7. Ungarn

Grosse Kirche von Debrecen

Nach Ungarn wurde die Reformation wohl schon um 1520 herum vor allem durch Studenten vermittelt, die an westeuropäischen Universitäten studiert hatten. Ab 1526 war Ungarn von der Türkenherrschaft bestimmt; in ihrer Folge ergab sich eine Dreiteilung des Landes: der Westen wurde habsburgisch, der mittlere Teil türkisch, Siebenbürgen blieb zunächst selbständig, wurde dann aber türkisches Protektorat. Diese weiten Teilen der ungarischen Bevölkerung kaum verständliche Fremdherrschaft wurde von den in Ungarn tätigen Reformatoren dahingehend aufgegriffen, dass sie sie als Folge der verderbten Zustände auch in der Kirche sehen; sie riefen deshalb zur Umkehr auf. Ihre Predigt hatte Erfolg. Nach lutherischen Anfängen gewinnt die reformierte Richtung ab den vierziger Jahren des 16. Jahrhunderts großen Einfluss; hier sind vor allem Mihály Sztárai (+ 1578) und István Szegedi Kis (1506-1572) zu nennen, die als Prediger auftraten. 1567 trat in Debrecen die erste Synode zusammen und nahm das „Zweite Helvetische Bekenntnis“ (Confessio Helvetica Posterior) an (vgl. Lektion 6). Allerdings wurde keine einheitliche Kirche geschaffen, weil sie in verschiedenen Territorien existierte. Im 17. Jahrhundert erwuchs in Ungarn eine bis in die Gegenwart hinein bedeutsame puritanische Frömmigkeitsbewegung als Reaktion auf die erstarrende Orthodoxie: sie betonte vor allem die „praxis pietatis“ im Alltag. In den Habsburger Landesteilen wütete ab 1671 die Gegenreformation – mehr als 40 Pfarrer und Lehrer, die nicht zur Konversion bereit waren, wurden zur Galeerensklaverei verurteilt. Ende des siebzehnten Jahrhunderts eroberte Habsburg den türkischen Mittelteil Ungarns und setzt hier auch gegenreformatorische Pressionen gegen die Evangelischen durch. Von 1711 bis 1718 verbesserte sich die Lage insofern, als dass die blutige zur unblutigen Gegenreformation wird. Die Konsequenzen der Gegenreformation für die reformierte Kirche Ungarns, zu der Ende des 16. Jahrhunderts die Mehrheit der Bevölkerung gehörte, bestanden darin, dass sie bis zum Ende des 18. Jahrhunderts stark dezimiert wurde. In Folge des „Toleranzpatents“ des Habsburger Kaisers Josef II. von 1781 bekam die reformierte Kirche äußere Freiheit. Erste organisatorische Strukturen für ganz Ungarn wurden ins Auge gefasst, auch wurden viele neue Bethäuser gebaut. 1881 wurde auf der Generalsynode von Debrecen die Reformierte Kirche von Ungarn offiziell geschaffen. Allerdings ging diese äußere Erstarkung und Selbstständigkeit mit einer im Zusammenhang des Liberalismus stattfindenden inneren Entleerung einher. Erst nach dem Ersten Weltkrieg begann eine Phase der Neuorientierung. Die Kirchenleitung selbst suchte ihren staatlichen Einfluss durch große Nähe zu nationalistischen Positionen zu stärken; so war sie kaum in der Lage, Kritik an der faschistenfreundlichen Politik der ungarischen Regierung während des Zweiten Weltkriegs zu äußern. Auch in der Zeit nach 1945 gab es zuweilen eine problematische Nähe zum nunmehr sozialistischen Staat.
Heute leben nach synodal-presbyterialem Prinzip in vier Kirchendistrikten in Ungarn ca. 2 Millionen Reformierte; die reformierte Kirche besitzt zwei Fakultäten in Budapest und Debrecen.