6. Einige theologische Akzente

Calvins Theologie ist facettenreich und gründlich; Calvins Institutio (die endgültige Fassung entstammt dem Jahre 1559) ist die erste umfassende evangelische Dogmatik. In ihr findet die reformatorische Erneuerung ihre Durchdringung in der Auseinandersetzung mit der scholastischen Tradition und in stetem Gespräch mit der ganzen Schrift Alten und Neuen Testaments.
Zwei zusammenhängende Pole kennzeichnen Calvins Denken, wie es in der Institutio deutlich wird. Es ist dies einmal die Betonung der Herrlichkeit, der Größe und der Allmacht Gottes, die sich in Jesus Christus zu erkennen gibt. Und der zweite Akzent, dem ersten nicht untergeordnet, hat das Heil des Menschen zum Thema. Hier zeigt sich Calvin als (eigenständiger!) Schüler Martin Luthers. Beides, Gottes Herrlichkeit und die Rettung des Menschen, gehören zusammen, Gottes Herrlichkeit zeigt sich gerade in seinem Tätigwerden für die Menschen, in seiner Menschwerdung und seiner Erlösung des Menschen.

"Gotteserkenntnis und Selbsterkenntnis"
(Ausschnitt aus: Institutio I, 1, 1-2)

All unsere Weisheit, sofern sie wirklich den Namen Weisheit verdient und wahr und zuverlässig ist, umfasst im Grunde eigentlich zweierlei: Die Erkenntnis Gottes und unsere Selbsterkenntnis. Diese beiden aber hängen vielfältig zusammen, und darum ist es nun doch nicht so einfach zu sagen, welche denn an erster Stelle steht und die andere aus sich heraus bewirkt.
Es kann nämlich erstens kein Mensch sich selbst betrachten, ohne zugleich seine Sinne darauf zu richten, Gott anzuschauen, in dem er doch "lebt und webt" (Apg. 17, 28). Denn all die Gaben, die unseren Besitz ausmachen, haben wir ja offenkundig gar nicht von uns selber. Ja, selbst unser Dasein als Menschen besteht doch nur darin, dass wir unser Wesen in dem einigen Gott haben. Und zweitens kommen ja diese Gaben wie Regentropfen vom Himmel zu uns hernieder, und sie leiten uns wie Bächlein zur Quelle hin.
Noch viel deutlicher aber wird gerade in unserer Armut der unermessliche Reichtum aller Güter erkennbar, der in Gott wohnt. Besonders zwingt uns der jämmerliche Zerfall, in den uns der Abfall des ersten Menschen hineingestürzt hat, unsere Augen emporzurichten: hungrig und verschmachtend sollen wir von Gott erflehen, was uns fehlt, aber zugleich auch in Furcht und Erschrecken lernen, demütig zu sein. ... Wir empfinden unsere Unwissenheit, Eitelkeit, Armut, Schwachheit, unsere Bosheit und Verderbnis - und so kommen wir zu der Erkenntnis, dass nur im dem Herrn das wahre Licht der Weisheit, wirkliche Kraft und Tugend, unermesslicher Reichtum an allem Gut und reine Gerechtigkeit zu finden ist. So bringt uns gerade unser Elend dahin, Gottes Güter zu betrachten, und wir kommen erst dann dazu, uns ernstlich nach ihm auszustrecken, wenn wir angefangen haben, uns selber zu missfallen. Denn (von Natur) hat jeder Mensch viel mehr Freude daran, sich auf sich selber zu verlassen, und das gelingt ihm auch durchaus - solange er sich selber noch nicht kennt, also mit seinen Fähigkeiten zufrieden ist und nichts von seinem Elende weiß oder wissen will. Wer sich also selbst erkennt, der wird dadurch nicht nur angeregt, Gott zu suchen, sondern gewissermaßen mit der Hand geleitet, ihn zu finden. Aber andererseits kann der Mensch auf keinen Fall dazu kommen, sich selbst wahrhaft zu erkennen, wenn er nicht zuvor Gottes Angesicht geschaut hat und dann von dieser Schau aus dazu übergeht, sich selbst anzusehen. Denn uns ist ja ein mächtiger Hochmut geradezu angeboren, und darum kommen wir uns stets durchaus untadlig, weise und heilig vor, wenn uns nicht handgreifliche Beweise unsere Ungerechtigkeit, Beflecktheit, Torheit und Unreinheit vor Augen halten und uns so überführen. Dazu kommt es aber gar nicht, wenn wir bloß auf uns selber sehen und nicht zugleich auf den Herrn; denn er ist doch die einzige Richtschnur, nach der solch ein Urteil (über uns selbst) erfolgen kann. Wir sind ja von Natur alle zur Heuchelei geneigt, und so befriedigt uns schon irgendein leerer Schein von Gerechtigkeit ebensosehr, wie es die Gerechtigkeit selber nur könnte."

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Fragen zur Weiterarbeit

1. Was versteht Calvin unter Weisheit?

2. Worin besteht die Selbsterkenntnis nach Calvin?

3. Worin besteht die Gotteserkenntnis nach Calvin?

4. Wie hängen Gottes- und Selbsterkenntnis zusammen: Was steht am Anfang, was kommt als Zweites?

 

Calvins uns heute zu Recht problematische sogenannte doppelte Prädestinationslehre ist von seinem Interesse für die Erlösung und für die Gewissheit der Erlösung her zu verstehen. Nicht das menschliche Vertrauen ist entscheidend für das Heil, weil dann der Mensch immer wieder auf seinen Glauben schauen und sich über dessen Qualität Gedanken machen würde: Gott allein ist es, der erwählt und verwirft. Die Prädestinationslehre wahrt also die Alleinwirksamkeit Gottes in den Angelegenheiten des Heils und des Glaubens.
Es ist derselbe Gott, der im Alten und im Neuen Testament bezeugt wird. Es ist deshalb auch kein prinzipieller Unterschied zwischen beiden Teilen der Bibel zu machen. Vielmehr ist das, was im Alten Testament verheißen ist, im Neuen Testament bereits Wirklichkeit. Im Alten Testament ist das Evangelium schattenhaft da, im Neuen Testament ist das Licht selber präsent. Insofern gehen die Ähnlichkeiten weit, ohne dass Unterschiede verleugnet werden. Denn es ist der eine Bund Gottes mit den Menschen, der in der ganzen Bibel bekundet wird.
Auch aus diesem Grund ist für Calvin das Gesetz nicht in erster Linie für die Sündenerkenntnis da (so bei Luther), sondern der eigentliche Sinn des Gesetzes ist es, das Leben nach den Geboten Gottes auszurichten. Und das gilt im Alten wie im Neuen Testament. Zwar erkennen wir an den Geboten auch unsere Sündhaftigkeit; das aber hebt ihre eigentliche Zielrichtung nicht auf, dass sie uns den guten Willen Gottes zeigen.

Das Verständnis des Gesetzes
(Ausschnitt aus: Institutio II,7,12)

"Die dritte Anwendung des Gesetzes ist nun die wichtigste und bezieht sich näher auf seinen eigentlichen Zweck: Sie geschieht an den Gläubigen, in deren Herz Gottes Geist bereits zu Wirkung und Herrschaft gelangt ist. Ihnen ist zwar mit Gottes Finger das Gesetz ins Herz geschrieben, ja eingemeißelt; das bedeutet: sie sind durch die Leitung des Geistes innerlich so gesinnt und gewillt, dass sie Gott gern gehorchen möchten. Aber trotzdem haben sie noch einen doppelten Nutzen vom Gesetz.
Denn es ist (1.) für sie das beste Werkzeug, durch das sie von Tag zu Tag besser lernen, was des Herrn Wille sei, nach dem sie ja verlangen, und durch das sie auch in solcher Erkenntnis gefestigt werden sollen. Wenn ein Knecht auch noch so sehr von ganzem Herzen danach trachtet, sich bei seinem Herrn recht zu bewähren, so hat er doch noch immer nötig, die Eigenart seines Herrn genauer zu erforschen und zu beachten, der er sich ja recht anpassen will. So ist es auch bei den Gläubigen. Von dieser Notwendigkeit kann sich niemand von uns freimachen; denn keiner ist schon so weit in der Weisheit vorgedrungen, dass er nicht durch die tagtägliche Erziehungsarbeit des Gesetzes neue Fortschritte zur reineren Erkenntnis des Willens Gottes machen könnte.
Wir bedürfen aber nichts nur der Belehrung, sondern auch (2.) der Ermahnung; und auch den Nutzen wird der Knecht Gottes aus dem Gesetze ziehen, dass er durch dessen häufige Betrachtung zum Gehorsam angetrieben, in ihm gestärkt und vor dem schlüpfrigen Weg der Sünde und des Ungehorsams weggezogen wird. Eines solchen Antriebs bedürfen die Heiligen durchaus; denn sie mögen zwar nach dem Geiste mit noch solchem Eifer nach der Gerechtigkeit Gottes sich ausstrecken - es belastet sie doch noch immer die Trägheit des Fleisches, so dass sie nicht mit der erforderlichen freudigen Bereitwilligkeit ihren Weg gehen!"

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Fragen zur Weiterarbeit

1. Wem gilt das Gesetz in seiner wichtigsten Anwendung?

2. Was ist der eigentliche Zweck des Gesetzes?

3. Worin besteht die Belehrung des Gesetzes?

4. Worin besteht die Ermahnung des Gesetzes?

 

Im Mittelpunkt des Sakramentsverständnisses bei Calvin steht der Begriff der Verheißung. Es sind nicht die Elemente als solche, die das Heil mit sich bringen. So wird etwa beim Abendmahl mit den Elementen das Verheißungswort laut, und so dient die Feier der Gewisswerdung des Glaubens und somit der Stärkung der Glaubenden. Verheißen wird in der Feier der Heilige Geist, der Gottes Verheißungen in den Herzen der Menschen "versiegelt". Im Genfer Katechismus, der in Frage- und Antwortform aufgebaut ist, formuliert Calvin: "Die Kraft und die Wirksamkeit der Sakramente ist also nach deiner Überzeugung nicht in ein äußerliches Element eingeschlossen, sondern geht ganz vom Geiste Gottes aus? Jawohl. Gott will seine Kraft durch seine Heilsmittel, die er zu diesem Zweck bestimmt hat, offenbaren. Dies tut er so, dass er seinem Geiste nichts von dessen Bedeutung nimmt."