HUGENOTTEN

65. Jahrgang Nr. 1 / 2001

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Titelbild: Ein von der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft im Jahr 2000 erworbenes

Salzgefäß. Es handelt sich um eine Arbeit des Berliner Meisters George Fréderic Fournier (vgl. hierzu S. 28).

Inhaltsverzeichnis Paddenschlucker“ und Bohnenfresser“ Berliner Hugenotten und die Nahrungsmittel von Charlotte Guiard.......................................................................................................... S. 3 Jean Privat, Anführer der elf Flüchtlingskinder mit Erläuterungen zur Offenbacher Privat-Linie von von Alfred Kehrer .......................................................................................................... S. 19 Neue Bücher und Aufsätze ............................................................................................ S. 23 Buchbesprechung/Buchvorstellung.............................................................................. S. 24 Silberarbeit für das Deutsche Hugenottenmuseum in Bad Karlshafen von Jochen Desel............................................................................................................ S. 28 Spendenaufruf der Association Abraham Mazel von Eckart Birnstiel......................................................................................................... S. 29 Kurzmeldungen................................................................................................................ S. 30

Anschriften der Verfasser Prof. Dr. Eckart Birnstiel, 9, rue St-Antoine-du-T, F-31000 Toulouse Jochen Desel, Otto-Hahn-Str. 12, 34369 Hofgeismar Dr. Eberhard Gresch, Geranienweg 18b, 01269 Dresden Charlotte Guiard, Heideweg 2e, 18374 Zingst Alfred Kehrer, Sachsenhäuser Landwehrweg 79, 60599 Frankfurt a. M.

Die Zeitschrift HUGENOTTEN ( DER DEUTSCHE HUGENOTT) wird herausgegeben von

der Deutschen Hugenotten- Gesellschaft e. V., Hafenplatz 9a, 34385 Bad Karlshafen. Tel.

05672- 1433. Fax: 05672- 925072. E- mail: Refce@t- online.de. HUGENOTTEN erscheint als Mitgliederzeitschrift vierteljährlich. Der Bezugspreis ist im Mitgliedsbeitrag von derzeit DM 60,– enthalten. Einzelheft 8,00 DM, Auflage: 1500. Schriftleitung: Andreas Flick,

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einzelnen Beiträge sind die Autoren verantwortlich. ISSN 0340- 3718.

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„Paddenschlucker“ und „Bohnenfresser“ Berliner Berliner Hugenotten und die Nahrungsmittel von Charlotte Guiard Ende des 17. Jahrhunderts fanden etwa 20.000 Hugenotten Zuflucht in Brandenburg- Preußen, davon etwa 5.000 in Berlin. Ihr großer Einfluss auf den Berliner Alltag wurde durch zwei Besonderheiten unterstützt: Die Gruppe der Flüchtlinge machte zeitweise 25 % der Berliner Bevölkerung aus und sie war durch die Flucht ganzer Gemeinden sehr vielschichtig. Der Kontakt zwischen Berlinern und Fremden war notwendigerweise intensiv und es entstanden Bräuche und Traditionen, die noch heute zu entdecken sind.

1. Nahrungsmittelproduktion 1.1 Landwirtschaft und Gartenbau Die brachliegenden, fruchtbaren Flächen um Berlin boten den Réfugiés viel Raum zum Anbau neuer Kulturen und zur Anlage von Gärten. Die Hugenotten ließen Saatgut, Setzlinge und junge Bäume aus ihrer Heimat kommen und veredelten einheimische Pflanzen. Sie bauten Treibhäuser und legten Früh- und Mistbeete an. 1 Dadurch gab es das ganze Jahr über die

erstaunlichsten Früchte, sogar Orangen und Zitronen. Die Blumenpracht in den hugenottischen Gärten überraschte die Deutschen. „Manche besaßen das Geheimnis, das jetzt verloren ist, einfache Blumen zu doppeln, zu federn und sie verschieden zu färben.„ 2 Durch

Kreuzen, Pfropfen und Veredeln züchteten die französischen Gärtner die herrlichsten Pflanzen. 3

Die Gärten wurden nicht nur Ziel sonntäglicher Spaziergänge, sondern dienten mit ihren Früchten gleichzeitig der guten Küche. Zunächst versorgten sie die Réfugiés, deren Hauptspeisen Gemüsesuppen und Salate waren, mit den ihnen vertrauten Nahrungsmitteln. Den Berlinern fiel schnell auf, dass die Réfugiés mehr und andere Gemüse aßen als sie selbst und sie belegten die französischen Glaubensflüchtlinge mit dem Spottnamen

1 Vgl. Edouard MURET: Geschichte der französischen Kolonie in Brandenburg- Preußen und Potsdam, Berlin 1885, S. 50. 2 Karl MANOURY: Die Hugenotten und das Wirtschaftsleben in Berlin- Brandenburg, in: Die Hugenottenkirche, 1967, Jg. 20, Nr. 3, S. 10. 3 Vgl. Helmut ERBE: Die Hugenotten in Deutschland, Essen 1937, S. 85.

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„Bohnenfresser„. 4 Doch nach und nach fanden sie Geschmack an den

Neuheiten. Am Hof kannte man schon vor der Zeit der Einwanderer zarte Gemüse, wie Blumenkohl, Sellerie, und verschiedene Obstsorten, die allerdings extra aus Hamburg, Leipzig, Erfurt oder Braunschweig geholt wurden. 5 Bald kam

der Blumenkohl für die fürstliche Tafel aus dem eigenen Land. Außerdem gab es Spargel, Artischocken, Chicoree, Champignons, Schwarzwurzeln, verschiedene Suppengemüse und - kräuter sowie grüne Erbsen. Letztere kannte man bis dahin nur getrocknet. Die Verbreitung der Kartoffel im 18. Jahrhundert wurde von den Hugenotten unterstützt, die mit deren Anbau bereits vertraut waren. Auch Salate gewannen an Beliebtheit. „Man ging nach Charlottenburg, um

Salat à la Duhan zu essen. So hieß der Gärtner, der besonders guten Salat hatte und der bei Hofe angestellt war.„ 6 Die Speisen wurden nun zunehmend

mit Kräutern verfeinert und als Dessert wurden Ananas oder Melone gereicht. Auch „Kompott„ (französisch: (französisch: compote) aus verschiedenen Birnensorten

gewann an Beliebtheit. Der Chronist Muret berichtet 1885, dass der auf Obst- und Frühobstzucht spezialisierte Gärtner Sarre7, „... dem König Friedrich II. stets die ersten

und schönsten der von ihm getriebenen Kirschen in einer besonders hierzu bestimmten Schachtel zugehen, die eins seiner zahlreichen Kinder nach Sanssouci zu tragen pflegte und dem diensthuenden Kammerdiener übergab. Der Dank des Königs bei Rückgabe der ihres Inhalts ledigen Schachtel war die beste Anerkennung und die dem König bereitete Tafelfreude der schönste Lohn für den Erfolg, mit dem der brave Kolonist der Gartenkunst oblag.„ 8

Sarre wurde gebeten, den Gärtnern der königlichen Gärten seine Kunst beizubringen. Auch mit dem Weinanbau versuchten sich die Réfugiés. Sie scheiterten jedoch an den sandigen Böden und am Klima ihrer neuen Heimat. Dennoch gab es einige Weinberge, die ein beliebtes Ausflugsziel zur Weinlese wurden. 9

4 Vgl. Jürgen WILKE: Einflüsse französischer Sprache und Alltagskultur auf das Berlinische, in: Badstüber- Gröger, Sibylle; Brandeburg, Klaus; Geissler, Rolf; Grau, Conrad; Löschburg, Winfried; Schnitter, Helmut; Steiner, Klaus; Welge, Margarete; Wilke, Jürgen: Hugenotten in Berlin, Berlin 1988, S. 409. 5 Vgl. ERMAN & RECLAM: Mémoires pour servir à l’histoire des réfugiés françois, Berlin 1786, Bd. VI, S. 275 ff. 6 Horsta KRUM: Preußens Adoptivkinder, Berlin 1985, S. 109. 7 Zu Sarre vgl. Christina PRAUSS: Die Hugenottenfamilie Sarre, Sar, Saar in Berlin, in: Hugenotten, 63. Jg., Nr. 2 ,1999, S. 57- 61. 8 MURET, S. 50. 9 Vgl. WILKE, S. 392- 408.

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Mit den neuen Erzeugnissen wurden oft auch deren Bezeichnungen übernommen bzw. beliebter. So wurde zum Beispiel die gelbschalige Butterbirnensorte vom Französischen „beurré blanc„ (butterartig weiß) im Volksmund

zu „Bereblang„; die die grauschalige Butterbirnensorte vom „beurré gris„

(butterartig grau) zum „Beregris„. Auch die französischen „carottes„ setzten setzten

sich endgültig im deutschen Sprachgebrauch durch. 10

In der Beschreibung Brandenburg- Preußens fasst der Chronist Bekmann 1751 den Einfluss der Hugenotten auf den Gartenbau wie folgt zusammen: „In Summa unsere küchen- und kräutermärkte, welchen es weder im winter, noch im sommer an schönen vorrath fehlet, sprechen noch immer von der arbeitsamkeit und geschicklichkeit dieser Einwohner, auch dann, wann Teutsche selbige besetzen, als welche die bessere baum- und kräuterzucht denselben grossen theils zu danken haben.„ 11

1.2 Öl Durch die Réfugiés wurde der Gebrauch von Wasser-, Wind-, Öl- und Färbemühlen in Brandenburg- Preußen verstärkt bzw. eingeführt. 12 Die Bevölkerung

verwendete vor allem tierische Fette wie Rinder- und Schweinetalg und Waltran als Lichtquelle, zur Pflege von Werkzeugen und als Nahrungsmittel. Aus dem Ausland eingeführte Oliven- und Nussöle waren ihres Preises wegen vorwiegend bei Hofe und bei Kaufleuten bekannt. Diese Marktlücke machten sich einige Réfugiés zunutze: Einige neu angekommene

Franzosen wurden gewahr, dass man Leinsamen nur als Schweinefutter verwendete und boten dem Hof die lukrativere Nutzung an, Öl daraus zu pressen; ...„ 13

Bald wurde aus Lein- und Rübsamen Öl produziert. In Frankreich wurde Leinöl zu dieser Zeit eher zu medizinischen Zwecken und zur Körperpflege angewendet. Für die Zubereitung von Nahrungsmitteln bevorzugte man Oliven- oder Mandelöl. Da diese in Brandenburg- Preußen aber sehr hoch gehandelt wurden, verbreitete sich die Anwendung von Rüböl. Das Leinöl setzte sich erst nach und nach durch. In einigen Regionen ist es ein traditionelles Nahrungsmittel geworden: „Im Spreewald wurde es üblich, alles mit

Leinöl zu braten, auch die Fische, man auch Kartoffeln mit Leinöl. Bei

10 Ewald HARNDT: Französisch im Berliner Jargon, Berlin 1996, S. 68/ 69. 11 Johann Christoph BEKMANN: Historische Beschreibung der Chur und Mark Brandenburg, Berlin 1751, Bd. 1, S. 158. 12 Vgl. ERBE, S. 82. 13 Übersetzung der Autorin aus: ERMAN & RECLAM, 1786, Bd. VI, S. 79. Quelques François nouvellement arrivés s‘apperçurent que l‘on n‘employoit la graine de lin qu‘à la nourriture des cochons & proposèrent à la cour d‘en faire un usage plus lucratif, celui d‘en exprimer exprimer de l‘ huile; ...„

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uns in Berlin und der Uckermark war es nicht üblich, es wurde sogar verabscheut.„ 14

Doch auch andere Ölsorten wurden ausprobiert. Im Geheimen Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz befindet sich ein Brief, in dem ein Monsieur Bonet „Seiner Majestät“ im August 1714 einen Antrag auf die Einrichtung einer Mühle zur Gewinnung von Bucheckernöl stellt: „... Bucheckernöl, welches

Olivenöl, das von Fischen und andere in allen ihren Anwendungen ersetzen kann, sei es, um es zu sich zu nehmen oder für andere Arbeiten, für die man sie nutzt [...] und man kann es zu einem besseren Preis bekommen als die Öle, die aus dem Ausland kommen.“ 15 Allerdings taucht in der

Literatur kein Hinweis auf das tatsächliche Bestehen einer derartigen Ölmühle auf. Die Herstellung von pflanzlichen Ölen im Lande und die dadurch entfallenen Transport- und Einfuhrkosten boten der einfachen Bevölkerung erschwingliche Alternativen zu den importierten Ölen und eine Ergänzung zu den tierischen Fetten.

1.3 Zuckerproduktion Es waren Réfugiés, die dem König Vorschläge zur Errichtung einer preußischen Zuckerraffinerie unterbreiteten. Sie orientierten sich an den französischen Raffinerien, die das Zuckerrohr aus Übersee verarbeiteten. Viele befanden sich in den Herkunftsgebieten der Réfugiés - in Nantes, Bordeaux, Dieppe und La Rochelle. Durch die Produktion des Zuckers im eigenen Land konnten erhebliche Importkosten eingespart werden, da der raffinierte Zucker bisher aus Frankreich und England eingeführt wurde und sehr teuer war. Es wurde vorwiegend mit Honig gesüßt, der aber ebenfalls nur begrenzt zur Verfügung stand. Dennoch zögerte die Regierung mit einer Zustimmung. Erst im 18. Jahrhundert entstanden in Brandenburg- Preußen Zuckerraffinerien. Die erste gründeten die Franzosen Vigny, Naudy und Gauvin 1725 in Stettin. Sie brach jedoch unter den Streitereien ihrer Geschäftsführer zusammen. Erst unter Friedrich II. hatten Splittgerber und Daum mehr Erfolg: „Ihre Raffinerie lieferte so viel Zucker, daß damit ein großer Teil des

14 MANOURY, 1962, Jg. 15, Nr. 12, S. 49. 15 Übersetzung der Autorin aus: GSPK I Rep. I 9 AA 20: Manufacture d'huyle exprimée de la graine d'hêstre. August 1714, Monsieur Bonet (Antrag auf Erteilung eines Privilegs zur Herstellung von Bucheckernöl). “...huile exprimée de la graine d‘hêstre, qui peut supleer à l‘huyle d‘olive, à cette de poison, et autre pour toute sorte d‘usage, soit pour la table, soit pour les Ouvrages on s‘en sert [...] et qu‘on pourroit l‘avoir à un plus juste prix que les huyles, qui viennent du dehors.„

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Verbrauchs im Lande abgedeckt wurde, und viele Menschen standen bei ihnen in Lohn und Brot.„ 16

In Berlin gab es zum Ende des 18. Jahrhunderts durch die Initiative von Réfugiés drei Zuckersiedereien, die Rohrzucker verarbeiteten. 17

Die beiden Mitglieder der Königlichen Akademie der Wissenschaften - der Berliner Chemiker Marggraf und sein Schüler, der Hugenotte François- Charles Archard - entwickelten die theoretischen Grundlagen der Produktion von Rübenzucker. Archard nahm die geschaffenen Ansätze zum Ende des 18. Jahrhunderts wieder auf. Er führte in den vorhandenen Raffinerien eine Reihe von Versuchen durch, die die praktische Umsetzbarkeit der Zuckerraffination aus Zuckerrüben belegten. 1800 erschien seine Schrift „Kurze Geschichte der Beweise, welche ich

von der Ausführbarkeit im Grossen und den vielen Vortheilen der von mir angegebenen Zuckerherstellung aus Runkelrüben geführt habe.„ 18 Hier

erklärt er, „1) Dass von allen in hiesigem Klima im Freien, folglich im Grossen

zu cultivierenden, zahlreiche Pflanzen, welche Zucker enthalten, nur einige Abarten der Beta vulgaris Linn, Runkelrüben genannt, mit Vortheil zur Zuckerfabrication in den Preussischen Staaten anzuwenden sind.„ 19

und „2) Dass die Runkelrüben nur durch eine gewisse Behandlung bei ihrer

Cultur so zuckerreich, und zugleich so arm an den, der Zuckergewinnung im Wege stehenden Theilen, erzielt werden, dass sie mit Vortheil zur Zuckerfabrication anzuwenden sind.„ 20

Nachdem der Beweis erbracht war, dass die Runkelrübe zur Zuckerherstellung geeignet war, hatte sich Archard zur Aufgabe gestellt, die gewisse

Behandlung„ herauszufinden, die die Verarbeitung der Rübe optimieren

sollte. Die höchste Zuckerausbeute wird nach Archard erreicht, wenn: „... die

Runkelrüben, vor dem Zerkleinern und dem Auspressen des Saftes, so wie sie aus der Erde gekommen, ohne sie zu schälen, oder zu köpfen, blos in Wasser weich gekocht wurden ... 21

Diese Vorgehensweise wurde umgesetzt und hat sich bis heute bewährt. Die Süße des so gewonnenen Zuckers weicht nur wenig von der des Rohr-

16 KRUM, S. 139. 17 Otto WIEDFELDT: Statistische Studien zur Entwicklungsgeschichte der Berliner Industrie von 1720- 1890, in: Staats- und sozialwissenschaftliche Forschungen, Bd. 16, Heft 2, 1898, S. 137. 18 François- Charles ARCHARD: Kurze Geschichte der Beweise, welche ich von der Ausführbarkeit im Großen und den vielen Vortheilen der von mir angegebenen Zuckerfabrication aus Runkelrüben geführt habe, Berlin 1800. 19 ARCHARD, S. 5. 20 ARCHARD, S. 6. 21 ARCHARD, S. 46.

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zuckers ab. Heute ermöglichen spezielle Rübenzüchtungen mit höherem Zuckergehalt und das Auslaugen des Saftes mit Hilfe von heißem Wasser eine höhere Zuckerausbeute.

2. Ernährungsgewerbe 2.1 Gastronomie Im Jahre 1700 führt die Statistik 18 französische Gastwirte an. Vier Jahre später gab es 15 Gasthäuser in Berlin. Die vornehmsten wurden von Réfugiés betrieben: Das „Wappen des Königs von Preußen„ von Musset und

der König von England„ von Simonet.

22 Später folgten weitere Gründungen

durch Réfugiés, zum Beispiel des Hotels „Ville de Paris„ („Stadt Paris„).

Doch mehr als in noble Etablissements investierten die Réfugiés in kleine Lokale. Sie richteten Cafés, Spiel- und einfache Lokale ein und arbeiteten als „cabaretiers„ (Schankwirte), (Schankwirte), „limonadiers„, „limonadiers„, „cafetiers„, „chocolatiers„ und und

„billardiers„. Letztere betrieben die Billardcafés. Das Spiel und demzufolge

das dazugehörige Vokabular waren in Berlin neu. Noch heute spricht man vom Billardstab als dem Queue„ und vom „markierten„ Punkt Punkt (französisch:

marquer). Der marqueur„ zählte nicht nur die Punkte, sondern servierte

den Spielern nebenbei Getränke. Bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts soll sich diese Bezeichnung für einen Kellner im Billardcafé erhalten haben. 23

Sehr beliebt war bei den Berlinern ein Ausflug ins Grüne am Wochenende. Rund um Berlin lockten die Gärten der Réfugiés. Nach und nach richteten diese kleine Restaurationen ein. Muret berichtet: „Diese Berliner Gärten

wurden sehr bald das Ziel der sonntäglichen Spaziergänge der Kolonisten und der Berliner und trugen ihrerseits dazu bei, das noch wenig vorhandene Gefühl für die Natur zu erwecken. [...] Auch die Spreeseite des Tiergartens war unter Friedrich II. eine beliebte, ihres schönen freien Blickes wegen von der besseren Gesellschaft sehr besuchte Promenade geworden. Hier erhielten 1745 die Réfugiés Dortu und Thomassin die Erlaubnis Zelte aufzuschlagen und Erfrischungen feil zu halten. Dem Restaurateur Mourier wurde es 1767 gestattet, neben seinem Zelte eine feste Hütte zu erbauen. So entstanden die sogenannten Zelte‘, an deren Stelle später massive Häuser erbaut wurden.„ 24

Rund um Berlin wurden derartige Cafégärten eingerichtet - im Tiergarten, an der Chaussee nach Potsdam und vor dem Rosenthaler Tor. 1701 erhielt

22 Vgl. MANOURY, 1966, Jg. 19, Nr. 6, S. 29. 23 Vgl. WILKE, S. 414. 24 MURET, S. 50.

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die Hugenottenwitwe Conte die Erlaubnis, Erfrischungen im Lustgarten anzubieten. „Auff der frantzösischen Refugyrten wittib Conte allerdemütigstes Supplicatum [...] hiermit concediret, ihre hierein Specificirte Limonade und andere liqueurs, zur refraichierung der daselbst promenierenden Persohnen öffentlich feil und zu Kauff zu haben. Cölln an der Spree den 4. Juli 1701„ 25

Die Liköre und Limonaden kreierten die Gastronomen meist selbst. Sie dienten der „refraichierung„ (französisch: (französisch: rafraîchement - Erfrischung).

Eine besondere Attraktion bot Bouché: Er hatte ein 100 Meter langes Treibhaus als Café eingerichtet. Selbst im Winter wuchsen hier Blumen und man konnte im Grünen Kaffee trinken. 26

Auch in der Stadt entstanden etliche Cafés, die vor allem von Schweizer Konditoren betrieben wurden. Man traf sich dort, um in gemütlicher Atmosphäre zu diskutieren, Zeitung zu lesen und natürlich, um die feinen Gebäcke zu genießen. Auch französische Familien betrieben Caféhäuser: „So wirkten Konditorei und Café der Familie d‘Heureuse zu Anfang des 19. Jahrhunderts wie ein Magnet auf die Bevölkerung, ja, sie entwickelten sich nahezu zu einem kulturellen Mittelpunkt. Die Berliner genossen die Spezialitäten des Hauses, lasen Zeitungen, diskutierten über die politische Lage und erzählten sich den neuesten Klatsch.„ 27

Auf diese Art und Weise entstanden nicht nur neue gastronomische Einrichtungen, sondern auch eine neue Alltagskultur des aufstrebenden Berliner Bürgertums. Den Alltag der Ärmeren bereicherten preiswerte Angebote der Garküchen, Buden und Speisewirte. Der Franzose Hazard richtete „boutiquen„ zum zum

Verkauf von Braten und Geflügel ein. Dort waren Garköche damit beschäftigt, „... das Fleisch von Milchvieh, Wildpret, Geflügel herzurichten, zu spicken und zuzubereiten, um sie zu verkaufen, und zwar roh, oder sie gekocht anzubieten, nachdem sie auf ihren Herden oder Kaminen geröstet sind.„ 28

Der Begriff „Budike„ hat hat sich bis zum Anfang diesen Jahrhunderts im Berliner

Jargon erhalten. Zunächst umfasste er alle kleinen Verkaufsbuden der Réfugiés - von Metallwaren über Spitzen bis hin zu Nahrungsmitteln. Spä-

25 BOTTA, FORNÉE, FOUQUET, SCHELLER: Die Hugenotten in Brandenburg- Preußen, 1971, 102 bzw. GSPK Rep 122 Nr 6a I Vol. I fol. 13- 20. 26 Vgl. WILKE, S. 412. 27 Jürgen WILKE: Der Einfluss der Hugenotten auf die gewerbliche Entwicklung, in: Hugenotten in Berlin, Berlin 1988, S. 266. 28 MANOURY, 1966, Jg. 19, Nr. 6, Übersetzung aus ERMAN & RECLAM, Bd. VI, S. 59 ff.

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ter wurde er auf die Garküche mit Ausschank reduziert. 29 In einem Gedicht

heißt es: ... Man kariolt jetzt durch Berlin,

trinkt een‘ in‘ne Budike Budike

und bei‘n Château- Schloß in‘n Jardeng spielt Militär- Müsike.„ 30

2.2 Fleisch In diesen „Budiken„ wurde wurde auch die bekannte Berliner „Bulette„ verkauft. verkauft.

Die Réfugiés aßen mit ihren Suppen Fleischkügelchen, die so genannten boulettes„ (Kügelchen). Aus ihnen wurden nach und nach die heutigen,

größeren „Buletten„. Auch das Ragufeng (französisch: ragoût fin) erfanden

die Réfugiés. Als Gericht aus feinen Fleischstückchen ist es in Frankreich unbekannt und kann heute als Berliner Spezialität angesehen werden. Für das Griebenschmalz mischten die Hugenotten dem reinen Schmalz in Fett gebratene kleine Fleischstückchen (französisch: gribelettes) unter. Heute kommen oft Zwiebeln und Äpfel hinzu. Des Weiteren stellten die Réfugiés die ersten Berliner Brühwürste her. Die so genannten „Saucischen„ (französisch: (französisch: saucisse) waren bald sehr beliebt

und Bestandteil des „Budiken„- Angebotes. Angebotes. Möglicherweise waren sie die

Vorläufer der heutigen Berliner Bockwurst. 31 Außerdem stellten die Réfugiés

Blutwürste - die „boudins françois„ (französische Blutwurst) - Leberwürste

und Kalbswürste her. „Wenn auch die deutschen Schlächter nicht viel von den französischen zu lernen hatten, etwa ein vorteilhaftes Ausschlachten, so weiß man doch, daß sie die Einwohner die sogenannte Kälbermilch, und das Kälbergeschlinge, welches man sonst den Hunden vorwarf, als eine Delikatesse kennen lehrten ...„ 32

Zunächst riefen Verarbeitung und Verzehr von Innereien, die bisher ans Vieh verfüttert wurden, den Ekel der Einheimischen hervor. Doch nach und nach lernten sie deren delikaten Geschmack zu schätzen. Kalbsmilch33, Kälbergeschlinge, Euter, Leber, Lunge und Herz von Schafen und Kälbern avancierten vom Hundefutter zur Delikatesse. 34

29 Vgl. WILKE, S. 411. 30 Det Berlina Franssösisch, http://kultur- netz.de/berlin/franzoes.htm 6.7.1999. 31 Vgl. WILKE, S. 267. / Die Würstchenhersteller („ faiseurs de saucisse" bzw. charcutiers") werden nicht extra in der Berufsstatistik von 1700 erwähnt. Möglicherweise zählen sie zu den dort angeführten elf Schlächtern. 32 C. REYER: Geschichte der französischen Colonie in Preußen, Berlin 1852, S. 178. 33 Kalbsmilch: Thymusdrüse des Kalbes, wegen Zartheit und Geschmack geschätzt. 34 Vgl. REYER, S. 178.

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An die Eigenart der Réfugiés, Froschschenkel zu essen, gewöhnten sich die Berliner allerdings nicht. Erman & Reclam berichten hierzu eine Anekdote vom Königshof: Dort hielten sich die Küchenjungen einen Storch zur allgemeinen Ergötzung. Sie fingen Frösche für ihn in der Spree. Einmal soll der Storch eine Bittschrift im Schnabel getragen haben. Er beklagte sich darin beim Kurfürsten, dass die Franzosen ihm die Frösche wegessen würden. Deshalb wurden die Réfugiés auch „Paddenschlucker„ („ („ padde“ -

niederdeutsch für „Frosch„) genannt. genannt. Dieses Schimpfwort - wie auch der

„Bohnenfresser„ - - fiel noch lange bei Streitereien zwischen französischen

und deutschen Schülern. 35

Mit den Nahrungsmitteln fanden deren französische Bezeichnungen Eingang in den Berliner Alltag. Brei und Stampfkartoffeln wurden bald zu Püree„.

Bouillon, Filet, Frikassee, Haschee, Kotelett, Omelett, Roulade, Remouladensoße (französisch: sauce) und viele weitere Wörter sind nach wie vor geläufig. 36

Im 19. Jahrhundert war das französische Vorbild in Berlin so dominierend, dass ein Berliner Autor sich beschwert: „In den Berliner Kaffeehäusern mit

französischen Titeln ißt man Berliner Gerichte unter französischen Namen, und alle Lächerlichkeiten, welche Mode und Nachahmung erzeugen, treten recht lebhaft hervor, wenn man sich französisch boeuf à la mode fordern muß, um seinen deutschen Hunger mit deutschem Rindfleisch zu stillen.„ 37

2.3 Getränke In Berlin trank man im 17. Jahrhundert vor allem Braunbier, gebraut auf der Basis von Gerstenmalz. Weiterhin wurde ein starkes Lagerbier verkauft, und es war erlaubt, den zweiten Aufguss (Confent) an Arme und Soldaten zu verkaufen. Zum Brauen benötigte man keinen Meisterbrief, sondern ein mit Braurecht versehenes Haus. Oft verband man das Brauen mit einem anderen Gewerbe, zum Beispiel der Bäckerei. Die Bäcker nutzten die Brauhefe zum Backen. Das Weizen- bzw. Weißbier kam erst Mitte des 17. Jahrhunderts aus der Umgebung nach Berlin, wurde aber nicht in der Stadt gebraut. Unter Mitverwendung

von Weizenmalz hergestelltes Bier ist wahrscheinlich erst um 1672 durch die ersten französischen Réfugiés eingeführt worden.„ 38 Den

Réfugiés war das deutsche Bier zu stark. Sie brauten sich ein leichtes Bier,

35 Vgl. ERMAN & RECLAM, Bd. VI, S. 143. 36 Vgl. HARNDT, S. 25/ 26. 37 C. von KERTHENY: Berlin wie es ist, Berlin 1831, S. 306. 38 H. SCHULZ- BESSE: Aus der Geschichte des Berliner Brauwesens und seiner Braumeister, Berlin 1927, S. 27.

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das sie Champagner [ sic!]

du Nord„ ( Champagner

des Nordens) nannten. 39

Dieses neue Bier löste Skepsis bei den Berliner Brauern aus. So vermuteten sie, dass das Bier „...

mit Ochsen- Galle bitter, und mit Sodt aus dem Schornstein schwartzbraun gemacht würde, ...„ 40

Den nachhaltigsten Einfluss auf die Berliner Brauereitradition hatte die Familie Landré. Das Geschäft florierte und wurde stetig vergrößert. Die Landréstraße in Berlin- Kaulsdorf erinnert noch heute an die erfolgreiche Brauerfamilie. Eine besondere Spezialität der Réfugiés war die Berliner

Weiße„. Sie ist heute

ein traditionelles Berliner Weizenbier. Bei der Herstellung werden Gersten- oder Weizenmalz nicht nur mit Hefe, sondern auch mit Milchsäurebakterien vergoren. Die Weiße„ wird mit und ohne Hefe ausgeschenkt. Üblich ist es, Waldmeister- oder Himbeersirup unterzumischen. 41

Eine weitere Besonderheit ist die Champagnerweiße„, ein gut ausgegorenes

Weißbier ohne Heferückstände. Die Champagnerflaschen, in denen das Bier früher gezogen wurde, gaben ihm seinen Namen. 42

39 Vgl. Gerhard FISCHER: Die Hugenotten in Berlin, 1988, S. 38. 40 SCHULZ- BESSE S. 28; Zitat aus: Marperger, Paul Jacob: Vollständiges Küch- und Keller- Dictionarium, 1716. 41 Vgl. Ivo LANDRÉ: Die Weißbierbrauereien der Familie Landré in Berlin, in: Hugenotten, 62. Jg., Nr. 3, 1998, S. 89. 42 Vgl. WILKE, 1988, S. 414.

Annonce in der Zeitschrift Die Französische Kolonie“

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Die Bierbrauer stellten im Nebenerwerb oft Schnaps oder Fusel her. In Brandenburg- Preußen wurde er vorwiegend aus Getreide gebrannt. Die Réfugiés kannten bereits Liköre, Lebenswasser und Branntwein. Es entstanden eigenständige Brennereien. Im Nachhinein kam oft ein Getreidehandel hinzu. Claude und George werden in verschiedenen Quellen als erfolgreichste französische Brenner genannt. 43 Sie belieferten Apotheker,

Destillateure und Aquavitmacher. 44 Diese mischten dem reinen Kornsprit

verschiedene Ingredienzen wie Anis, Wacholder oder Kümmel bei, so dass die Vielfalt der Schnäpse rasch wuchs. Der Branntweinkonsum überstieg bald den des Bieres. 45 Auch Import und Imitation von hochprozentigen Alkoholen,

wie Rum und Arrak, stiegen an. Außerdem trugen die Réfugiés bedeutend zur Verbreitung der französischen Weine in Brandenburg- Preußen bei. Bis dahin wurde in Brandenburg- Preußen wenig Wein getrunken und wenn, dann waren es Rheinweine oder die Weine aus Potsdam und Werder, die den Franzosen nicht schmeckten. So nutzten sie ihre Beziehungen in die Heimat und bauten den Weinhandel aus. Nach und nach verdrängten die französischen Importe die teureren deutschen, ungarischen und spanischen Weine. Von Frankreich gelangte der Wein über den Seeweg nach Stettin und von dort aus nach Berlin und in andere Gegenden Brandenburg- Preußens. So konnten die auf dem Landwege anfallenden Zölle umgangen werden. Der französische Apotheker Antoine Palmié gilt als der Erste, der nebenher einen Weinhandel betrieb. Das Geschäft lief gut, so dass sein Neffe die Apotheke später aufgeben konnte. 46

Neben den verschiedenen alkoholischen Getränken fanden Kaffee, Tee, Schokolade und Limonade durch die Réfugiés Verbreitung in Brandenburg- Preußen. Kaffee war als Importware sehr teuer. „Das Jahresgehalt eines

Pastors betrug damals 200- 300 Pfund Kaffee.„ 47 Dennoch gehörte Kaffee

zum Alltag, allerdings nicht in den heutigen Mengen. Die Kaffeetassen für den allmorgendlichen Schluck waren sehr klein. Manoury zitiert in seinen Ausführungen einen Brief des Arztes Formey. Dieser schreibt zu den Zeremonien rund um den Kaffee: „Indes ist der Genuß des Bieres doch weniger

allgemein als der des Kaffees. Vom vornehmen Manne bis zum Bettler trinkt alles wenigstens einmal am Tage Kaffee. Die Kinder werden von früher Jugend so daran gewöhnt, daß sich in der Folge auch der ärmste Mann

43 Vgl. Hugo RACHEL: Das Berliner Wirtschaftsleben im Zeitalter des Frühkapitalismus, Berlin 1931, S. 70 und vgl. ERMAN & RECLAM, 1786, Bd. VI, S. 72- 75. 44 Aquavit: aqua Wasser; vita Leben. 45 Vgl. MANOURY, 1966, Jg. 19, Nr. 2, S. 5/ 6. 46 Vgl. ERMAN & RECLAM, 1786, Bd. VI, S. 98- 111. 47 MANOURY, 1966, Jg. 19, Nr. 7, S. 35.

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lieber das notwendigste Lebensbedürfnis als dieses, wenn nicht schädliche, so doch ganz überflüssige Getränk versagt. / Jedoch hat der hohe Preis des Kaffees bewirkt, daß jetzt statt seiner teils allein, teils mit Kaffee vermischt die Cichorienwurzel auf dieselbe Art zubereitet und genossen wird. / Wenn sich der gemeine Mann im Winter etwas zugute tun will, so macht er sich eine recht heiße Stube und trinkt einen erbärmlichen, mit Syrup versüßten Kaffee. An diesem kleinen Feste nehmen Frau und Kinder Anteil, und es wird dazu Butterbrot im Übermaß gegessen.„ 48

Der Kaffeekonsum bot immer wieder Anlass zu Diskussionen. Zu dieser Zeit komponierte Johann Sebastian Bach seine Kaffeekantate, in der der Vater seiner Tochter unter Androhung der Ehelosigkeit den Kaffee verbietet. Karl Gottlieb Hering komponierte wenig später den Kanon C- A- F- F- EE,

trink nicht so viel Kaffee„. Beide waren, wie auch Formey, ob der

schnellen Verbreitung des Kaffees besorgt. Durch die unter Friedrich II. erhöhte Kaffeesteuer verteuerte sich der Kaffeegenuss. Aus dieser Zeit stammt die Initiative der Réfugiés, Zichorie anzubauen. Mit der gerösteten und gemahlenen Wurzel der Pflanze wurde zwar kaum Kaffeegeschmack erzeugt, aber das Wasser immerhin schwarz gefärbt. Dieser „mocca faux„ ( falscher Kaffee) fand als Muckefuck„ oder

„preußischer Kaffee„ schnelle Verbreitung, da der importierte, echte Kaffee

zu teuer war. Die Zichorienbauern verdienten sehr gut und erreichten hohe Exportraten. Eine Anekdote berichtet von einem Reisenden, der in einer Dorfgaststätte um Kaffee ohne Zichorie bat. Woraufhin der erstaunte Wirt fragte, ob er denn reines Wasser trinken wolle. 49

1793 wägt der Berliner Chronist König die gesundheitlichen Konsequenzen der neuen Getränke gegen die positiven Auswirkungen des steigenden Gemüsekonsums ab: „Nehmen wir hierzu noch die Bekanntschaften mit

Koffee, Thee, Chokolate, feine Weine, und Liqueurs, die wir zum Theil den Franzosen schuldig sind, die aber wirklich unter uns eben so viel Schaden anrichten, als der von ihnen eingeführte Gebrauch des Gartengewächses Gutes hervorgebracht hat, ...„ 50 Dennoch sind die meisten Getränke bis

heute beliebt und verbreitet. Der Minister der französischen Kirche in Halle schlug dem Großen Kurfürsten Friedrich Wilhelm I. in einem Gutachten die Anlage von Apfelplantagen vor. 51 Um die Notwendigkeit des Cidre, der hervorragend aus den

48 MANOURY, 1966, Jg. 19, Nr. 1, S. 3. 49 Vgl. ERMAN & RECLAM, 1786, Bd. VI, S. 275 ff. 50 Anton Balthasar KÖNIG: Versuch einer historischen Schilderung der Hauptveränderungen, der Religion, Sitten, Gewohnheiten, Künste, Wissenschaften etc. der Residenzstadt Berlin seit den ältesten Zeiten, bis zum Jahre 1786, 1792, Bd. II, S. 228. 51 GSPK Rep. I 92 Spanheim 3, Ende des 17. Jahrhunderts , S. 141/ 142

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ungenießbaren Früchten der Apfelbäume gewonnen werden kann, zu begründen, holt er weit aus: „Seit den Anfängen der Welt, stellen die Obstbäume

Genuß und Nahrung des Menschen und den ersten Gegenstand ihrer Neugier und Kultur da.„ 52

Monsieur Augier betont die Bequemlichkeit des Unterfangens, da die Bäume von alleine wachsen und nur wenig Pflege beanspruchen. Mit Apfelbäumen bepflanztes Land würde für den Getreideanbau nicht verloren gehen, da Getreide auch zwischen den Bäumen hervorragend gedeiht und die Erntezeiten weit auseinander liegen. So könne das Land weiterhin bebaut werden. Der Nutzen dieser Plantagen wäre also sehr vielseitig: Außerdem macht man daraus exzellente Getränke, wie Apfel- oder Birnensaft, die, wie Wein, leicht benebeln, die aber reiner und gesünder als Bier sind und die man lange lagern kann, [...] Es muß noch hinzugefügt werden, dass aus Cidre gutes Lebenswasser hergestellt werden kann. [...] Ohne zu berechnen, dass man so viel Getreide für die Bierproduktion einsparen könnte.„ 53

Der Minister war überzeugt davon, dass die angelegten Apfelplantagen ein Gewinn für das ganze Land darstellen würden. Man könnte Apfelbaumzöglinge ins Ausland verkaufen wie auch die Säfte und den Cidre. All dies bedürfe nur einer Anlaufzeit von einigen Jahren, aber ...on a rien qu‘avec du

temps et de la peine„ - „... man hat nichts ohne Zeit und Mühe„.

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Ob der Kurfürst diesem Projekt stattgegeben hat, ist allerdings nicht bekannt. Bis heute bekannt sind jedoch die Obstanbaugebiete im Havelland.

2.4 Back- und Süßwaren Die Hauptnahrungsmittel der Berliner waren Roggenbrot, Hafer- bzw. Hirsebrei. Durch die Hugenotten fand der Anbau von Weizen Verbreitung. Brot

Der gesamte Abschnitt zu den Apfelplantagen basiert auf dem poetischen Brief von P. Augier an Friedrich Wilhelm I. mit der Bitte um Unterstützung für den Anbau von Apfelbäumen.

Ezechiel Spanheim ( 1629- 1710) war Gesandter des Großen Kurfürsten in Paris und bemühte sich um die Emigration der Hugenotten nach Brandenburg- Preußen. Sein Nachlass im Geheimen Preußischen Staatsarchiv umfasst verschiedene Briefwechsel, u.a. Anträge der Réfugiés an den Großen Kurfürsten. 52 Übersetzung der Autorin aus: GSPK Rep. I 92 Spanheim 3, Anhang 8. Dés les commencement du monde Les arbres fruitiers ont fait Les delices et la nourriture des hommes et Le premier sujet de leur occupation et de leur culture.„ 53 Übersetzung der Autorin aus: GSPK Rep. I 92 Spanheim 3. Enfin on en fait des breuvages excellens tant Pommé que Poiré, qui ennyuient comme du vin, qui sont plus purs et plus sains que la Biere et que l‘on peut conserver long temps [...] Il faut encore ajouter qu‘avec du Cidre, on peut faire de bonne eau de vie. [...] Sans parler qu‘on épargneroit par La beaucoup de grain, qui se consume à faire de la Biere.„ 54 Ebd.

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spielte in der Ernährung der Franzosen schon immer eine große Rolle. Die Bäcker der Kolonie versorgten die Hugenotten mit dem leichteren französischen Brot sowie mit Weizenbrot, Milchbrot oder Zwieback. Die Bezeichnung „französisches Brot„ für Brote aus feinem, weißen Mehl war zum

Ende des 18. Jahrhunderts noch üblich. 55

Boulanger ( Bäcker) Die französischen Bäcker beschränkten sich jedoch nicht auf die Herstellung von Brot. Ein Nebenverdienst bestand im Verkauf von Pasteten, Obst-, Creme- und Spritzkuchen (Eclairs) oder Windbeuteln mit Creme, Eiern und Früchten gebacken oder in Fett erhitzt. Die süßen Leckereien waren bei den Berlinern bald sehr beliebt. Oft bereiteten die Bäckersfrauen die feinen Backwaren zu, während die Männer das Brot buken. Neue Zutaten wie die Rosine (französisch „raisin„) „raisin„) fanden fanden Eingang in die

Berliner Haushalte. 56 Der von den Réfugiés betriebene Gewürzhandel trug

zur Verbreitung von Gewürzen bei. Aus dem Gewürzhandel entwickelten sich die Drogerien. 57 Der Begriff stammt vom mittelniederdeutschen droge„

(trocken) ab und fasste die getrockneten Rohstoffe für Arzneimittel und Gewürze zusammen. 58

Aus vielen Regionen Deutschlands ist die Einführung französischer Backwaren durch die Réfugiés bekannt. Eine Spezialität der Réfugiés waren die von ihnen „galiches“ genannten genannten Waffeln. In einem langstieligen Waffeleisen

55 Vgl. ERMAN & RECLAM, 1786, Bd. VI, S. 54 ff. 56 Vgl. ERBE, 1937, S. 74. 57 Vgl. ERMAN & RECLAM, 1786, Bd. VI, S. 98- 111. 58 Vgl. Friedrich KLUGE: Etymologisches Wörterbuch, Berlin 1989, S. 156.

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wurden sie über dem offenen Feuer gebacken und mit Butter, Creme, Eiern oder Früchten serviert. In der Uckermark ist bis heute die Wofelbäckerei erhalten. 59 Es handelt

sich um einen Hefeteig „Aus sechs Pfund Mehl, Hefe, Milch und Zucker,

Fett, Eiern und Rosinen...„, der in einem speziellen Wofeleisen im Kachelofen

gebacken wird. Der Brauch wurde von den Réfugiés in die Region eingeführt und weitergegeben. Zu Sylvester wurden die Wofeln „... mit einem

Spruch als Neujahrsgruß verschenkt„. Jedoch verblasst diese Tradition,

da immer weniger Menschen in der Region einen Kachelofen haben. In Celle verkauften die Bäcker im 19. Jahrhundert ein spezielles Weißbrot, das so genannte „Franzbrod„.

60 Inzwischen hat sich dieses milchbrötchenartige

Gebäck im gesamten norddeutschen Raum ausgebreitet. Die heutigen Berliner „Schrippen„ sind sind wahrscheinlich ebenfalls aus dem länglichen,

weißen französischen Brot hervorgegangen. 61 Das typisch französische

Wort „baguette„ taucht taucht in diesem Zusammenhang nicht im Berliner Wortschatz

auf. Da sich dieses stabförmige Brot erst zur Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert in Frankreich verbreitete, konnten die Réfugiés es noch nicht kennen. Zunächst erlangten die Neuheiten Beliebtheit am Hof und fanden von dort aus Verbreitung unter der Berliner Bevölkerung. Sogar der genügsame Friedrich Wilhelm I. schätzte die feinen Backwaren der Franzosen. Er soll seinen Hofbäcker Delon in Potsdam angesiedelt haben, um auch dort seine geliebten Milchbrötchen zu bekommen. 62

Inzwischen finden sich Weißbrot, Waffeln, Windbeutel und Milchbrötchen bei den meisten Bäckern in Deutschland. Die französische Backtradition ging untrennbar in der deutschen auf.

2.5 Zuckerbäcker Der Verkauf und die Verarbeitung von Zucker wurde in Berlin von den Apothekern betrieben. 1700 bekamen sie Konkurrenz von fünf französischen Zuckerbäckerfamilien. In ihrer Heimat waren diese den Gewürzkrämern zugeordnet, da Zucker wie auch Gewürze zu den Luxusartikeln gehörten. Diese Confituriers bzw. Confisseurs übernahmen nun die Herstellung von feinen Backwaren, wie Waffeln, Obst- und Cremekuchen, aber auch Konfitüre bzw. Marmelade aus trockenen oder verflüssigten

59 Gesamter Absatz Birgit VOELSCH: Hugenotten- Brauch in Vorpommern: Die Wofelbäckerei, in: Die Ostsee- Zeitung, 28.12.1999. 60 Vgl. Andreas FLICK: Ueber das Haus No 90 an der Trift in Celle, in: Cellesche Zeitung, 17.12.1994. 61 Vgl. M. C. L. LANG: Das Modell einer Immigration Die Hugenotten in Preußen, in: BOTTA, 1971, S. 35. 62 Vgl. BOTTA, S. 119.

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Früchten. Wie schon die Apotheker fabrizierten die Confituriers Dragees und Pillen aus Zucker. Heute verkauft ein Berliner Konditor die „Berliner

Murmeln„, die nach einem hugenottischen Rezept aus Zucker und Kräuterextrakten

hergestellt werden. 63

Der Konditor wirbt mit folgendem Text: ‘Berliner Murmeln’, Diese süsse

Köstlichkeit wurde vermutlich im 17. Jahrhundert von französischen Zucker- bäckern in Berlin geschaffen. Noch heute erinnern die Berliner Murmeln an diese französische Zeit und an die freundliche Aufnahme, die die Hugenotten durch den Grossen Kurfürsten und die Berliner erfuhren.„ 64

Unbekannt war den Berlinern das Speiseeis. Die Réfugiés rührten es aus Sahne und Früchten an. Erman & Reclam irrten, als sie ihm in dem kalten Klima Brandenburg- Preußens keine Überlebenschancen ausrechneten. 65

63 Vgl. Dose. 64 Berliner Murmeln. Hergestellt von Michael Becker, Gustav Müller Str. 46, 10829 Berlin. 65 Gesamter Absatz vgl. ERMAN & RECLAM, Bd. VI, S. 66 ff.

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Jean Privat, Anführer der elf Flüchtlingskinder mit Erläuterungen zur Offenbacher Privat-Linie

von Alfred Kehrer Die mündlichen Überlieferungen zur Emigration von elf Kindern der Familie Privat aus Südfrankreich liegen in schriftlicher Form vor (E.C. Privat: Hugenottisches Leben. Bilder aus der Friedrichsdorfer Chronik, Friedrichsdorf 1980). Sie sollen mit dieser Niederschrift durch neuere Erkenntnisse ergänzt und erweitert werden, die mir aus Kirchenbüchern der Offenbacher Französisch- Reformierten Gemeinde sowie durch das dortige Stadtarchiv zuflossen. In der bekannten Überlieferung heißt es, dass die Mutter besagter elf Kinder von Dragonern getötet wurde, da sie das Versteck ihres Gatten nicht preisgab. Dennoch fanden ihn die Häscher und er endete im Turm. Die elf Kinder verließen unter Anführung des 16- jährigen Jean ihre Heimat und erreichten nach vier Monaten Frankfurt. Da hier keiner ihre Sprache verstand, holte man einen sprachkundigen Pfarrer aus Offenbach. Dieser hörte sich tief bewegt ihre Geschichte an und nahm die beiden Ältesten, die Buben Jean und Anthoine, mit nach Offenbach. Die neun Mädchen, deren jüngstes noch keine zwei Jahre alt war, fanden Aufnahme bei barmherzigen Frankfurter Familien. Zu dieser bekannten Darstellung nun die im Herbst 1998 aufgespürten Fakten:

Die Eltern der elf Kinder waren André Privat und Marie Soustanne aus St. Estèphe im Languedoc. Ihr ältester Sohn hieß nicht Abraham, sondern Jean und kam dort 1680 zur Welt. Laut mündlicher Überlieferung war er bei der Flucht 16 Jahre alt, folglich muss die Familie 1696 auseinandergerissen worden sein, und im Herbst des gleichen Jahres dürften die elf Kinder Frankfurt erreicht haben. Im Frankfurter Stadtarchiv war dazu nichts herauszufinden. Da die Kinder vom Alter her keine juristischen Personen waren, habe man in dieser Zeit keine entsprechenden Eintragungen vorgenommen.

Der zuvor erwähnte Pfarrer war Offenbachs erster Pfarrer und Hofprediger Konrad Bröske, der dort von 1686 bis zu seinem Tod im Jahre 1713 wirkte. Er sprach nachweislich mehrere Sprachen, so auch Französisch. Sein Vater Hermann Bröske stammte aus Balhorn. Pfarrer Bröske war verheiratet mit der Adligen Luise von Eisenberg, welche am 17.11.1739 in Offenbach starb. Es gibt viele Hinweise auf ihn, da er ein sehr gelehrter und rühriger Mann war. Der Fürst versah ihn häufig mit einem Reiseauftrag, so u.a. zu einer

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Kollektenreise nach England. Das damals für Offenbach eingesammelte Geld diente als Grundstock zum Bau einer Lateinschule. Dieser bemerkenswerte Pfarrer sorgte dafür, dass die Brüder Jean und der 14- jährige Anthoine Privat Geräte für ihr erlerntes Handwerk, der Strumpfwirkerei, bauen konnten und brachte sie wahrscheinlich bei einer Familie Vielles unter. Anthoine fand später in Friedrichsdorf seine Heimat und war einer meiner Vorfahren, Jean hingegen heiratete am 6.10.1709 die Witwe Jeanne Vielles/Borguet, deren Mann im April 1708 gestorben war, obwohl diese, 1663 geboren, 17 Jahre älter war und ihm mit 46 Jahren keine Kinder mehr schenken konnte. Es war wohl eine Heirat aus Dankbarkeit für die Aufnahme. Jeanne Borguet- Privat, die aus der Provinz Cevennes stammte, starb am 20.7.1728 in Offenbach im Alter von 65 Jahren. Zu ihrer Eheschließung blieb folgender Eintrag erhalten im Livre des marriages ( Register der Eheschließungen):

„Am Sonntag, den 6. Oktober 1709, nach Veröffentlichung des Aufgebots ohne Einspruch an drei aufeinanderfolgenden Sonntagen und der übrigen ordnungsgemäßen Bestimmungen wurde während meiner Reise nach Holland öffentlich gesegnet durch Herrn Jordan, Pfarrer in Homburg, die Ehe von Jean Privat, Strumpfwarenweber und der Jeanne Borguet, Witwe des verstorbenen Herrn Jean Vielles, Strumpfwarenherstellermeister, sowie eines meiner Ältesten, alle dieser Kirche angehörig. Le Fevre, Pfarrer und Arzt“ *

Offenbach war seit 1685 Residenzstadt, hatte aber 1699 nur rund 600 Einwohner, in der Hauptsache Fischer und Bauern. Graf Johann Philipp zu Ysenburg und Büdingen verfügte die Einbürgerung von hugenottischen Flüchtlingen, so dass sich die Einwohnerzahl schnell um 120 erhöhte. Sie brachten gute handwerkliche Fähigkeiten mit, die dem alten, schon 977 urkundlich erwähnten Flecken eine deutliche Belebung und Wohlstand brachten. Die Hugenotten gründeten 1699 eine französisch- reformierte Gemeinde, die heute noch lebt und im vorletzten Jahr das 300- jährige Bestehen feierte.

* „Le Dimanche 6 e Jour du moi d´octobre 1709, après la publication des bans faitte sans

opposition par trois dimanches consécutivs et les autres formalités ordinaires a esté publiquement beni pendant mon voyage de Hollande par M. Jordan Pasteur de Hombourg, le marriage de Jean Privat Fabriquant de bas au metier, et de Jeanne Borguet, veuve de feu se Jean Vielles, M re manufacteur de bas, et l´un de mes ancien, tous membres de cette église. Le Fevre, Pasteur et Docteur“

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Vermutlich war Jean Privat nicht bei den Gründervätern, denn er hielt wohl lange seinem Gönner, Pfarrer Bröske, die Treue in dessen Landeskirche. Dann aber taucht er in den Kirchenbüchern der Französisch- Reformierten auf als Ältester, bzw. Presbyter, und zwar von 1711- 1717, 1725- 1728, 1732- 1738 und 1742 bis zu seinem Tod in 1760. Ganz sicher war er im Kirchenvorstand der Hugenottengemeinde bei den Planern, Finanzierern und Bauausführern der 1716/ 17 entstandenen kleinen Hugenottenkirche in Offenbach, die heute samt dem Pfarr- und Gemeindehaus in der Herrnstraße 66 unter Denkmalschutz stehen. Jean Privat wird als Strumpffabrikant bezeichnet und dürfte im Laufe der Jahre zu Wohlstand gelangt sein. Leider fand ich keine Hinweise auf Kontakte zu seinen zehn Geschwistern. In zweiter Ehe heiratete er am 8.3.1736 die 1713 geborene Renée Pomarede, deren Eltern aus der Provinz Dauphiné stammten. Von ihr hatte er vier Söhne und vier Töchter. Bevor jedoch ihr erstes Kind, ein Mädchen, am 21.2.1737 zur Weit kam, machte Renées Mutter, die Witwe Melle Magdelaine Pomarede, geborene Giraud, der neuen Kirche eine Schenkung in Form zweier Abendmahlskelche (siehe Foto). Am Sockel der beiden Kelche findet sich folgende Eingravierung: Magdelaine Pomerede- Giraud,

1736 In der vom „ancien" Jean Privat verfassten französischsprachigen Schenkungsurkunde lautet es übersetzt:

Jean Privat Dienstag, 6. Dezember 1736 Die Konsistoriumsgesellschaft, Versammlung für den Besitz und die Angelegenheiten der Kirche, der Erneuerung im Namen Gottes werden diese beiden vergoldeten Silberkelche von Melle Magdelaine, Witwe Pomarede, geborene Giraud, nächsten Sonntag unserer Kirche übergeben, um daraus das Heilige Abendmahl zu geben. Man soll sie weder verpfänden, noch verkaufen, noch austauschen.

Abendmahlskelche der Französisch- Reformierten Gemeinde Offenbach.

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Die Gesellschaft beschließt und führt dieses durch: Am gleichen Tag bedankt man sich persönlich, und heute beschließt man, die beiden Kelche in einem Koffer zu verstauen und sie künftig darin aufzubewahren. Nach der Wohltäterin Wünschen sollen sie nach dem Gebet übergeben werden. Jacques Berard, Pasteur Paul Conturiet, ancien Gilles André, ancien

Alexandre Piclat, ancien Jean Privat, ancien André Ponet, ancien“ Man darf vermuten, dass zwischen Mutter und Tochter eine sehr enge Beziehung bestand, aber auch zum Schwiegersohn Jean Privat. Sie lebten alle tief verwurzelt in ihrem hugenottischen Glauben und ihrer Tradition. Was bewog Magdelaine zu dieser hochherzigen Schenkung? War es übergroße Freude in Erwartung des ersten Enkelkindes? War es Dankbarkeit für Familienglück? Möglicherweise lebte die Witwe mit im Privat- Haus. War es ein Bittgeschenk, Gott möge die schwangere Tochter beschützen? Oder diente sie als Aufbauhilfe für die junge Gemeinde? Renée Privat brachte ihre Erstgeborene am 21.2.1737 zur Welt und gab ihr den Vornamen der Mutter Magdelaine Josephine Privat. Renée Privat starb am 17.7.1756 in Offenbach und Jean Privat folgte ihr am 7.2.1760 im Alter von 80 Jahren. Sein Bruder Anthoine in Friedrichsdorf wurde ebenfalls 80 Jahre alt.

Als 1974 einer der beiden Kelche zu Boden fiel, gab man ihn zwecks Reparatur in die Hände eines Juweliers, welcher kurz darauf in Konkurs ging und den Kelch verschwinden ließ. 1981 tauchte er bei einem Wiesbadener Auktionshaus auf, welches die Französisch- Reformierte Gemeinde in Offenbach telefonisch verständigte. Heute befindet sich der Kelch wieder im Besitz der Kirchengemeinde.

Gerne hätten wir etwas zum Schicksal der neun Mädchen erfahren. Da das Frankfurter Stadtarchiv nicht weiterhelfen konnte, wurde mit der Französisch- Reformierten Gemeinde Frankfurt Verbindung aufgenommen. Denn nur dort bestand noch Aussicht auf erfolgreiche Recherchen. Da jedoch deren Kirchenbücher aus jener Zeit im 2. Weltkrieg bei einem Bombenangriff auf Frankfurt verbrannt sind, muss dieses Kapitel wohl geschlossen werden.

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Neue Bücher und Aufsätze Die mit einem * versehenen Titel sind in der Bibliothek in Bad Karlshafen vorhanden bzw. werden angeschafft. Nicht aufgenommen wurden - von Ausnahmen abgesehen - Aufsätze aus genuin hugenottischen Zeitschriften. Für die Bücher ohne Stern werden noch Sponsoren gesucht. Bitte teilen Sie alle Neuerscheinungen (Bücher u. Aufsätze) dem Schriftleiter von HUGENOTTEN mit.

*De Michelis, Cesare G.: Il valdismo e le terre russe ( secc. XIV-XVI), in: Revue de

l’histoire des religions 217, Heft 1, 2000, S. 139-154. * Deyon, Pierre et Solange: Henri de Rohan huguenot de plume et d’épée 1579-

1638. Préface de Pierre Goubert, Paris 2000. *Fabre, Rémi: Les protestants en France depuis 1789, Paris 1999.

*Felix, Fred W.: Die Auswanderung der Protestanten aus dem Fürstentum Orange

1703 und 1711-13, Geschichtsblätter der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft e. e. V., Bd. 33, Bad Karlshafen 2000. ( Das Buch erschien auch als Publikation der Schweizerischen Gesellschaft für Hugenottengeschichte Bd. 6, Genf 2000.) * Flick, Andreas: Huguenots in the Electorate of Hanover and their British links, in:

Proceedings of the Huguenot Society of Great Britain and Ireland, Vol XXVII No 3, 2000, S. 335-350. * Fritzsche, Hans: Zur Familiengeschichte von Charles Hector, Marquis de Marsay

( 1688-1753), in: Monatshefte für Evangelische Kirchengeschichte des Rheinlandes 47./ 48. Jahrgang, 1998/ 1999, S. 528-533 [ Marsay stammte aus der Landschaft Aunis im Poitou]. *Galluel-Guillard, André: Les Vaudois du Piémont entre la répression et la tolérance,

in: Foi et Vie 97, 1998, S. 25-41. * Gamonnet, Étienne: Pierre Durand, restaurateur du protestantisme en Vivarais:

lettres et écrits, Bez-et Esparon 1999. *Giacone, Franco: Les Tragiques d’Agrippa d’Aubigné et les vaudois, in: Revue de

l’histoire des religions 217, Heft 1, 2000, S. 179-196. *Gilmont, Jean-François: Les Les vaudois: sources et méthodes, in: Revue de

l’histoire des religions 217, Heft 1, 2000, S. 9-20. * Girardin, Albert: Die Helleringer Kirche, in: Association pour la Sauvegarde et

l’Utilisation du Temple Réformée de Sarre-Union, Bulletin 1999, S. 35-38 [ [ Bisher unveröffentlichter Vortrag aus dem Nachlass von Herrn Girardin]. * Guthmüller, Bodo: Henri IV als französischer Perseus. Zur mythologischen Re-

präsentation fürstlicher Macht in der Renaissance, in: Wolfenbütteler Renaissance- Mitteilungen 23, 1999, S. 53-65. *Heimann, Heinz-Dieter: Brandenburger Brandenburger Toleranz zwischen Anspruch, Mythos und

Dementi. Historisch-politische Annäherungen an das Edikt von Potsdam“,

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in: Zeitschrift für Religions- und Geistesgeschichte 52, Heft 2, 2000, S. 115- 125. *Hubler, Lucienne; Candaux, Jean-Daniel et Chalamet, Christophe: L’Édit de

Nantes Revisité. Actes de la journée d’étude de Waldegg (30 octobre 1998), Publikationen der Schweizerischen Gesellschaft für Hugenottengeschichte, Band 5, Genève 2000. *Kiefner, Theo: Die Waldenser auf ihrem Weg aus dem Val Cluson durch die

Schweiz nach Deutschland 1532-1820/ 30. Bd. 5: Die Ortssippenbücher der deutschen Waldenserkolonien, Teile 1,4 und 5,8: Arheiligen/ Darmstadt und Neuhengstett Teile 3,1 und 5,10: Waldensberg und Nordhausen Teil 5,5: Pinache und Serres. Calw 2000. [ Zu beziehen bei dem Verfasser: Lehengasse 5, 75365 Calw- Altburg]

Buchbesprechung Sievers, Hans- Jürgen (Hrsg.): In der Mitte der Stadt. Die Evangelischreformierte Kirche zu Leipzig von der Einwanderung der Hugenotten bis zur Friedlichen Revolution. Evangelische Verlagsanstalt Leipzig 2000, 208 S. m. Abb., 29,80 DM. ISBN 3- 374- 01811- 4. Deus det incrementum (Gott gebe Wachstum) schrieben in der sächsischen Handels- und Messestadt Leipzig die dorthin geflüchteten Hugenotten in ihr Gemeindesiegel, nachdem sie 1700 eine Kirchgemeinde gegründet hatten. In dem anlässlich des 300- jährigen Gemeindejubiläums herausgegebenen Buch kann man nachlesen, dass dieser Wunsch reichlich in Erfüllung ging. Aber nicht nur in der Kirchgemeinde wirkten die Männer und Frauen der ersten Jahre, deren Nachkommen und die anderen Reformierten, sondern auch in der Stadtgemeinde hinterließen sie deutliche Spuren. Insbesondere die Gemeindeglieder, die als Kaufleute und Verlagsinhaber tätig waren, sind durch ihre berufliche Tätigkeit weit über die Grenzen der Stadt bekannt geworden. In 13 Beiträgen, zumeist von ausgewiesenen Historikern oder Wissenschaftlern anderer Fachgebiete, werden anhand ausgiebigen und dokumentierten Quellenstudiums die religiösen, kulturellen, wirtschaftlichen und zeithistorischen Impulse geschildert, die von den Reformierten Leipzigs ausgingen. Bei den Kaufmannsfamilien wird ausgiebig das über fünf Generationen bedeutsame Wirken der Dynastie der Dufour beschrieben. Dass Leipzig ab dem 19. Jahrhundert das Mekka für den deutschen Buchhandel und das Verlagswesen war, ist weitgehend den Reformierten dieser Stadt zu danken. Dafür stehen solche Namen wie Anton Philipp Reclam, Karl Reimer, Salomon Hirzel, Friedrich Volckmar, Jean Jacques Weber, Fritz

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Baedeker, die alle auch engagierte Gemeindeglieder waren. Eigene Artikel sind gewidmet dem ersten reformierten Mitglied des Leipziger Rates Friedrich Anton Pfannenberg, dem Leipziger Ehrenbürger, Geschäftsmann und Mäzen Carl Lampe, der Bindung des Komponisten Felix Mendelssohn- Bartholdy an die reformierte Gemeinde, der Frauenrechtlerin Käthe Windscheid und dem Prediger Georg Joachim Zollikofer als Aufklärer, Volkslehrer, Übersetzer und kultureller Vermittler. Detailliert werden beschrieben das Amtshaus, das 200 Jahre Heimat der Gemeinde war, und die Kirche am Tröndlinring, die 1899 errichtet wurde. Beschrieben werden weiter die diakonische Arbeit in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg und das couragierte Auftreten der Gemeinde und ihrer Pfarrer im Herbst 1989, als es um fundamentale Veränderungen in der DDR ging. Kurzbiografien aller bislang tätigen Pfarrer, eine Aufstellung der Konsistoriumsmitglieder seit 1900 und der Gemeindehäupter der Jahre 1900 und 2000 schließen sich an. Den Abschluss bilden ein ausführliches Verzeichnis über Unterlagen zur Gemeinde in allen wichtigen Archiven, die Nennung der für die Gemeinde wichtigen sächsischen Bekanntmachungen und Verordnungen, ein Literaturverzeichnis und ein Personenregister. Somit kann man sich anhand vieler Beispiele ein gutes Bild davon machen, dass die Gemeinde nicht nur seit jeher „in der Mitte der Stadt“ angesiedelt ist, sondern dass sie auch stets durch ihre Gemeindeglieder in der Mitte des Geschehens stand. Dabei diente den Männern und Frauen auch ihr reformierter Glaube als Antrieb für ihr Handeln. „Suchet der Stadt Bestes“, diese Worte des Propheten Jeremia sind in Leipzig deutlich sichtbar in die Tat umgesetzt worden. Das allgemein verständlich dargelegt zu haben, ist das Verdienst der Autoren. Das Buch ist mit Gewinn zu lesen und durch die Archivangaben ein gutes Hilfsmittel für weitere Forschungen. Es ist sehr gut gestaltet, es wird seine Leser finden. Mit der Veröffentlichung ist, was auch beabsichtigt war, keine aktualisierte Gemeindegeschichte entstanden. Dennoch hätte es der Rezensent begrüßt, wenn wenigstens ein Artikel das Verhältnis Staat Kirche in der

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ehemaligen sowjetischen Besatzungszone bzw. DDR in dem Zeitraum 1945- 1989 beleuchtet hätte. Die Kirchgemeinden und ihre Gemeindeglieder waren ja gleich nach 1945 dem Würgegriff des atheistischen Systems ausgesetzt. Die Gemeinden hatten den weitgehenden Verlust ihrer ehemals sie tragenden Schichten zu beklagen, die gedemütigt und deren Existenzgrundlage häufig vernichtet wurden. Dennoch stellten sie ihr hugenottisches resister (widerstehen) dagegen. Aber noch gibt es die Erlebnisgeneration,

die z. T. heute noch an den Konsequenzen aus dieser Zeit zu tragen hat und die den sich breit machenden Verharmlosungen entgegentreten kann. Falls sich dann in 100 Jahren ein Historiker an die Bearbeitung dieser Zeitperiode heranwagt, könnte er nicht nur in der Sache gefiltertes Archivgut, sondern auch authentische zeitgenössische Erinnerungen zur Verfügung haben. Nur müsste man sich recht bald dieser Zeit der „unangepassten Angepasstheit“ Angepasstheit“ annehmen. Wäre das nicht eine mögliche Aufgabe für das Leipziger Historische Seminar oder findet die Gemeinde selbst noch nach den beiden großen Jubiläen die Kraft dazu? Nicht zufrieden ist der Rezensent mit dem Literaturverzeichnis. Unerwähnt sind die zahlreichen Beiträge zur Leipziger Gemeinde in FRIEDE UND FREIHEIT, dem Monatsblatt der evangelisch- reformierten Kirche in Sachsen, die der Herausgeber mehrere Jahre liebevoll betreute, ebenso die jahrelange Existenz eigener Gemeindebriefe. Auch manch andere Veröffentlichung zum Thema fehlt. Nicht aufgenommen ist die im Text mehrfach zitierte wichtige Arbeit von Hohlfeldt „Geschichte der Evangelisch- reformierten Gemeinde zu Leipzig 1700- 1950“, die in der Gemeinde in Maschinenschrift vorliegt. Zu den Themen Kaufleute“ und Zollikofer“ hätte man deutlicher bzw. überhaupt betonen sollen, dass diese vergnüglich in dem Buch Middell: Hugenotten in Leipzig’ behandelt sind. Unerwähnt ist, dass die wichtigsten Dokumente zu Leipzig (S. 185) im Originaltext leicht zugänglich in aktueller Literatur abgedruckt sind. Im Text ist der Bezug zu diesen nicht immer richtig angegeben, der Auszug auf S. 41 ist fehlerbehaftet. Aufgefallen ist auch, dass die handschriftliche französische Chronik zur Gemeindegeschichte aus dem Jahre 1804, die ebenfalls im Literaturverzeichnis fehlt, in Teilen zweimal übersetzt ist. Dabei ist die von Middell die einfühlsamere und genauere. Auf wenige kleine Flüchtigkeitsfehler bzw. Ungenauigkeiten soll hier nicht eingegangen werden. Der nicht belegten beiläufigen Erwähnung einer Hugenottenkolonie in der Herrschaft Hoyerswerda (S. 107) muss aber widersprochen werden. Für dieses Gebiet der Oberlausitz, in der fraglichen Zeit 1635- 1815 bei Sachsen, ist dieser Sachverhalt weder in der Spezial- noch in der Regionalliteratur erwähnt. Eberhard Gresch

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Buchvorstellung Fred W. Felix: Die Ausweisung der Protestanten aus dem Fürstentum Orange 1703 und 1711- 13 (Geschichtsblätter der Deutschen Hugenotten- Gesellschaft e.V., Bd. 33), Bad Karlshafen 2000, 164 Seiten, ISBN 3- 930481- 13- 8, 34,80 DM *

Ein wenig beachtetes Kapitel der Hugenottengeschichte beleuchtet Fred W. Felix in diesem Ende 2000 erschienenen Buch. Im südfranzösischen Fürstentum Orange hatte die Reformation früh ihren Einzug gehalten und lange waren beide christlichen Konfessionen durch die Prinzen von Orange- Nassau gleichberechtigt anerkannt. Im Spanischen Erbfolgekrieg von 1701 bis 1713 verlor Orange jedoch seine Souveränität, und 1703 erließ Ludwig XIV. auch dort ein Verbot der protestantischen Kirche. Alle, die ihren reformierten Glauben trotzdem bewahren wollten, mussten ihre Heimat und das Königreich Frankreich verlassen, versehen mit einem sicheren Pass, der ihnen wenigstens eine lebensgefährliche Flucht ersparte. In diesem Buch wird anhand vieler Quellen dargestellt, wie trotz der Kleinheit dieses Fürstentums die Fäden der europäischen Diplomatie nach Versailles, London, Den Haag, Turin und Berlin liefen und das Schicksal dieser ausgewiesenen Orangeois bestimmten, bis viele von ihnen nach einem vorläufigen Aufenthalt in Genf oder in der Schweiz ihr Ziel in Brandenburg- Preußen gefunden hatten. Von großem Wert für Genealogen sind die in dem Buch abgedruckten Namenslisten der Orangeois, die aus Basel ausgereist sind, sowie derjenigen, die im Juli 1704 in den evangelischen Kantonen und in Genf zurückgeblieben sind.

* Bei Direktbestellungen bei der Deutschen Hugenotten- Gesellschaft erhalten Mitglieder bis

zum 31. Mai 2001 25% Rabatt, danach 10%.

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Der Verfasser, Fred W. Felix, ist Mitglied der Deutschen Hugenotten- Gesellschaft. Er wurde 1927 in Zürich geboren, beendete 1985 eine langjährige naturwissenschaftliche Tätigkeit in Schweden und Berlin als außerplanmäßiger Professor für Kernchemie und widmete sich nach der Rückkehr nach Zürich der Erforschung seiner Vorfahren aus Orange, aus der sich schließlich die vorliegende Arbeit entwickelte.

Wichtiger Hinweis zu den Geschichtsblättern der Deutschen Hugenotten- Gesellschaft Infolge der zurückgehenden Zahl an Abonnenten der Geschichtsblätter hat der Vorstand beschlossen, ein neues Rabattsystem einzuführen. Vom 1. Juni 2001 an erhalten Abonnenten 25% Rabatt, Mitglieder der

DHG erhalten 10% Rabatt.

Silberarbeit für das Deutsche Hugenotten-Museum in in Bad Karlshafen

von Jochen Desel Eine wertvolle Bereicherung für die Sammlung hugenottischer Gold- und Silberschmiedearbeiten im Deutschen Hugenotten- Museum in Bad Karlshafen ist ein silbernes Salzgefäß, das im Jahr 2000 von der Deutschen Hugenotten- Gesellschaft erworben werden konnte (siehe Titelbild). Es handelt sich um eine Arbeit des Berliner Meisters George Fréderic Fournier, der ca. 1773/ 74 in Berlin geboren wurde und dort am 1. Juni 1832 59- jährig starb. Fournier entstammte einer hugenottischen Goldschmiedefamilie in der preußischen Hauptstadt und war zunächst als Silberarbeiter und Graveur tätig. Am 14. Oktober 1805 wurde er Berliner Amtsmeister. Sein Meisterstück war eine Teemaschine. Als junger Meister heiratete er 1794 Juliane Eleonore Peters, mit der er vier Töchter hatte. Die Ehefrau starb am 1. Oktober 1832, wenige Wochen nach dem Tod ihres Mannes. Das Salzgefäß aus getriebenem Silber, das von einem Vorbesitzer mit den Initialen R.B. stammt, ist halbkugelig geformt. Ein dreibeiniger Blumenvasenständer mit Rosen im Stil des frühen 19. Jahrhunderts trägt das Salzschälchen, das innen vergoldet ist. Der Schaft in der Mitte unter dem Schälchen wird von einer Schlange umringt. Der Buchstabe F für Fournier und die Berliner Stadtmarke kennzeichnen die reizende Silberarbeit als das Werk eines hugenottischen Meisters.

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Spendenaufruf der Association Abraham Mazel von Eckart Birnstiel Ein Zusammenschluss von Protestanten aus den Cevennen hat 1995 das vom Verfall bedrohte Geburtshaus von Abraham Mazel in Falguières in der Nähe von Saint- Jean- du- Gard angekauft. Mazel war einer der berühmtesten Führer der Kamisarden während des großen Aufstandes in den Cevennen ( 1702- 1704). Er wurde 1710 von den königlichen Truppen gefaßt und getötet.

Die Association Abraham Mazel - ein als gemeinnützig anerkannter

Verein - plant, dieses Haus zu einer internationalen Begegnungsstätte auszubauen. Es wird eine Bibliothek bekommen, deren Arbeitsplätze mit Computer- und Internet- Anschlüssen versehen sind. Der Vortragssaal, mehrere Seminar- und Gemeinschaftsräume sowie die zwei Gästeappartements werden allen an der Geschichte und Gegenwart der Cevennen interessierten Gruppen und Einzelpersonen zur Verfügung stehen. Der denkmalspflegerisch betreute Wiederaufbau des Hauses wird in drei Abschnitten vorgenommen, von denen der erste - Sicherung der Substanz des aus dem 15. Jahrhundert stammenden Altbaus, Erneuerung der Dachstühle samt Eindeckung, Ersatz sämtlicher Fenster und Türen, Einbau von

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Sanitär- und Heizungsanlagen - kurz vor der Vollendung steht. Die weiteren Bauabschnitte, die bis Ende des Jahres 2004 bewältigt sein sollen, betreffen ein neues Nebengebäude sowie die Wiederherstellung der ursprünglichen Terrassierung des zum Hause gehörenden Geländes, dessen für die Cevennen typischen Stützmauern aus Bruchstein zur Zeit freigelegt und ausgebessert werden. Hier soll ein weitläufiger Park mit einem botanischen Lehrpfad entstehen, der über die traditionelle Kultur der in dieser Gegend beheimateten Pflanzen - vor allem der Kastanie - Auskunft gibt. Trotz der großzügigen Unterstützung seitens der Regierungsstellen der Region und einiger lokaler Handwerksbetriebe, die kostenlos Arbeitskraft, Maschinen und Baumaterialien zur Verfügung stellen, fehlen dem Verein, der bereits über 1,2 Millionen Francs in das Gebäude investiert hat, gegenwärtig rund 60.000 Francs, also weniger als 20.000 Mark, um die zweite Bauphase einzuleiten. Daher wendet er sich mit der Bitte an die deutschen Hugenottennachkommen, deren Vorfahren nicht selten aus den Cevennen kamen, sich an der Renovierung dieses einzigartigen Hauses und seines etwa sieben Hektar großen Geländes zu beteiligen. Sie können einen in DM ausgestellten Euro- Scheck in beliebiger Höhe an folgende Adresse schicken und bekommen umgehend eine steuerabzugsfähige Spendenquittung zugestellt: Association Abraham Mazel, 1, rue du Maréchal de Thoiras, F- 30270 SAINT- JEAN- DU- GARD

Sollten Sie einmal in die Cevennen kommen, laden wir Sie herzlich dazu ein, die Maison Abraham Mazel zu besuchen und sich über den Fortschritt der Arbeiten - und damit die Verwendung Ihrer Spende - zu informieren. Weitere Auskünfte erteilt Ihnen Professor Dr. Eckart Birnstiel, 9 rue St- Antoine- du- T, F- 31000 TOULOUSE.

Kurzmeldungen Studienreise auf den Spuren der Waldenser und Hugenotten: In der Zeit vom

22. bis 30. Juni 2001 bieten die Waldenserfreunde Gottstreu/ Gewissenruh in Kooperation mit dem Evangelischen Kirchenkreis Hofgeismar eine Studienreise auf den Spuren der Waldenser und Hugenotten an. Die Reiseleitung übernimmt Thomas Ende aus Reinhardshagen. Zusteigemöglichkeiten bestehen auch im Raum Marburg sowie in Südhessen und Baden-Württemberg. Die Reisegruppe wird im Gästehaus der Waldenserkirche in Torre Pellice/Piemont wohnen. Von dort werden Ausflüge in die Umgebung unternommen. Auf dem Programm steht auch eine Tagesfahrt in die Französischen Hochalpen mit Aufenthalten in Briançon und Vars. Das ausführliche Programm kann unverbindlich bei der Reiseleitung angefordert

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werden: Thomas Ende, Eduard-Stremme-Str. 10, 34359 Reinhardshagen, Tel. 05544/ 7096 ( nach 17 Uhr).

Gottstreuer Waldensermuseum: Eine besondere Aufwertung erfuhr das

Gottstreuer Waldensermuseum im Oktober 2000. Das Vorstandsmitglied der Deutschen Hugenotten-Gesellschaft, Pfarrer i.R. Dr. Theo Kiefner ( rechts auf dem Foto neben Thomas Ende), stellte dem Verein für Waldenserfreunde seine umfangreiche Ausstellung zum Thema Die Waldenser zwischen alter und neuer Heimat“ dauerhaft zur Verfügung. Nachdem die 1985 konzipierte Dokumentation bereits im Umfeld zahlreicher deutscher Waldensersiedlungen sowie im Ausland gezeigt werden konnte, hat sie jetzt einen endgültigen Standort an der Oberweser gefunden (Telefon für Museumsführungen 05544/ 7096).

3. Emder Tagung zur Geschichte des Reformierten Protestantismus. Dieses

Treffen findet vom 18. bis 20. März 2001 in der Johannes a Lasco Bibliothek Emden statt. Information: JaL-Bibliothek, Kirchstraße 22, 26721 Emden oder www. ref-kirchengeschichte. de.

Israelfahrt: Das DHG-Mitglied, Pastor Dr. Marius Lange van Ravenswaay (Evangelisch-

reformierte Kirchengemeinde Neermoorpolder), bietet vom 29.09 bis 13.10. 2001 eine 15-Tage-Rundreise durch Israel und den Sinai an. Info: Tel. 04954- 5388.

Hugenottentag 2001 in Neu- Isenburg Der 42. Deutsche Hugenottentag findet vom 19. bis 21. Oktober 2001 statt.

Das genaue Programm sowie die Anmeldungsformulare finden Sie in der Ausgabe 2/ 2001 von HUGENOTTEN.

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1P 21546 F Deutsches Hugenotten Zentrum Hafenplatz 9a - 34385 Bad Karlshafen. Geschäftsstelle: Hannelore Austermühle. Telefon: 05672- 1433. FAX 05672- 925072. Hier befinden sich: Geschäftsstelle der Deutschen

Hugenotten- Gesellschaft, Bibliothek und Archiv, Genealogische Forschungsstelle und das Deutsches Hugenotten- Museum.

Vorstand: Präsident: Andreas Flick, Hannoversche Str. 61, 29221 Celle, Tel.:

05141/25540, Fax: 05141/907109, E- mail: Refce@t- online. de; Vizepräsident: Jochen Desel, Präsident, Otto- Hahn- Str. 12, 34369 Hofgeismar, Telefon und Fax: 05671/6747, E- mail: J. Desel@ t- online. de Konto: Deutsche Hugenotten- Gesellschaft e.V. Bad Karlshafen. Kasseler

Sparkasse BLZ: 520 503 53 Kontonummer: 118 060 521 Bibliothek:

Genealogie: Leiter: Erich Wenneker, privat: Kirchtor 3A, 31061 Alfeld. Telefon: 05181/4918 Fax 05181/827949, E- mail: Wenneker@ t- online. de Archiv, Forschungsstelle Dokumentation usw. Sachgebiet Hugenotten:

DHG, Hafenplatz 9a, 34385 Bad Karlshafen. Sachgebiet Waldenser:

Dr. Theo Kiefner, privat: Lehengasse 5, 75365 Calw 6, Telefon: 07051/51085 Museum: Museum: Andrea Emmel, Tel. 05672- 1410; E- mail: AndreaEmmel@ aol. de

Öffnungszeiten Di- Sa 10.00 Uhr bis 12.00 Uhr 14.00 Uhr bis 18.00 Uhr So. 11.00 Uhr bis 18.00 Uhr Geschlossen vom 31.12 bis 16.02. Führungen auf Voranmeldung auch außer der Öffnungszeiten möglich. Hugenotten Info- Büro: Renate Hoeck, Ketzerbach 37, 35037 Marburg, Tel. und Fax: 06421-

617297.

Der Vorstand der DHG wünscht allen Mitgliedern ein gesegnetes Jahr 2001!