu vereinfachen und zu verschlan-ken und nicht weiter aufzublähen. Was das Projekt UEK betrifft, so sind primär unsere beiden reformierten Landeskirchen gefragt, das Moderamen hat sie aber zu dem Schritt einer Teilnahme ermutigt und wird in der UEK für den Reformierten Bund (wie zuvor in der AKf) einen Gaststatus beantragen. Dabei wol-len wir darauf achten, dass die UEK tatsäch-lich eine ,Institution im Übergang‘ bleibt, d.h., sie darf nicht ihrerseits einer Versäulung innerhalb der EKD Vorschub leisten. So wird gegen Ende der ersten Amtszeit der Vollkon-ferenz der UEK, also gegen 2008, ernsthaft zu prüfen sein, ob die Stärkung der EKD so weit gediehen ist, dass sich die UEK als eigene Kir-che wieder auflösen bzw. in ein noch größe-res Ganzes integrieren kann.

3. Manchem mag gar nicht bewusst sein, dass wir Reformierten schon seit Jahrzehnten beste

Thema Hauptversammlung des Reformierten Bundes

Dabei wollen wir darauf achten, dass die UEK tatsächlich eine ,Institution im Übergang‘ bleibt, d.h., sie darf nicht ihrerseits einer Ver-säulung innerhalb der EKD Vorschub leisten.

30 die-reformierten.upd@ te 02. 2

Erfahrungenmit einer »UEK-Einrichtung« ge-macht

habe. UnserReformiertes Seminar für pastorale Aus- und Fortbildung,seit einem Jahr auf dem Gelände der Kirchlichen Hoch-schule angesiedelt, ist in der Trägerschaft von vier künftigen UEK-Kirchen (ERK, LLK, EKiR, EKvW; Bremen kooperiert zudem in Teilberei-chen der Ausbildung); und es hat sich immer wieder gezeigt, dass die Wahrung gewachse-ner

Profile und eine grenzüberschreitende Kooperation keinen Gegensatz darstellen im Gegenteil! Im Rahmen grundsätzlicher Über-legungen zur Neustrukturierung kirchlicher Arbeitsfelder prüft die Evangelische Kirche im Rheinland unter anderem die Möglichkeit einer Fusion des Rheinischen Predigersemi-nars in Bad Kreuznach mit dem Reformierten Seminar für pastorale Ausund Fortbildung am Standort Wuppertal; das Kuratorium des Re-formierten Seminars hat deutlich Offenheit signalisiert. Ich berichte dies unter dem Aspekt, die UEK weiter mit Leben zu füllen. Auf der nächsten Hauptversammlung werde ich ausführlich darstellen, wie der neue Standort unsere inhaltliche Arbeit befruchtet. Hier nur so viel: Wir haben auf vielen Ebenen begonnen, die räumliche Nachbarschaft mit der Vereinten Evangelischen Mission und der Kirchlichen Hochschule als Chance zu nutzen, das reicht von regelmäßigen Konsultationen über Kooperation in einzelnen Projekten bis hin zu gemeinsam angestellten Überlegun-

gen, wie die einzelnen Ausbildungsphasen und Ausbildungsgänge im Licht der jeweils anderen verbessert werden können. Bei der feierlichen Eröffnung des Reformierten Semi-nars auf dem in Wuppertal so genannten »Heiligen Berg« im Mai letzten Jahres sagte Vizepräses Schneider (Ev. Kirche im Rhein-land), dies sei »ein Berg voller Chancen« Recht hat er!

4. Die auf der letzten Haupt-versammlung

heftig disku-tierte Neuord-nung unserer P u b l i z i s t i k war ein Schritt in die richtige Rich-tung. Es ist den »zeitzei-chen« gelun-gen, sich als interessante und niveau-volle prote-s t a n t i s c h e Monatsschrift auf dem Markt etablie-ren. Manche sagen, die »zeitzeichen« seien aber doch etwas ganz anderes als die RKZ. Stimmt. Aber die Frage lautete nie, ob wir in den »zeitzeichen« die RKZ wiedererkennen, sondern ob wir aus ihnen die reformierte Stimme heraushören. Dass dies der Fall ist, lässt sich sowohl im Blick auf die Autoren aufzeigen, die zu Wort kommen, als auch im Blick auf die Themenwahl sowie die Aspekte, unter denen Themen aufgegriffen werden. Den »zeitzeichen« würde etwas Wesentliches fehlen, wenn wir die Chance der Mitarbeit ausgeschlagen hätten. Dass die Zusammenar-beit mit den größeren Partnern in gleicher Augenhöhe und ausgesprochen konstruktiv geschieht, sei ausdrücklich vermerkt. Aber wir haben um der Gemeinsamkeit willen ja nicht nur etwas aufgegeben sondern wie versprochen auch Neues geschaffen: »die reformierten upd@te« (dru) heißt unser Mit-gliedermagazin, welches über das Leben im Reformierten Bund und im Reformierten Weltbund auf ansprechende Weise informiert

Hauptversammlung des Reformierten Bundes Thema

die-reformierten.upd@ te 02. 2 31

Diskussion im Plenum

undals Diskussionsforum dient. Mit Hilfe die-ses

Blattes konnte die vereinsinterne Kommu-nikation wesentlich verbessert werden. Dass es so bald herauskam, zudem in einer profes-sionellen Gestaltung, die keinen Vergleich zu scheuen braucht, dafür gebührt dem Schrift-leiter Jörg Schmidt unser Dank. Schließlich zeigen Ihnen nicht zuletzt die Tagungsunter-lagen, dass auch die dritte angekündigte Säule unseres publizistischen Konzeptes steht: Mit Hilfe des foedus verlages sind wir in der Lage, anspruchsvoller reformierter The-ologie ein angemessenes und attraktiver Pu-blikationsforum zu bieten. Summa: Im Zu-sammengehen mit den anderen haben wir in beide Richtungen gewonnen ein ermutigen-des Zeichen!

5. Zum Jahresbeginn hat der leitende Jurist der Ev.-lutherischen Kirche Hannovers, von Vietinghoff, Vorschläge zu einerStrukturre-form des deutschen Protestantismusvorge-legt, die über die eben berichtete Entwicklun deutlich hinausreichen. Seine These: »Die Ko-operationsstrukturen müssen sich an den Ge-meinschaftsaufgaben ausrichten, statt dass diese Aufgaben in die konfessionell organi-sierten Institutionen eingepasst werden.« Dazu bietet sich nach v. Vietinghoff die EKD als zukünftiges einziges Gemeinschaftsdach für alle 24 Landeskirchen an. Ausdrücklich betont er, dass es nicht darum gehen könne, die Bekenntnisbindung zur Disposition zu stellen, »Lutherische, reformierte, unierte Lan-deskirchen dürfen nicht um ihr spezifisches Profil gebracht werden. Diese Vielfalt ist ein Reichtum des Protestantismus, keine Last, kein Nachteil.« V. Vietinghoff benennt schon bewährte (itio in partes) und entwicklungsfä-hige Konstruktionselemente (Arbeitsgemein-schaften nach Art des Deutschen Nationalko-mitees [DNK]), mit denen sich auf der Ebene der EKD eine integrative Struktur schaffen ließe, die die jeweiligen konfessionellen Pro-file nach innen und außen achtet. Als Refor-mierte können wir diese Initiative nur unter-stützen. Wir haben uns von jeher für eine Stärkung der EKD eingesetzt und die Struktur des Reformierten Bundes entspricht im Grun-de dem, was v. Vietinghoff den Lutheranern als Struktur einer künftigen Arbeitsgemein-schaft vorschlägt (weshalb er neben dem DNK ruhig auch uns als positives Beispiel hätte nennen können). Mehr noch: Würden v. Vie-

tinghoffs Vorschläge umgesetzt, würden die gewachsenen konfessionellen Profile in der laufenden Arbeit der EKD an Gewicht gewin-nen, ohne dass durch ein Festhalten an über-kommenen Strukturen Reibungsverluste ent-stehen, die letztlich denen zuarbeiten, die ihre tumben antikonfessionellen Ressentiments als ökumenische Fortschrittlichkeit ausgeben. Im Exekutivausschuss der Leuenberger Kirchen-gemeinschaft mache ich die Erfahrung, dass es tatsächlich möglich ist, in einer gemeinsa-men Leitungsstruktur das eigene konfessio-nelle Profil so einzubringen, dass es die Ar-beit am Ganzen bereichert. Versöhnte Ver-schiedenheit erfahre ich dort nicht nur als ek-klesiologisches Modell, sondern als kirchen-leitende Lebensform. Sie steht und fällt frei-lich damit, dass gerade die beieinander sind, die sich bei aller Verschiedenheit in der Wert-schätzung konfessioneller Prägung einig sind. Ich habe anderen keine Ratschläge zu ertei-len. Aber unter dem zuletzt genannten Aspekt wage ich es, im Blick auf eine künftige Um-gestaltung der EKD als Reformierter der lu-therischen großen Schwester zuzurufen: »Komm herüber und hilf uns.«

6. Ökumenisches Bemühen kann an den Gren-zen der eigenen Konfessionsfamilie nicht Halt machen, im Gegenteil, dort fängt es erst rich-tig an. Wo immer christliche Gemeinden und Kirchen und seien sie in der Lehre auch ge-trennt angesichts gemeinsamer Herausfor-derungen zu gemeinsamem Zeugnis und Dienst sich zusammenfinden, ereignet sich Kirchengemeinschaft, sofern im gemeinsamen Tun zeichenhaft deutlich wird, dass der, dem sich die Kirche verdankt, einer ist. Zur ge-meinsamen Praxis muss diegemeinsame Suche nach der Wahrheittreten und damit auch das Bemühen darum, kirchentrennende Differenzen im Verständnis der Wahrheit zu überwinden. Die Leuenberger Kirchengemein-schaft ist ja das Ergebnis solchen Bemühens vormals zertrennter Kirchen. Und ihre Metho-de des »differenzierten Konsenses« Überein-stimmung in den zentralen Aussagen bei blei-benden Unterschieden in den jeweiligen Aus-differenzierungen hat sich auch in anderen ökumenischen Gesprächskonstellationen be-währt. Prominentes Beispiel ist die Gemeinsa-me Erklärung zur Rechtfertigungslehre. Zwar wurde inzwischen deutlich, dass der hier er-zielte Durchbruch eine ökumenische Wegsta-

Thema Hauptversammlung des Reformierten Bundes

»Lutherische, reformierte, unierte Landeskirchen dürfen nicht um ihr spezifisches Profil gebracht werden. Diese Vielfalt ist ein Reichtum des Protestantismus, keine Last, kein Nachteil.«

32 die-reformierten.upd@ te 02. 2

Einheitbekennen

wer Ohren hat zu hören, vernimmt schon im Titel ein wichtiges reformier-tes Anliegen!

tion und noch nicht das Überschreiten der Zielgeraden ist dazu müssten die Differen-zen im Verständnis der Kirche sowie im Ver-ständnis und in der Ordnung des kirchlichen Amtes ausgeräumt sein dennoch haben wir allen Grund, uns an den Verständigungsbe-mühungen auf der Ebene der Lehre zu beteili-gen und unsere Perspektive mit einzubringen. Dieser Aufgabe haben wir uns verstärkt zuge-wandt. UnsereTheologische Tagungdie wichtigste Veranstaltung des Reformierten Bundes zwischen den Hauptversammlungen stand unter dem Thema: »Was heißt aus refor-mierter Sicht: Kirche anerkennen?« Konferen-zen und Konvente haben die Fragestellung aufgegriffen und weitergeführt, und unsere reformierte Professorenkonferenz hat sich be-reit erklärt, für die nächsten Jahre das Öku-menethema zu ihrem Schwerpunkt zu machen und auf diese Weise dem Reformierten Bund theologisch zuzuarbeiten. Unsere Arbeitser-gebnisse wurden und werden in den ökumeni-schen Diskurs des Reformierten Weltbundes eingespeist, denn uns ist wichtig, auch auf Weltebene hier wieder einen deutlicheren Schwerpunkt zu setzen; außerdem bewahren uns die anderen reformierten Stimmen vor westeuropäischem Provinzialismus, was gera-de in der Ökumenedebatte notwendig ist. Nun wäre es eigentlich angesagt, einige in-haltliche Schlaglichter auf die reformierte Perspektive ökumenischer Theologie zu wer-fen. Dies lässt die Zeit nicht zu, was aber leicht zu verschmerzen ist, weil sie eine erste Bilanz unserer Überlegungen in dem rechtzei-tig zur Hauptversammlung herausgebrachten Aufsatzband »Einheitbekennen. Auf der Suche nach ökumenischer Verbindlichkeit« nachlesen können. Den Autoren Michael Beintker, Eberhard Busch, Christian Link und Michael Weinrich sei herzlich gedankt, dem Letztgenannten auch für die Mühen der Her-ausgabe, die er zu einer Zeit auf sich genom-men hat, in der er ohnehin vom Reformierten Bund reichlich beansprucht wurde! Einheit bekennen wer Ohren hat zu hören, vernimmt schon im Titel ein wichtiges refor-miertes Anliegen! Einheit bekennen darin ist dem Glauben Ausdruck verliehen, dass die Kirche als Leib Christi eine ist. Die Einheit ist der Kirche also immer bereits voraus. »Die uns verbleibende Sorge kann grundsätzlich nicht die sein, ob wir sie auf welche Weise auch immer nun

herstellen können, indem wir sie sichtbar zu machen versuchen, sondern nur noch, ob wir ihr auch tatsächlich nachzukommen vermö-gen.« (Einheit bekennen, 47). Dieser Ansatz relativiert und orientiert auf heilsame Weise unsere menschlichen Vereinigungsversuche. Der Glaube an die der Kirche vorgegebene Einheit führt zu ökumenischer Bescheiden-heit: Wir wissen um die Begrenztheit des ei-genen Kircheseins und um die unsere Kir-chengrenzen überschreitende Katholizität des Leibes Christi, der sich als solcher freilich auch nicht durch eine geeinte Weltkirche in-stitutionalisieren lässt. Der Glaube an die der Kirche vorgegebene Einheit hilft zu ökumenischem Realismus: Wir werden das Mögliche tun, uns aber nicht gegenseitig überfordern oder gar unter Druck setzen. Konkret: Wenn die Vorstellungen von Einheit mit der jeweiligen Lehre von der Kir-che zusammenhängen und wenn wir an die-sem Punkt bisher mit der römisch-katholi-schen Kirche Kirche keine Einigung erzielen konn-ten, dann können wir verstehen, dass mit dem gleichen Ernst, mit dem wir von unseren Vor-gaben her die römisch-katholischen Geschwi-ster zu unserem Abendmahl einladen und ihres empfangen, diese dasselbe in Treue zu ihren ekklesiologisches Vorgaben (offiziell) gerade nicht tun dürfen. Wir werden diesen Unterschied respektieren, keinesfalls morali-sieren und also vermeiden, die anderen als die unernsthafteren Ökumeniker hinzustellen. Schließlich: Der Glaube an die vorgegebene Einheit belebt unser ökumenisches Engage-ment: Wie sollten wir uns mit dem, was wir erreicht haben, begnügen, wie sollten wir nachlassen können in dem Streben, deutlicher das zu werden, was wir sind: eine Kirche. Bei Weinrich heißt es: »Wir werden vertrauens-voll mit dem Bewusstsein in die Zukunft... gehen, dass sich die in Christus gegebene Ein-heit nun auch Schritt für Schritt deutlicher er-kennen lassen möge.« (ebd). Dazu müssen wir mit den ökumenischen Partnerinnen und Partnern zusammen vor allem eins tun: auf Empfang schalten. Mit einem Bild von Wein-rich: »Für das Schiff der Ökumene bleibt bei allem sinnvollen Gerät, mit dem es inzwi-schen ausgestattet ist, das Segel konstitutiv, in dem sich der Wind des Geistes Gottes ver-fangen kann, um das Schiff in seine Richtung mitzunehmen und zuverlässig an sein Ziel zu bringen.« (a.a.O. 11)

Hauptversammlung des Reformierten Bundes Thema

die-reformierten.upd@ te 02. 2 33

1Zur Zielsetzung und Gliederung

des Berichtes

Der Bericht zur Hauptversammlung in Nürn-berg ist nach Stichworten aus dem Bekennt-nis von Belhar gegliedert. Mit dieser Gliede-rung möchte ich an das aus dem dezidiert re-formierten Kontext in Südafrika stammende Bekenntnis erinnern und an seine Bedeutung auch für die Reformierten in Deutschland. Zusammen mit der Barmer Theologischen Er-klärung ist das Bekenntnis von Belhar der Partnerschaftsvereinbarung vorangestellt worden, die der Reformierte Bund gemeinsam mit der Ev.-ref. Kirche und der Lippischen Landeskirche 1999 mit der Uniting Reformed Church in Southern Africa (URCSA) einge-gangen ist, um die gegenseitige Anerkennung der Partner als Kirchen zu unterstreichen. Freilich ist Belhar nicht so klar gegliedert wie die Barmer Theologische Erklärung, es ist in einem vierjährigen synodalen Meinungsbil-dungsprozess (1982-1986) so sehr ausgewei-tet worden, dass der gesamte Text des Be-kenntnisses kaum als Strukturelement heran gezogen werden kann. Der Bericht des Generalsekretärs nimmt auch nicht die gesamte Breite kirchlichen Lebens in den Blick, auf die das Bekenntnis von Belhar sich bezieht, er konzentriert sich in thema-tischer Abstimmung mit dem Bericht des Mo-derators auf wenige Schwerpunkte der Ar-beit des Reformierten Bundes. Dass ich trotz dieser Bedenken an Belhar (zumindest) als Stichwortgeber für meinen Bericht festhalte, hängt mit einer Stellung-nahme des Theologischen Ausschusses der Arnoldshainer Konferenz (AKf) zusammen, die mir in der Sitzung am 3. März diesen Jahres in Berlin mit VertreterInnen des Re-formierten Generalkonventes und des Rates der Ev. Kirche der Union (EKU) zugänglich gemacht wurde, und die genau das Thema behandelt, das mich bei meinen Überlegun-gen zur Strukturierung meines Berichtes interessiert hatte: »Das Bekenntnis von Bel-

har und die Barmer Theologische Erklä-rung.« Die Stellungnahme des Theologischen Aus-schusses stellt sich der Aufgabe, nach der Si-tuation zu fragen, »die ein Bekennen von Barmen und Belhar her heute notwendig macht« und will zugleich »das theologisch Gemeinsame hervorheben, das die Barmer Theologische Erklärung und das Bekenntnis von Belhar als tragfähige geistliche Grund-lage solchen aktuellen Bekennens erschei-nen lässt« 1 .

2 Das Bekenntnis von Belhar zur Einheit der Kirche 2.1 Das Bekenntnis zur Einheit im Kontext der reformierten Kirchen in Südafrika

Schon im Hinblick auf den Kontext von Bel-har macht es Sinn 2 , meinen Bericht mit Hin-weisen

zur Situation der Partnerkirchen in Südafrika zu beginnen. Es legt sich aber auch von dem ersten Artikel des Bekenntnisses her nahe. Das Thema des Artikels ist das Be-kenntnis zur Einheit der Kirche und nach wie vor besteht das wesentliche Problem der re-formierten Kirchen in Südafrika darin, dass der Prozess der Vereinigung zwischen der URCSA und der (weißen) Nederduitse Gere-formerde Kerk (NGK) nicht voran kommt. Lediglich in der Kap-Region in Südafrika ist eine Initiative zur Zusammenführung der Kir-chen gestartet worden, bezeichnender Weise bisher aber nur zum Aufbau gemeinsamer di-akonischer Arbeitsstrukturen fruchtbar ge-macht worden. Auf nationaler Ebene wird seitens der NGK weiterhin am Konzept der »open structures« (wörtlich: der offenen Strukturen) festgehal-ten: Man ist bereit, auf synodaler Ebene mit der URCSA zu kooperieren, will aber die Ver-einigung auf Gemeindeebene nicht angehen, weil man befürchtet, dass eine Vielzahl dann aus der NGK auswandert. 3

Thema Hauptversammlung des Reformierten Bundes

Mit Hilfe inhalt-licher Stich-worte aus dem Bekenntnis von Belhar gliederte der Genmeralse-kretär des Reformierten Bundes, D. Hermann Schaefer, seinen Bericht: Einheit der Kirche; Versöhnung im Zusammenhang der Mittel-Ost-Europa- Arbeit; Arbeit; Gerechtigkeit im Kontext der Globalisierung.

34 die-reformierten.upd@ te 02. 2

Bericht des Generalsekretärs vor der Hauptversammlung des Reformierten Bundes im Juni in Nürnberg VON HERMANN SCHAEFER

Einentscheidendes Hindernis im Prozess des

Zusammengehens der reformierten Kirchen in Südafrika ist die unterschiedliche Stellung zum Bekenntnis von Belhar. Als die identi-tätsstiftende Bekenntnisgrundlage der verei-nigten schwarzen und farbigen reformierten Kirchen ist Belhar für die URCSA im Vereini-gungsprozess mit der NGK nicht verhandel-bar. Die NGK ihrerseits lässt durchblicken, dass sie keine Einwände gegen die inhalt-lichen Aussagen des Bekenntnisses habe, aber wegen seines Anti-Apartheid-Kontextes es nicht als eigenes Bekenntnis annehmen oder übernehmen könne. Dieses Dilemma haben bislang weder die eu-ropäischen Partnerkirchen der URCSA noch der Reformierte Weltbund (RWB) auflösen können. Bedauerlicherweise hat sich das Mo-deramen der URCSA im Vereinigungsprozess mit der NGK als schwacher Partner erwiesen, und bislang in Ermangelung effizienter Ar-beitsstrukturen auch nicht die Hilfen seitens der europäischen Partner in Anspruch neh-men können, die ihm im Rahmen der Partner-schaftsvereinbarungen angeboten werden. Auf der Synode der URCSA im Oktober letz-ten Jahres, bei der die Reformierten aus Deutschland durch die Beauftragten der ERK und der LLK Anne Töpfer und Kornelia Schauf vertreten waren, stand lediglich der bisherige Moderator James Buys zur Wieder-wahl an. Die drei weiteren Mitglieder wur-den nach regionalen Gesichtspunkten ge-wählt. Leider konnte das neugewählte Mode-ramen die Chance nicht wahrnehmen, in diesem Frühjahr gemeinsam die europäi-schen Partner aufzusuchen. Lediglich James Buys und der neue Sekretär Mbatha haben an der Europäischen Reformierten Südafrika Konsultation (ERCSA) vom 17.-19. April in Basel teilgenommen und anschließend (auch) den Ref. Bund, die LLK sowie die Ge-samtsynode der ERK und ein Südafrika-Forum in Frenswegen besucht. Schwerpunktthema in Basel war die Erarbei-tung einer neuen Arbeitsstruktur der ERCSA. Zukünftig soll ein Lenkungs-Ausschuss (mit je einem Vertreter/einer Vertreterin aus den Niederlanden, Belgien, der Schweiz und Deutschland und aus dem Moderamen des URCSA) zu Konferenzen einladen, die nach dem jeweiligen Arbeitsfeld als Konsultatio-nen oder »workshops« durchgeführt werden - mit unterschiedlichen Fachleuten, auch

von Partnern außerhalb der genannten Trä-gerkirchen der ERCSA. 4

Der Prozess zur Zusammenführung vornehm-lich nach Hautfarbe getrennter Kirchen nach Überwindung der Apartheid wird auch von

dem zuständigen Fachausschuss auf EKD-Ebene begleitet. In der Evangelischen Kom-mission für das Südliche Afrika (EKSA), die mich vor einem Jahr als Vorsitzenden wieder-gewählt hat, sind neben den reformierten auch die evgl.-lutherischen Kirchen aus dem Südlichen Afrika im Blick, von denen einige in vertraglich geregelten Beziehungen zur EKD stehen. 5

Hauptversammlung des Reformierten Bundes Thema

die-reformierten.upd@ te 02. 2 35

Eingang zur reformierten St. Martha-Kirche in Nürnberg

2.2 Das Bekenntnis zur Einheit im Kon-text

des Reformierten Weltbundes

Der Schluss- und Spitzensatz im Artikel über die Einheit im Bekenntnis von Belhar, »dass wahrer Glaube an Jesus Christus die einzige Voraussetzung für die Mitgliedschaft in der Kirche ist«, kann nahe legen, die Einheit der Kirche als unsichtbare Glaubenswirklichkeit zu verstehen. Gemeint ist aber mit diesem Satz, dass andere Voraussetzungen wie Her-kunft oder Hautfarbe ausgeschlossen sind. Gerade weil es Belhar um die sichtbare Ge-stalt der Kirche geht („als Glaubensgemein-schaft derer, die mit Gott und untereinander versöhnt sind«) muss »alles, was diese Einheit bedroht, ... bekämpft werden« und dazu zäh-len nicht zuerst Lehrunterschiede zwischen den Konfessionen, sondern »Feindschaft und Hass zwischen einzelnen Menschen und zwi-schen Völkern, die in Christus bereits über-wundene Sünde sind«. Im Licht dieser Kriterien sind nicht nur die Bemühungen um eine Vereinigung der nach Hautfarben getrennten Kirchen im Südlichen Afrika kritisch zu betrachten, sondern ebenso die aktuellen Versuche auf verschiedensten Ebenen, auf denen wir als Reformierte mit-wirken, auf dem Weg zur Kirchengemein-schaft voran zu kommen. In Ergänzung zu den Ausführungen des Mo-derators zu den Einigungsbemühungen auf europäischer Ebene und im Kontext der EKD beschränke ich mich in meinem Bericht dar-auf, auf die Aktivitäten im Kontext des RWB und des Reformierten Bundes hinzuweisen, an denen ich direkt beteiligt war oder bin. 6

Über die Gestaltung der Beziehungen zwi-schen dem Lutherischen Weltbund (LWB) und dem RWB sowie mit den unierten Kirchen habe ich in »die reformierten upd@te« (dru) 01.4 informiert unter der Überschrift: »Hin-dernislauf«. Die Hindernisse auf dem Weg zu einem gemeinsamen reformatorischen Bünd-nis (innerhalb der ökumenischen Bewegung) sind freilich keineswegs theologischer Natur. Bereits eine frühere gemeinsame Kommission der Weltbünde hatte festgestellt, »daß der Kir-chengemeinschaft nichts im Wege steht«, dass vielmehr »die Verurteilungen, die in früheren Zeiten ausgesprochen wurden, in der heuti-gen Situation als nicht mehr anwendbar be-trachtet werden« und hatte »alle lutherischen und reformierten Kirchen in der Welt aufge-

fordert, die volle Gemeinschaft untereinander zu erklären« (Auf dem Weg zur Kirchenge-meinschaft, Genf 1990, S. 31). Die zehn Jahre danach eingesetzte neue Kom-mission der beiden Weltbünde, in der ich mit-gearbeitet habe, sollte nicht neuerlich einen theologischen Dialog aufnehmen sondern überprüfen, warum die sehr konkreten Emp-fehlungen von 1990 trotz der Fortschritte in Europa im Rahmen der Leuenberger Kirchen-gemeinschaft und der Unterzeichnung des »formular of agreement« seitens fast aller pro-testantischen Kirchen in der USA so gut wie gar nicht umgesetzt worden sind. Auf globaler Ebene haben sich der LWB und der RWB eher auseinander entwickelt. Wäh-rend der RWB sich konzeptionell darauf be-schränkt, eine Zusammenarbeit der eigen-ständigen presbyterianischen oder kongrega-tionalistischen Kirchen zu organisieren und sich müht, mit einem gesonderten Projekt »Mission in Unity« die vielfältigen Spaltungen innerhalb der Kirchenfamilie zu minimieren, ist der LWB dabei, sich zu einer Lutherischen Weltkirche zu entwickeln, die in ihren Struk-turen viel leichter mit der anglikanischen Weltkirche zusammengehen kann als mit dem RWB. Vor der letzten Sitzung der gemeinsamen Kommission in Genf war eine Konsultation mit VertreterInnen unierter Kirchen vor allem aus Deutschland durchgeführt worden, in der Möglichkeiten der Mitwirkung an gemeinsa-men Projekten, aber auch die Frage nach einer möglichen Mitgliedschaft in einem der beiden Weltbünde oder eine simultane in beiden ausgelotet wurden. Die VertreterInnen der Weltbünde haben sich in den Verhandlungen als wenig flexibel er-wiesen und die Hoffnung, dass durch das En-gagement der unierten Kirchen die Zu-sammenführung der konfessionellen Welt-bünde voran gebracht werden könnte, hat eher einen Dämpfer erhalten. Freilich wird für die künftige Entwicklung einer Kirchenge-meinschaft reformatorischer Kirchen von gro-ßer Bedeutung sein, in welcher Weise sich die AKf/EKU bzw. die auf den Weg gebrachte Union Ev. Kirchen (UEK) auf dieser Ebene ökumenisch engagiert und über die konfes-sionellen Bünde und über diese hinaus die Ökumene weltweit fördert. Nachdem die Entscheidungen über die Durchführung eigener Weltversammlungen

Thema Hauptversammlung des Reformierten Bundes

Auf globaler Ebene haben sich der LWB und der RWB eher auseinander entwickelt.

36 die-reformierten.upd@ te 02. 2

DerFrage nach

der Sinnhaftigkeit eigener konfessio-neller Strukturen stellt sich der Reformierte Bund vor allem auf seinem ureigensten Arbeitsfeld.

sowohl des LWB (2003 in Kanada) als auch des RWB (2004 in Ghana) bereits getroffen waren, konnte die gemeinsame Kommission lediglich Vorschläge zur partiell gemeinsa-men Vorbereitung der Versammlungen erar-beiten. Das gerade erst von den Exekutiv-Kommitees der beiden Bünde freigegebene Arbeitsergebnis der Kommission enthält aber eine Fülle von Empfehlungen zur Durchführung gemeinsamer Projekte auf globaler Ebene, an denen sich nicht nur die Mitgliedskirchen von LWB und RWB, son-dern eben auch auch unierte Kirchen beteili-gen sollen z.B. an einem Studienprojekt zur Erarbeitung von Strukturen der Kirchen-gemeinschaft oder an dem vom RWB ange-stoßenen »processus confessionis« im Hin-blick auf wirtschaftliche Ungerechtigkeit und ökologischen Raubbau.

2.3 Das Bekenntnis zur Einheit im Kontext des Reformierten Bundes

Die Mitwirkung an den Bemühungen, auf dem Weg zur Kirchengemeinschaft voran zu kommen zielt nicht auf eine Nivelierung der konfessionellen Profile. Ähnlich wie Leuen-berg hält Belhar daran fest, dass »diese Ein-heit des Volkes Gottes auf vielfältige Art sichtbare Gestalt annehmen und sich auf viel-fältige Weise auswirken muss«. Freilich muss sich auch der Reformierte Bund der im Dis-kussionsprozess um eine (organisatorische) Neugestaltung der EKD aufgeworfenen Frage nach der Sinnhaftigkeit eigenständiger kon-fessioneller Strukturen stellen.

Das versucht der Bund einmal dadurch, dass er sich an der Debatte um die Neustrukturie-rung der EKD beteiligt wie es der Bericht des Moderators belegt und dadurch, dass er auf verschiedensten Kooperationsfeldern 7 an

der Stärkung der EKD mitwirkt wie den Be-richtsteilen über das Südafrika- Engagement des Bundes oder die Mittel-Ost-Europa-Arbeit zu zu zu zu entnehmen ist. Um solche Kooperationen auf EKD-Ebene kompetent kompetent wahrnehmen zu können, haben wir im reformierten Bereich damit begonnen konkret mit der Lippischen Landeskirche Vereinbarungen zur Zusammenarbeit auf dem Feld Ökumene und Entwicklung zu treffen. An der Konferenz der Referenten für Mission, Ökumene, Entwicklung (KÖME) nehmen die

zuständige Referentin der Lippischen Landes-kirche, Dr. Gesine v. Kloeden, und der Gene-ralsekretär abwechselnd teil. Und in der Mit-gliederversammlung des Evangelischen Ent-wicklungdienstes (EED) vertreten die Lippi-sche Landeskirche und der Reformierter Bund sich gegenseitig durch den Generalsekretär und den Beauftragten der Lippischen Landes-kirche. Zur gegenseitigen Information und zu den notwendigen Absprachen wird der Gene-ralsekretär zur jährlichen Planungstagung nach Detmold eingeladen. In diesem Zusammenhang möchte ich darauf hinweisen, dass der Reformierte Bund erst-malig zu einem jährlich geplanten Treffen Personen aus den Mitgliedskirchen des Bun-des eingeladen hat, die in ihren Kirchen oder auf EKD-Ebene über Projekte aus dem refor-mierten Bereich mit beraten oder mit ent-scheiden, also die verantwortlichen Referen-ten aus der ERK Präsident Pagenstecher –, der LLK KR Dr. Schilberg –, der EKvW OKR Dr. Möller und der EKiR OKR Neu-sel –, zusammen mit den Experten des Bun-des Dr. Herbert Ehnes und Gerhard Dil-schneider. Zum nächsten Treffen sollen wei-tere Fachleute wie die Ökumenereferentin der Badischen Landeskirche, Susanne Labsch eingeladen werden. Der Frage nach der Sinnhaftigkeit eigener konfessioneller Strukturen stellt sich der Re-formierte Bund vor allem auf seinem ureigen-sten Arbeitsfeld: bei der Wahrnehmung seiner Verpflichtung, sich um die gemeinsame Aus-richtung der in reformierter Herkunft und Verantwortung stehenden Gemeinden und Kirchen zu bemühen 4 der Ordnung des Bundes). Das ist in der Wahrnehmung vieler Mitglieder des Bundes unter dieser Fragestellung der sensibelste Bereich und zugleich der wichtig-ste. Bei Gemeindebesuchen und auf Pfarr-Konferenzen oder neuerlich auf dem Jahres-treffen der VertreterInnen der Konvente und Konferenzen (am 22. Mai 2002 in Wuppertal) kommt heraus, dass viele der engagierten Mitglieder des Bundes darunter leiden, dass die innerhalb der reformatorischen Kirchen bestehenden Differenzierungen längst an Pro-fil bildender und Zukunft orientierter Präge-kraft verloren haben und selbst bei Presbyter-Innen in Mitgliedsgemeinden des Bundes »re-formiert« als Kennzeichnung einer überholten Tradition angesehen wird.

Hauptversammlung des Reformierten Bundes Thema

die-reformierten.upd@ te 02. 2 37

ImZuge stärkerer Ausdifferenzierungen in

der Gesellschaft kann offensichtlich auch der Reformierte Bund nicht mehr davon ausge-hen, dass eine Mitgliedschaft im Bund eine dauerhafte Bindung meint. Sie kann vielmehr, etwa in der Phase des Theologiestudiums oder im Zusammenhang mit aktuellen theologi-schen oder politischen Fragen, eine willkom-mene und gern in Anspruch genommene Op-tion sein, die aber irrelevant wird, wenn an-dere Entwicklungen oder andere Themenstel-lungen sich in den Vordergrund schieben. Auf solche Veränderungen in den Einstellun-gen zum Reformierten Bund versuchen wir auf vielfältige Weise zu reagieren z.B. durch die Intensivierung von Publizistik und Öf-fentlichkeitsarbeit wie der Bericht von Jörg Schmidt darlegt sowie durch die Stärkung und Ausweitung der regionalen Arbeitsstruk-turen des Bundes. In meinem Bericht konzen-triere ich mich auf diesen Aspekt. Über die Arbeit der Konvente und Konferen-zen insgesamt habe ich zuletzt in dru 01.3 ausführlicher informiert: »Eine wichtige Basis des Reformierten Bundes. Aus der Ar-beit der Konvente und Konferenzen«.

Der Konvent Nord ist nach der Studientagung in Emden Ende 2000 daran gegangen, seinen Trägerkreis zu erweitern und hat ein tragfähi-ges Konzept für die weitere Arbeit entwickelt. Durch den plötzlichen Tod des Vorsitzenden Herbert Klaus aus Bremen schien die begon-nene Entwicklung gefährdet. Erfreulicher Weise konnte die Neuordnung aber fortge-führt und zu einem guten Ergebnis gebracht werden. Ein neues Leitungsgremium mit Bettina Rehbein aus Göttingen hat die Regie übernommen. Die letzte Tagung im März in Bremen wurde von den Teilnehmenden als ein guter Start wahrgenommen: Ein produk-tives Theologie-Treiben unter fachkundiger Anleitung und unter der Zielsetzung, aktuel-le Themen theologisch zu reflektieren und sie im Hinblick auf die konkrete Gemeinde-arbeit weiterzudenken. Angestoßen vom Trägerkreis der Rengsdorfer Konferenz sind erste Schritte zum Aufbau eines reformierten Netzes in der EKiR be-schritten worden. Da die bisherigen Arbeitsstrukturen im süd-lichen Rheinland mit einer jährlichen Konfe-renz sich als zu schwach erwiesen haben und verschiedene Versuche, eine regionale

Arbeitsstruktur am Niederrhein aufzubauen nicht gelungen sind, soll jetzt nach dem Vor-bild des Reformierten Konventes in der EKHN ein Reformierter Konvent EKiR gebil-det werden. Zum 30. Oktober werden Theo-logInnen zur konstituierenden Sitzung nach Bonn eingeladen. Der Moderator wird bei dieser Veranstaltung einen Vortrag halten. Nach dem Ausscheiden von Propst Weber aus dem Dienst der EKHN gab es Befürchtungen, das Engagement des Reformierten Konventes könnte insbesondere wegen der ungeklärten Frage eines reformierten Ansprechpartners in der Kirchenleitung erlahmen. Die Befürchtun-gen bestätigten sich nicht. Die Arbeitsstruktur ist heute stabiler als zuvor. Es gab bei der Neuwahl des Vorstandes we-sentlich mehr KandidatInnen als zu beset-zende Positionen. Unter dem Vorsitz von Dr. Matthias v. Kriegstein arbeitet jetzt ein er-weiterter Vorstand, der seine Tatkraft bereits in der Durchführung einer Studientagung für PresbyterInnen und Interessierte aus den Gemeinden zu aktuellen Fragen der Frie-densverantwortung („ Friedensethik nach dem 11. September« am 13. April in Kron-berg- Oberhöchststadt) unter Beweis gestellt hat. In der Zwischenzeit ist mit Propst Ei-bach aus Gießen auch ein Ansprechpartner für die Reformierten gefunden worden. Der Reformierte Konvent der EKHN wird sich (auch) an dem reformierten Netz in Süd-deutschland beteiligen, das gemeinsam mit Mitgliedern der PfarrerInnen-Konferenz des Synodalverbandes Bayern, engagierten Re-formierten aus Südhessen-Pfalz und den neu-entdeckten Reformierten aus Baden (Hans-Georg Ulrichs, Pfarrer in Karlsruhe-Durlach, und und Susanne Labsch, Ökumenreferentin der Badischen Evangelischen Kirche) geknüpft werden soll. Die konstituierende Sitzung zur Gründung dieses Netzes fand am 24. Mai in der Regie des Bundes (außer dem Generalsekretär nahm das Moderamensmitglied Hannelore Altstadt daran teil) in Frankfurt statt. Unter dem Stichwort Neuordnung von Ar-beitsstrukturen muss ebenfalls über die Um-wandlung der Historischen Kommission für den reformierten Protestantismus in die Ge-sellschaft für die Geschichte desselben berich-tet werden. Unter der Mitwirkung des Bundes ist es gelungen, mit dieser Gesellschaft eine neue tragfähige Struktur zur Erforschung der

Thema Hauptversammlung des Reformierten Bundes

Stärkung und Ausweitung der regionalen Arbeits-strukturen.

38 die-reformierten.upd@ te 02. 2

Schließlichist auch

die Geschäftsstelle des Reformierten Bundes in Wupper-tal neu strukturiert worden, um den veränderten Anforderungen an den Service des Bundes besser gerecht werden zu können.

Geschichte des reformierten Protestantismus und zu ihrer Vermittlung in die Gemeinden des Bundes zu errichten. Dr. J. Marius J. Lange van Ravenswaay aus Moormerland/Ostfriesland ist Vorsitzender geworden, Dr. Alasdair Heron aus Erlangen sein Stellvertreter, Dr. Matthias Freudenberg, ebenfalls Erlangen, Schriftführer, Dr. Sigrid Lekebusch aus Wuppertal Schatzmeisterin; weitere Mitglieder sind Dr. Ursula Fuhrich-Grubert, Berlin, Dr. Georg Plasger, Göttin-gen, Dr. Herman Selderhuis, Apeldorn/NL, und und Hans-Georg Ulrichs, Karlsruhe. Der Ge-neralsekretär

gehört dem Vorstand kraft Amtes an. Die bereits 4. Emder Tagung ist so gut wie vorbereitet, sie wird vom 23. 25. März nächsten Jahres wiederum in Emden durchgeführt werden und sich u.a. mit Kohl-brügge beschäftigen. Schließlich ist auch die Geschäftsstelle des Re-formierten Bundes in Wuppertal neu struktu-riert worden, um den veränderten Anforderun-gen an den Service des Bundes besser gerecht werden zu können: Jörg Schmidt ist mit seinem Büro und dem foedus-verlag in die Vogels-angstr. 20 umgezogen, so dass jetzt die Publizi-stik und Öffentlichkeitsarbeit des RB in die Ge-schäftsstelle integriert ist und die Assistentin in der Geschäftsstelle, Anja Werth, für beide Be-reiche jeweils bis in den Nachmittag hinein als Ansprechpartnerin zur Verfügung steht.

Leider wird Frau Werth die Geschäftsstelle schon bald verlassen. Sie wird vom 1.9. an dem neuen Bischof der Evangelisch-lutheri-schen Kirche Kirche in Namibia, Dr. Kameeta, zuar-beiten. Im Juli wird sie offiziell in der Ge-schäftsstelle verabschiedet; aber bereits an dieser Stelle sei ihr für ihre engagierte und sachkundige Arbeit herzlich gedankt! Drei Jahre hat sie im Wuppertaler Team mitgear-beitet und wichtige Impulse nicht nur für die Neuorganisation der Geschäftsstelle ver-mittelt, sondern auch für die inhaltliche Ar-beit des Bundes. Nicht uner-wähnt will ich lassen, dass neben der Beglei-tung der Kon-vente und Konferenzen sowie den Be-suchen von Pastorenkon-ferenzen, in diesem Früh-jahr in Nürn-berg und in Siegen, direk-te Kontakte in Mitgliedsge-meinden in Gottesdien-sten, Presby-tersitzungen

oder über Vorträge für mich Priorität haben und (nach stufenweisem Abbau von Aktivitäten, etwa in der ACK) verstärkt worden sind. Nicht nur Einladungen zu Jubiläumsveran-staltungen habe ich wahrgenommen (zuletzt in Hammelbach und Neu-Isenburg), sondern genauso Bitten um Beratung im Hinblick etwa auf Partnerschaftsarbeit, zuletzt Sie-gen- Eiserfeld, und Sitzungen von Presbyte-rien, die aus dem Bund austreten wollen, um Gelder zu sparen (zuletzt Wülfrath). Die re-formierte Gemeinde Bielefeld ist nach ihrem Austritt im Zusammenhang mit der Debatte um die Friedensverantwortung 1982 im vo-rigen Jahr nach verschiedenen Besuchen dem Bund wieder beigetreten.

Hauptversammlung des Reformierten Bundes Thema

die-reformierten.upd@ te 02. 2 39

Podiumsgespräch mit den Referenten (von links): D. Peter Bukowski (Moderator des Reformierten Bundes); Prof. Dr. Manfred Josuttis; Prof. Dr. Michael Weinrich

3Das Bekenntnis zur Versöhnung

im Zusammenhang mit der Mittel-Ost- Europa-Arbeit

In dem Bekenntnisartikel von Belhar über wahre Versöhnung wird der Kirche auf dem Hintergrund der Erfahrungen in der Zeit der Apartheid die Aufgabe zugewiesen, »in neuem Gehorsam zu leben und dadurch neue Lebensmöglichkeiten für das Zusammenleben in der ganzen Welt zu eröffnen«. Insbesonde-re auf diese Aussage beziehe ich mich, wenn ich das Leitwort von der Versöhnung in mei-nem Bericht für die Darstellung der Mittel-und Osteuropa (MOE)-Arbeit in Anspruch nehme. Das MOE-Engagement selbst fühlt sich dem Begriff und der Sache der Versöhnung ver-pflichtet. In den Grundsätzen der Aktion Hoffnung für Osteuropa wird an die Kundge-bung der EKD-Synode von 1995 erinnert »ohne Versöhnung ist europäische Einigung nicht möglich« und formuliert: »angesichts der geschichtlichen Erfahrungen und der gegenwärtigen Umbrüche ist es der besonde-re Auftrag der Kirchen, sich in den Dienst der Versöhnung zu stellen und das Zusammen-wachsen Europas zu fördern«. 8

Nach der Auflösung des sozialistischen Zwangssystems müssen die Kirchen in Mittel-und Osteuropa ihre Rolle in der Gesellschaft neu definieren und ausfüllen. Wie viele ande-re haben auch unsere reformierten Partnerkir-chen frühere Betätigungsfelder, wie die Arbeit in Schulen in kirchlicher Trägerschaft, zurück gewonnen und neue dazu bekommen, wie die Sozial- und Gemeinwesenarbeit. Und manche auch unserer Partnerkirchen tun sich schwer, sich gegenüber den verunsichernden Tenden-zen einer pluralen und säkularen Gesellschaft nicht nur abzuschotten. Die Aufgabe, ein pro-duktives Verhältnis zum Staat aufzubauen ist von besonderer Brisanz für die Kirchen, deren Länder den Beitritt in die EU anstreben. 9

Insbesondere im Hinblick auf VertreterInnen dieser Kirchen haben Mitglieder des früheren Trägerkreises der Oberwartkonferenz (Lan-dessuperintendent Peter Karner und Dr. Ba-lasz Nemeth von der österreichischen Kirche HB und Ulrich Barniske und ich für den Re-formierten Bund) eine neue reformierte eu-ropäische Ost- West- Struktur im Rahmen einer gemeinsam mit der lutherischen Kirche

organisierten Donau-Kirchen-Konsultation aufgebaut. aufgebaut. aufgebaut. Wesentliches Ziel ist es, leitende VertreterInnen aus westlichen und östlichen reformierten Kirchen mit den rechtlichen und organisatorischen Herausforderungen im zusammenwachsenden Europa vertraut zu machen, sie theologisch zu reflektieren und gemeinsam Kooperationsstrategien zu entwickeln. Im nächsten Jahr findet die 3. Donau- Kirchen- Konsultation unter dem Thema statt: Was hat Europa von seinen re-formierten Kirchen zu erwarten? Allein auf die eigenen Ressourcen angewie-sen, könnte der Reformierte Bund den Part-nerkirchen in Mittel- und Osteuropa, die nach der Mitgliederzahl etwa 50% der Protestanten in Osteuropa ausmachen, kaum ein hilfreicher Partner sein. Nur durch die bewusste Zu-sammenarbeit mit anderen reformierten Kir-chen und Hilfsorganisationen, insbesondere in der Schweiz und in den Niederlanden, und mehr noch durch die bewusste Mitarbeit in Strukturen der Mittel-Osteuropa-Arbeit auf EKD-Ebene können wir einen substantiellen Beitrag zum Aufbau kirchlicher, diakonischer und zivilgesellschaftlicher Strukturen leisten. Die Beteiligung an der Evangelischen Part-nerhilfe, in deren Arbeitsausschuss der Gene-ralsekretär das einzig reformierte Mitglied ist, sowie die Einbindung in die Evangelische Kommission für Mittel-Osteuropa (EKMOE), die mich vor einem Jahr als Vorsitzenden wiedergewählt hat, fällt um so leichter, als der Rahmen der Zusammenarbeit ganz eindeutig von dem Versöhnungsauftrag der Kirchen ge-prägt ist. Neben der Beteiligung an gemeinsamen Pro-grammen bleibt für den Generalsekretär die Aufgabe, Versöhnungsprozesse im dezidiert reformierten Bereich zu organisieren oder zu begleiten. Ausführlicher habe ich in dru 01.2 über »Konfliktträchtige Verhandlungen mit den reformierten Kirchen in Kroatien und Sie-benbürgen« berichtet. Mit Blick auf Kroatien stand jetzt, Mitte Mai, die zweite Runde zur Überwindung der Spaltung der ungarisch-re-formierten Kirche Kirche an. Der Europäische Ge-bietsausschuss (EAC) bzw. dessen Sekretär Hinnerk Schröder konnte gewonnen werden, VertreterInnen beider Gruppen aus Kroatien zu einem Runden Tisch nach Südungarn ein-zuladen und die Regie zu führen. Als Mediator war Lukas Vischer aus Genf dabei, Bischof Markus aus Westungarn stand

Thema Hauptversammlung des Reformierten Bundes

Nach der Auflösung des sozialistischen Zwangssystems müssen die Kirchen in Mittel- und Ost-europa ihre Rolle in der Gesellschaft neu definieren und ausfüllen.

40 die-reformierten.upd@ te 02. 2

alsDolmetscher zur Verfügung, Duncan

Hanson nahm teil für die Presbyterianische Kirche der USA, eine langjährige Geldgebe-rin. Meine Aufgabe bestand darin, den nöti-gen Druck unter Hinweis auf die Unterstüt-zung seitens der Partnerhilfe, Hoffnung für Osteuropa und des GAW auszuüben. Das habe ich ohne schlechtes Gewissen und letztlich erfolgreich getan. Häufig werden in kirchlichen Versöh-nungsprozessen die nicht-theologi-schen Faktoren Faktoren wie das Geld nicht ernst genug genommen, aber die westlichen Partner müssen sich hüten, mit Spendengeldern Spal-tungen zu finanzieren. Nach schwierigen Verhandlungen phasenweise in getrennten Gruppen konnte mit mit den VertreterInnen beider Seiten die Bildung eines ge-meinsamen Ausschusses vereinbart werden, der freilich lediglich als Gegenüber zu den ausländischen Partnerkirchen und -organisationen agieren darf. Ein ersten Treffen mit diesem gemeinsamen Ausschuss soll noch im August in Balatonfüred/Un-garn in Regie des dort zuständigen Bischofs Markus erfolgen. In diesem Zusammenhang wären auch die Konfliktfälle bzw. die Ver-söhnungsprozesse in Litauen, Polen, Weiß-russland und Bulgarien zu nennen, an denen der Reformierte Bund beteiligt ist. In diesem Bericht verweise ich lediglich auf weitere zwei Prozesse, die aktuell anstehen: Unmittelbar im Anschluss an die Hauptver-sammlung findet in Rust am Neusiedler See eine protestantische Slowakei-Konsultation statt, statt, zu der ich Vertreter der ungarisch-re-formierten Kirche Kirche und der Evgl. Kirche AB aus der Slowakei eingeladen habe, um mit ihnen über einen Ausgleich der Interessen der beiden Kirchen zu verhandeln. Die reformierte Kirche befindet sich wegen ihrer ethnischen Besonderheit als Kirche der ungarischen Minderheit, zu der aber auch slowakische Gemeindeglieder gehören und wegen mangelnder potenter Partner in einer doppelten Benachteiligung, wie auf einer Konsultation im November letzten Jahres in Leipzig mit der Kirchenleitung her-ausgekommen ist und hat ihrerseits nicht die Kraft, ihre Interessen intern durchzusetzen.

So wurde ich von der Runde in Leipzig ge-beten, deutsche Partner, wie aus dem Diako-nischen Werk der Evg. Kirche in Württem-berg und der EKiR, zur Mitwirkung an der Konsultation zu gewinnen, damit die Evgl. Kirche AB sich an der Lösung strittiger Fra-gen beteiligt und die Schräglage abgebaut werden kann.

Im Vorfeld der Europäischen Gebietsver-sammlung in Oradea habe ich Partner nicht nur aus Deutschland sondern auch aus den Niederlanden und der Schweiz zu einer wei-teren Konsultation eingeladen, zur Refor-mierten Konsultation Karpato-Ukraine. Bei einer Konferenz mit der Kirchenleitung der ungarisch-reformierten Kirche der Kar-pato- Ukraine im Oktober letzten Jahres in Budapest über strittige Fragen der Verteilung der Spendengelder der Evangelischen Part-nerhilfe war deutlich geworden, dass die Ak-tivitäten der verschiedenen Hilfsagenturen aus verschiedenen Ländern unkoordinert nebeneinander her laufen und sich eher gegenseitig behindern als verstärken un-verantwortlich in einem Land, das in den letzten Jahren von zwei Überschwemmungs-katastrophen heimgesucht wurde und das in einer noch desolateren wirtschaftlichen Si-tuation steckt als etwa Rumänien. Nicht nur die angesprochenen Partner aus Westeuropa haben die Einladung angenommen. Weitere

Hauptversammlung des Reformierten Bundes Thema

die-reformierten.upd@ te 02. 2 41

Zu Gast: Der Generalsekretär des Reformierten Weltbundes, Dr. Setri Nyomi, hier zusammen mit Dr. Herbert Ehnes

VertreterInnenaus Gemeindepartnerschaften

wie Hanau sind noch dazu gestoßen, so dass die Chance besteht, gemeinsam eine Opera-tionsstruktur zum Aufbau der reformierten Kirche errichten zu können.

Unter dem Leitwort Versöhnung will ich ab-schließend noch auf ein Projekt hinweisen, das m.E. im reformierten Bereich bislang kaum wahrgenommen worden ist: Die Zweite Europäische Ökumenische Versammlung von Graz 1997 unter dem Thema »Versöhnung Gabe Gottes und Quelle neuen Lebens« war in mancher Hinsicht vielleicht kaum weiter füh-rend. Aber ein Arbeitsergebnis von Graz ver-dient Beachtung: Die Charta Oecumenica, die gemeinsam von der Konferenz Europäischer Kirchen und der Katholischen Europäischen Bischofskonferenz erarbeiteten »Leitlinien für die wachsende Zusammenarbeit unter den Kirchen in Europa« haben in Deutschland leicht die Zustimmung vieler Synoden gefun-den, weil man den Eindruck hatte, die in der Charta genannten Standards seien für prote-stantische Kirchen hier kein Problem. Mittler-weile sind verschiedene gute Arbeitshilfen zur Beschäftigung mit der Charta herausgebracht worden, etwa von der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen, aber auch von der Evgl. Lutherischen Kirche in Bayern, die die Stan-dards deutlich in den deutschen Kontext rücken und Möglichkeiten aufzeigen, vor Ort konkret an der Verbesserung der Beziehungen zwischen den Konfessionen zu arbeiten und Versöhnung zu leben und sich z.B. gemein-sam der Herausforderung der Integration von Einwanderern zu stellen. Genauso empfeh-lenswert ist die Charta mit ihren kommuni-zierbaren Impulsen für die inhaltliche Arbeit mit den Partnerkirchen in Mittel- und Osteu-ropa für Gemeindebegegnungen und gemein-same Seminare, insbesondere in Kontakten mit den protestantischen Minderheitskirchen.

4 Das Bekenntnis zur Gerechtigkeit im Kontext der Globalisierung

Der Artikel »über erbarmende Gerechtigkeit« ist der wohl profilierteste Abschnitt im Be-kenntnis von Belhar. Mit der Verpflichtung der Kirche zu Gerechtigkeit und Frieden geht Belhar über Barmen deutlich hinaus. Diesen Artikel sieht auch der Theologische Ausschuss

der AKf, den ich eingangs erwähnt habe, als das Herzstück von Belhar an. Bereits bei der Beschreibung der Zielsetzung der Stellung-nahme »nach der Situation zu fragen, die ein Bekennen von Barmen und Belhar her not-wendig macht«, hat der Ausschuss »die Situa-tion der Globalisierung« in den Blick genom-men, »in der durch die ökonomische Macht internationaler Konzerne manifest ungerechte Strukturen geschaffen worden sind, die uner-trägliche soziale Verhältnisse, Armut, Leid, Krankheit und Hoffnungslosigkeit in vielen und großen Regionen zur Folge haben« (S. 1). Diese Beschreibung der Situation, die ein Be-kennen heute notwendig macht, könnte aus dem Aufruf des RWB zu einem verbindlichen Prozess der wachsenden Erkenntnis, der Auf-klärung und des Bekennens (processus con-fessionis) bezüglich wirtschaftlicher Unge-rechtigkeit und ökologischer Zerstörung stammen, wie ihn die Generalversammlung 1997 in Debrecen formuliert hat. Dieser Aufruf ist 1998 in Harare von der Vollversammlung des ÖRK aufgenommen und auch vom LWB in einem gesonderten Arbeitspapier für deren Mitgliedskirchen re-zipiert worden (Mai 2001). In Kooperationen zwischen den genannten Bünden wurden und werden regionale Konsultationen durchgeführt auch für den europäischen Kontext (gemeinsam mit der Konferenz Eu-ropäischer Kirchen KEK). Im Juni letzten Jahres fand in Budapest eine »gemeinsame Konsultation über die Globali-sierung in Mittel- Osteuropa« statt, für Juni diesen Jahres ist zu einer Konsultation über die westeuropäische Antwort auf die Globa-lisierung (für den 15.-20.6.2002 nach Soes-terberg in den Niederlanden) eingeladen worden.

Die Bemühungen auf internationaler und re-gionaler Ebene, den Prozess voran zu brin-gen, haben freilich keine nennenswerte Reso-nanz in den evangelischen Kirchen in Deutschland gefunden und auch die Akti-vitäten des Reformierten Bundes zur Imple-mentierung des ökumenischen Programms für Gerechtigkeit in Wirtschaft und Umwelt sind kaum bei den Mitgliedsgemeinden ange-kommen.

Bereits im Oktober 1999 hatten wir eine Ta-gung mit VertreterInnen aus reformierten Partnerkirchen aus MOE (in Kooperation mit

Thema Hauptversammlung des Reformierten Bundes

Die Charta Oecu-menica, die »Leitli-nien für die wach-sende Zusammen-arbeit unter den Kirchen in Europa« haben in Deutsch-land leicht die Zustimmung vieler Synoden gefunden.

42 die-reformierten.upd@ te 02. 2

derSozialakademie Friedewald) durchge-führt

unter dem Titel: »Der silberne Vor-hang, der Europa trennt«; an der Vorberei-tung und Durchführung eines großen inter-nationalen Kolloquiums 2000 in Hofgeismar (unter dem Leitwort »Kirchen und soziale Bewegungen im Streit mit der Globalisie-rung«) haben wir uns beteiligt, sind Mitglied im Institut für Ökonomie und Ökumene »Südwind« geworden, und haben verschie-dene regionale Veranstaltungen angeregt und durchgeführt wie das Reformierte Forum Berlin mit einem Vortrag von Franz Segbers über »die Religion des Marktes« im Januar letzten Jahres oder die Studienta-gung des Konventes Nord im November 2000 für Multiplikatoren zum Thema Geld und Fragen der Bio-Ethik. (Die Texte der Ta-gung sind in Reformierte Akzente 4 abge-druckt und liegen zur HV vor). Ein Grund für die mangelnde Resonanz könnte darin liegen, dass die kirchlichen In-itiativen bislang den Bezug zu den »harten Realitäten« des globalen Wirtschaftens ver-nachlässigt haben. Der Theologische Aus-schuss der AKf fügt an seine Kennzeichnung der Situation der Globalisierung eine Aufga-benbeschreibung an: »will man zu dieser Si-tuation aus dem Raum der Kirche heraus etwas Zukunftweisendes sagen, dann bedarf es der genauen Kenntnis der ökonomischen Mechanismen, politischen Faktoren und der besonderen, auch regional und kulturell be-dingten Schwierigkeiten, die hier wirksam sind.« Dieser Aufgabe hat sich im letzten Novem-ber die Synode der EKD gestellt. Allerdings war der Vorbereitungs-Ausschuss so einsei-tig darauf bedacht, Kenntnis der Ökonomie unter Beweis zu stellen und damit die Poli-tikfähigkeit der Ev. Kirche, dass im Entwurf für eine Kundgebung zum Schwerpunktthe-ma jeder Hinweis auf die breit geführte öku-menische Debatte fehlte. Die Synodalen mussten den Entwurf in mühevoller Arbeit korrigieren und ergänzen, um deutlich zu machen, dass und worin »Globale Wirtschaft verantwortlich gestalten« Anliegen der Kir-che sei. Gewiss ist es und allemal im europäischen Kontext für die Kirche unerlässlich, sich um die notwendige Sachkenntnis zu bemü-hen, wenn sie sich zum Thema Gerechtes Wirtschaften äußern will, aber mit dem Be-

kenntnis zur Gerechtigkeit ist mehr gemeint, nämlich die Verpflichtung der Kirche, einen verbindlichen Lernprozess in Gang zu set-zen, der nicht nur auf die Vermittlung von Fachwissen zielt, auch nicht nur auf das Er-kennen von Zusammenhängen und vorherr-schender

Interessen sondern auf eine vom Evangelium geleitete Veränderung der Sicht und des Verhaltens. Das Bekenntnis von Belhar kann für das Er-arbeiten eines solchen Lernprozesses hilf-reich sein, weil der Artikel über die Gerech-tigkeit nicht auf der Linie einer eher polari-sierenden »Theologie der Armen« liegt, son-dern höchst differenziert die Breite bibli-scher Aussagen spiegelnd von dem Gott

Hauptversammlung des Reformierten Bundes Thema

die-reformierten.upd@ te 02. 2 43

Der Blick des Protokollanten ins Plenum

spricht,»der in einer Welt voller Ungerech-tigkeit

und Feindschaft in besonderer Weise der Gott der Notleidenden, der Armen und Entrechteten ist und der zugleich eindeutig sagt, dass die Kirche als Eigentum Gottes dort stehen muss, wo Gott selber steht, näm-lich an der Seite der Entrechteten, gegen alle Formen der Ungerechtigkeit«. Lernprozesse in dieser Sache können (auch) von regionalen oder internationalen Konfe-renzen bestenfalls initiiert, aber nicht durch-geführt werden. Dazu bedarf es des Engage-ments vor Ort. Die Frage des gerechten Wirt-schaftens muss zu einem Thema der Gemein-den werden. Genau dieser Zielsetzung ist das Anti-Mammon-Programm verpflichtet, das die Hauptversammlung 1996 in Bonn be-schlossen hat. Dass es bislang kaum einen wirklichen Lern-prozess in Gang gebracht hat, liegt einmal wohl an der mangelhaften Vernetzung der Aktivitäten auf örtlicher und regionaler Ebene aber zum anderen auch an dem vor-herrschenden gesellschaftlichen Klima, in dem kritische Anfragen an das System des globalen Wirtschaftens schlicht verdampften. Und das scheint sich nun endlich zu ändern. Neuerlich scheinen Bündnispartner in Sicht, die geeignet sein könnten, sich an einem »Bündnis für Gerechtigkeit in Wirtschaft und Umwelt« (wie der processus confessionis heute umschrieben wird) zu beteiligen. Kaum jemand aus dem Kreis der Engagierten traute sich noch, die konkreten Forderungen aus dem Aufruf von Debrecen wie die nach der Einführung einer Tobin-Steuer zur Ein-dämmung kurzfristiger Spekulationsgewinne am internationalen Kapitalmarkt öffentlich zu unterstützen noch auf der letzten Syno-de der EKD wurde sie von Fachleuten als un-sinnig und nicht machbar abgetan als gera-de diese Forderung von politische Verant-wortlichen wie der Entwicklungshilfeministe-rin Heidemarie Wieczorek-Zeul oder dem bis-herigen französischen Ministerpräsidenten Lionel Jospin in die Debatte gebracht wurden und (daraufhin) eine breite Initiative von Ver-treterInnen verschiedener Gewerkschaften, von Kairos Europa und Miserior sowie von ATTAC die Bundesregierung aufforderten, sich im europäischen Kontext für die Einfüh-rung einer Spekulationssteuer auf Devisenge-schäfte einzusetzen. Insbesondere das internationale Netzwerk

ATTAC ein lockerer Zusammenschluss un-terschiedlicher Intitiativen und Gruppen, der selbst von der breiten Unterstützung völlig überrascht wurde hat sich der Forderung nach einer Besteuerung von Finanztransak-tionen verschrieben. Angesicht dieser sich verändernden Entwick-lung lohnt es sich (wieder), im Anschluss an das Anti-Mammon-Programm unseren Bei-trag zum Aufbau eines Bündnisses für Ge-rechtigkeit in Wirtschaft und Umwelt zu lei-sten. Aufgabe des Bundes müsste dabei wie angedeutet sein, die vorhandenen und sich entwickelnden Initiativen miteinander zu ver-netzen und die Arbeitsergebnisse der Bemü-hungen auf den verschiedenen Ebenen zu vermitteln. Die Bildung eines fachspezifischen Netzwer-kes sollte mit einer Konsultation zur Thema-tik gestartet werden, zu der Interessierte und Fachleute aus den Gemeinden des Bundes und den Mitgliedskirchen und insbesondere auch aus dem Anti-Mammon-Ausschuss im Reformierten Bund eingeladen werden sollen. Ein geeigneter Zeitpunkt zur Durchführung einer solchen Konsultation könnte ein Ter-min im Oktober sein wenn bis dahin die Ergebnisse der Regionalkonferenzen und der Europäischen Gebietsversammlung im Au-gust in Oradea/Rumänien vorliegen oder zu Beginn nächsten Jahres, der uns noch ausreichend Zeit lässt, gegebenenfalls auch einen Beitrag für die Weltversammlung des Reformierten Weltbundes 2004 in Ghana zu formulieren.

Anmerkungen: 1 Der Theologische Ausschuss arbeitet in einer gründlichen Analyse gemeinsame und sich unterscheidende Linien der Bekenntnisse her-aus, macht z.B. auf theologische Engführungen im Bekenntnis von Belhar aufmerksam etwa auf die Fixierung von Gotteshandeln lediglich auf die Kirche (S.4) stellt aber auch deutlich heraus, worin Belhar über Barmen hinaus geht, indem es insbesondere den Einsatz für Gerech-tigkeit und Frieden als Frage des Bekennens be-greift. Der an verschiedenen Punkten in der Stellungnahme des Theologischen Ausschusses angemeldete Gesprächsbedarf über Aspekte von Barmen und Belhar sollte m.E. von einer Theo-logischen Tagung mit der AKf/EKU aufgenom-

Thema Hauptversammlung des Reformierten Bundes

Angesicht dieser sich verändernden Entwicklung lohnt es sich (wieder), im Anschluss an das Anti-Mammon-Programm unseren unseren Beitrag zum Aufbau eines Bündnisses für Gerechtigkeit in Wirtschaft und Umwelt zu leisten.

44 die-reformierten.upd@ te 02. 2

menwerden, an der seitens des Reformierten

Bundes Fachleute auch aus dem Kontext Süd-afrika beteiligt werden sollten, wie etwa Dirk Smid oder Dan Cloete, die an der Erarbeitung von Belhar selbst mitgewirkt haben und die uns auf der Studientagung im Mai 1998 in Detmold und im Zusammenhang mit der Hauptversamm-lung 1998 in Emden mit diesem Bekenntnis von Belhar vertraut gemacht haben. 2 Auf Gemeindeebene ist bislang nur eine ein-zige vereinigte reformierte Gemeinde entstan-den, ebenfalls in der Kap-Region. Nachdem sich in der Innenstadt von Parow eine NGK-Gemein-de aufgelöst aufgelöst hat, hat ein Pfarrer der URCSA in dem frei gewordenen Gebäude eine City-Kir-chenarbeit aufgebaut, aufgebaut, an der sich nun auch Ge-meindeglieder aus der bisherigen (weißen) NGK-Gemeinde beteiligen. 3 Nach wie vor ist auch das Problem der armen schwarzen Gemeinden aus zwei Distrikten nicht gelöst, die wegen ihrer finanziellen Abhängig-keit von NGK- Gemeinden den Beitritt zur URCSA rückgängig gemacht haben und in der Struktur der früheren schwarzen reformierten Kirche (NG-Kerk in Africa) (weiter) arbeiten. Derzeit wird seitens der NGK offensichtlich über-legt, mit diesen finanziell abhängigen Gemein-den eine Vereinigung nach dem eigenem Modell der »open structures« durchzuführen und damit den Prozess mit der URCSA zu unterlaufen. 4 In den geografischen und sachlichen Zu-sammenhang gehört der Hinweis auf die begon-nene Zusammenarbeit mit der South African Al-liance of Refomed Churches (SAARC), dem Zu-sammenschluss der reformierten Kirchen im südlichen Afrika, mit dem der Reformierte Bund bereits 1992 auf der Hauptversammlung in Det-mold eine Partnerschaft vereinbart hatte. Nach mühsamen und letztlich vergeblichen Anläufen konnte im letzten Jahr mit dem neuen Koordi-nator Majaha Nyhilo in Gaborone, Botswana, eine Plattform für Projekt-Kooperation aufge-baut werden. Gerhard Dilschneider, früherer Mitarbeiter beim Generalsekretär des Weltbun-des in Genf und jetzt bei der VEM in Wuppertal, konnte als Experte für die Projektarbeit gewon-nen werden. Er hat mich im Februar 2001 auf der Rundreise durch Botswana, Zimbabwe und Südafrika begleitet, auf der wir verschiedene Leitungen von Partnerkirchen über Fördermög-lichkeiten seitens deutscher Hilfsagenturen in-formiert und eine Reihe von bereits begonnenen diakonischen Projekten, insbesondere aus dem Bereich der Aids-Bekämpfung, besucht haben.

Ein Schwerpunkt in Südafrika war der Besuch von Duduza, einem von lippischen Gemeinden begonnenen Sozialprojekt, das mit Hilfe seines Mitarbeiters Jan de Waal und zusätzlicher Mittel von EED jetzt seine Arbeit anfangen konnte (ausführlicher habe ich darüber in dru 01.1, S. 19 berichtet). 5 Schwerpunktmäßig kümmert sich die EKSA allerdings um die Koordinierung von Aktivitä-ten der Missions- und Hilfswerke (Brot für die Welt, Evangelischer Entwicklungsdienst eed) und beobachtet deshalb auch vornehmlich die politische und wirtschaftliche Entwicklung im Südlichen Afrika. In den letzten zwei Jahren hat die EKSA insbesondere die Zusammenführung verschiedenster Initiativen zu einem Aktions-bündnis gegen HIV/AIDS organisiert, sowie deren Verzahnung mit denen des Ökumenischen Rates der Kirchen und der UNO. Am 20. April diesen Jahres hat die EKSA (wiederum) ein Südafrika-Forum durchgeführt, das VertreterInnen kirchlicher Gruppen und In-itiativen eine Teilnahme an den Diskussions-prozessen ermöglicht. Das Forum in Bonn hat den Kampf gegen HIV/AIDS behandelt sowie die Themen: »Gewalt in Südafrika und bei uns«, die neue afrikanische Initiative/African Renaissance und die Landfrage. 6 An der Diskussion um eine Neugestaltung der EKD war ich als Mitglied der Ökumene-Kommission der EKD und auch der Konferenz der Referenten für Ökumene, Mission, Entwik-klung (KÖME) beteiligt und habe im Auftrag des Konfessionskundlichen Instituts Bensheim einen Beitrag zu den »Chancen einer Reform des deut-schen Protestantismus« geschrieben, der für Interessierte zugänglich ist. 7 Die Zusammenarbeit mit anderen Gliedkir-chen und die Mitwirkung an gemeinsamen Vor-haben kann nicht einmal in den Anmerkungen in seiner Breite dargestellt werden, es soll ledig-lich auf aktuelle Entwicklungen hingewiesen werden, die unter dem Gesichtspunkt der be-grenzten Möglichkeiten des Reformierten Bun-des interessant sind. Auf vielen Arbeitsfeldern ist die Mitarbeit des Reformierten Bundes die von einer ganzen Reihe von Mitgliedern des Moderamens oder Delegierten der Mitgliedskir-chen des Bundes wahrgenommen wird lange schon eine Selbstverständlichkeit. Freilich zwingt die erfreuliche Entwicklung, dass der Ge-neralsekretär etwa zu einer Begegnung des Kir-chenamtes der EKD mit der Leitung der SEK hinzu gebeten wird, zu einer Runde auf EKD-

Hauptversammlung des Reformierten Bundes Thema

die-reformierten.upd@ te 02. 2 45

Ebenemit VertreterInnen der Waldenser-Kirche

eingeladen oder gar gefragt wird, ob er nicht die EKD bei einer Konsultation mit unierten Kirchen weltweit in den Niederlanden vertreten möge nur um einige Beispiele aus den letzten Mona-ten dieses Jahres zu nennen dazu, auch wich-tige Anfrage abschlägig zu bescheiden. Im Team in Wuppertal haben wir erste Schritte zur Erar-beitung eines Konzeptes überlegt, das es dem Bund ermöglicht, stärker als bisher kompetente Personen aus den Mitgliedsgemeinden mit der Wahrnehmung von Bundes-Aufgaben zu be-trauen.

8 Die Aktion »Hoffnung für Osteuropa« will den Dienst der Versöhnung im Blick auf Mittel-Osteuropa konkrete Gestalt geben. »Glaube und Nächstenliebe strahlen Hoffnung aus auf Moral und Ethik, Bildung und Kultur, Politik und Wirt-schaft in einer sich säkular verstehenden Gesell-schaft und tragen dazu bei, dass Europa zu einer versöhnten Gemeinschaft zusammenwächst« (Kundgebung der Synode). 9 Zu den Aussagen des zweiten Artikels von Belhar über wahre Versöhnung formuliert die theologische Stellungnahme der EKU/AKf vor-sichtig- kritisch »dieser Artikel ist im Aufbau zu wenig ausgeglichen«. In der Tat: in diesem Arti-kel schlägt die Auseinandersetzung mit dem sich christlich verstehenden Apartheidsregime und ihrer ideologischen Stütze, der NGK (die Nationale Partei im Gebet) am stärksten durch und verhindert eher eine saubere systematische Einordnung („in einem Land, das den Anspruch erhebt christlich zu sein, aber in dem die er-zwungene Trennung der Menschen aus rassisti-schen Gründen, gegenseitige Entfremdung, Hass und Feindschaft fördert und immer wieder fort-setzt«). Bestenfalls kann man mit dem Theologi-schen Ausschuss sagen, die Aussagen des zwei-ten Artikels lägen auf der Linie der zweiten und dritten These der Barmer Theologischen Erklä-rung »sofern das Verhalten der Christen in der Welt dem Wort Gottes und seinem Anspruch zu entsprechen hat und die sichtbare Gestalt sie als zu Christus gehörig auszeichnet« (S.6) aber die (auch gewiss nicht unproblematische) Fokussie-rung der Aussagen der Bergpredigt vom Salz der Erde und vom Licht der Welt enthält wichtige Perspektiven für die Rolle der Kirche in der Ge-sellschaft auch im heutigen Südafrika. Aus der Erfahrung der Apartheid wird der Kirche die Rolle zugewiesen, »in neuem Gehorsam zu leben und dadurch neue Lebensmöglichkeiten für das Zusammenleben in der ganzen Welt zu eröff-

nen«. Diese Rolle haben die reformierten Kir-chen in Südafrika bislang nicht übernommen, vielleicht auch nicht übernehmen können, weil sie viel zu stark von ihren internen Verständi-gungsproblemen blockiert sind. Das ist um so bedauerlicher, als dass die reformierten Kirchen gemeinsam auch in der gänzlich veränderten politischen Situation, in der den Kirchen zuneh-mend lediglich der Status einer NGO zugewiesen wird, den durch die Wahrheits- und Versöh-nungskommission in Gang gebrachten gesell-schaftlichen Versöhnungsprozess fördern und wichtige Impulse zum Aufbau einer Zivilgesell-schaft vermitteln könnten.

Impressum »die-reformierten.upd@ te« wird herausgegeben im Auftrag des Moderamens des Reformierten Bundes. »Das reformierte Quartalsmagazin« erscheint jeweils Mitte März, Juni, September und Dezember eines Jahres.

Verantwortlich (i.S.d.P.): Jörg Schmidt (js) Vogelsangstr. 20 42109 Wuppertal Telefon 0202-2750086 Telefax Telefax 0202-2750087 e-mail: e-mail: reformierter.bund@wtal.de

Mitgearbeitet haben: D. Hermann Schaefer, Generalsekretär

des Reformierten Bundes Dr. Gesine von Kloeden, Detmold

D. Peter Bukowski, Moderator des Reformierten

Bundes

Fotos: örk: S. 6 Reformierte Kirche in der Schweiz: S. 5, 13 alle anderen: Reformierter Bund

Thema Hauptversammlung des Reformierten Bundes

46 die-reformierten.upd@ te 02. 2

EinPsalm Davids, vorzusingen.

HERR, du erforschest mich und kennest mich. Ich sitze oder stehe auf, so weißt du es; du verstehst meine Gedanken von ferne. Ich gehe oder liege, so bist du um mich und siehst alle meine Wege. Denn siehe, es ist kein Wort auf meiner Zunge, das du, HERR, nicht schon wüsstest. Von allen Seiten umgibst du mich und hältst deine Hand über mir. Diese Erkenntnis ist mir zu wunderbar und zu hoch, ich kann sie nicht begreifen. Wohin soll ich gehen vor deinem Geist, und wohin soll ich fliehen vor deinem Angesicht? Führe ich gen Himmel, so bist du da; bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein –, so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir, und die Nacht leuchtete wie der Tag. Finsternis ist wie das Licht. Denn du hast meine Nieren bereitet und hast mich gebildet im Mutterleibe. Ich danke dir dafür, dass ich wunderbar ge-macht bin; wunderbar sind deine Werke; das erkennt meine Seele. Es war dir mein Gebein nicht verborgen, als ich im Verborgenen gemacht wurde, als ich gebildet wurde unten in der Erde. Deine Augen sahen mich, als ich noch nicht bereitet war, und alle Tage waren in dein Buch geschrieben, die noch werden sollten und von denen keiner da war. Erforsche mich, Gott, und erkenne mein Herz; prüfe mich und erkenne, wie ich’s meine. Und sieh, ob ich auf bösem Wege bin, und leite mich auf ewigem Wege.

Psalm 139, 1–16.23–24 (Wochenpsalm am 6. Sonntag n. Trinitatis)

Was ist das? Eine gewissermaßen ewige Vari-ante des »big brother is watching«? George Orwell hat den »großen Bruder«, der alles be-obachtet und kontrolliert, in seinem Buch »1984« als Zukunftsvision beschrieben. Gott, eine Spielart also, oder bestenfalls die Urgestalt des kontrollierenden und bestim-menden »big brother«? Für manche Menschen war und ist das so. Sie haben Gott so vorgeführt bekommen: »Wohin du auch fliehst, er sieht dich.« Die große Kon-trollinstanz. »Du entkommst ihm nicht.« Und das Ganze aufgeladen mit Moral: » Wenn du das tust oder jenes, dann sieht dich Gott und dann straft er dich.«

Allerdings das wird man zugestehen müs-sen sind das eher Probleme einer (fast) ver-gangenen Zeit. Dass unter dem Titel »big brother« eine Fernsehshow laufen kann, in der sich Menschen offensichtlich ohne Pro-bleme einer solchen umfassenden Kontrolle unterziehen, mag nur ein kleines Indiz dafür Und so scheint es doch zu sein: Die Schwie-rigkeiten mit der großen Kontrollinstanz Gott (oder wie immer sie genannt werden könnte) haben wohl die meisten nicht mehr. Diese alten Kontrollmuster funktionieren in der Spaßgesellschaft nicht mehr. Oder doch nur bei wenigen. Die Mechanismen sind andere geworden. Gott ist deswegen allerdings nicht näher ge-kommen. Waren es früher die Drohbilder, die Menschen vom lebendigen Gott trennten, so sind es heute Unverbindlichkeitsmuster. Und auch die selbstverständliche Erfahrung: Was ich bin, das muss ich selber aus mir machen. Da ist keiner, der es mir abnimmt, dem ich danken kann, »dass ich wunderbar gemacht bin«. Ich mache mich doch selbst!

Dass wir zur Besinnung kommen darum können wir wirklich nur beten. Und dass Gott sich uns zeigt. Nicht als der Drohend-Kon-trollierende. Und auch nicht als der Unver-bindlich- Nette. Als der Lebendige, der um uns ist und bei uns und für uns.

js

Psalm 107 die-reformierten.upd@ te 02. 2 47

Du kennst unsere verborgensten Ängste Barmherziger Gott, von allen Seiten umgibst du uns mit deiner Güte und hältst deine Hand liebevoll über uns. Warum können wir das nicht begreifen, warum scheinst du uns manchmal so bedrohlich, dass wir deine Nähe fliehen und uns losreißen wollen von dir?

Gott, du kennst unsere verborgensten Ängste. Du verstehst, was wir oft nicht einmal selbst verstehen, du wirbst um uns, bis wir zur Besinnung kommen, bis wir dich suchen und uns deiner Zärtlichkeit endlich überlassen. Hab noch Geduld mit uns, Gott, gib uns nicht auf!

Sylvia Bukowski aus: Lass mich blühen unter deiner Liebe, S. 99

PostvertriebsnummerG 54900

ISSN 1617-7177 Herausgegeben Herausgegeben von: Reformierter Bund Vogelsangstr. 20 42109 Wuppertal

f Neu im foedus-verlag: Michael Michael Weinrich (Hg.), Einheit bekennen.

Auf der Suche nach ökumenischer Verbind- lichkeit, 126 Seiten, 9,80 Eu o ISBN 3-932735-63-3 Die Die Die Die eformierte Stimme zur evangelisch- katholischen Ökumene, mit Beiträgen von Christian Link ( Was heißt aus eformierter Sicht: Kirche anerkennen?), Michael Weinrich (Ökumene in eformierter Perspektive; Die Bedeutung der Gemeinsamen E klärung zur Rechtfertigungslehre für den Reformierten Weltbund; »Communio Sanctorum« Eine verheißungsvolle Perspektive für die Ökumene?), Michael Beintker (Das P oblem einer Revidierbarkeit kirchlicher Lehraussagen in ökumenischen Dialogen) und Eberhard Busch (Christentum und Konfession).

Sigrid Lekebusch / Hans-Georg Ulrichs (Hg.), Historische Horizonte. Vo träge der dritten

Emder Tagung zur Geschichte des eformierten P otestantismus (Emder Beiträge zum efor- mierten P otestantismus 5), 314 Seiten, 18,50 Eu o ISBN 3-932735-61-7

H. Schaefer (Hg.), »Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon«. Der biblische Glau-

be und die Religion des »Marktes« (reformierte akzente 4), 80 Seiten, 4,90 Eu o ISBN 3-932735-59-5

Jörg Schmidt (Hg.), »Du sollst dir kein Bildnis machen«. Von der Weisheit des Bilderverbo-

tes (reformierte akzente 5), 74 Seiten, 4,90 Eu o ISBN 3-932735-60-9

In zweiter, durchgesehener Auflage: F. Weber (Hg.), G eetsiel im Wandel der Zeit 1900-2000.

Die ehemaligen Pastoren des Fischerdorfes berichten, 278 Seiten, 13 Eu o ISBN 3-932735-55-2