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Lektion 4
Die reformierte Konfessionalisierung in Deutschland
und Oberdeutschland
(Druckversion) (Forum
zum Grundkurs)
- Einführung
- Martin Bucer und Straßburg
- Johannes a Lasco und Ostfriesland
- Grafschaft Bentheim, Steinfurt und Tecklenburg
- Lingen
- Lippe
- Rheinland und Niederrhein
- Der Wetterauer Grafenverein (Wittgenstein, Nassau-Dillenburg-Siegen, Wied)
- Hessen-Kassel
- Kurpfalz und Baden
- Ostdeutschland
- Hugenotten in Deutschland
- Literatur
3. Johannes a Lasco und Ostfriesland
Schon um 1520 zeigen sich, u.a. von der "Devotio moderna" beeinflußt,
reformatorische Aktivitäten in Ostfriesland. Unterstützung
erhalten die reformatorisch Gesonnenen in den größeren Orten
(Emden, Norden, Aurich und Leer) und durch einzelne Angehörige des
Häuptlingsadels (Häuptlinge wurden die Fürsten in Ostfriesland
genannt). Vor allem Ulrich von Dornum sorgt durch die Veranstaltung des "Oldersumer
Religionsgesprächs" 1526 für eine Auseinandersetzung zwischen
reformatorischen Ansätzen und der römisch-katholischen Theologie
(Themen sind die Mittlerschaft Christi, die Funktion Marias und die Rechtfertigungslehre)
und auch für eine Profilierung evangelischer Positionen in Ostfriesland.
Auffallend ist, daß die reformatorischen Positionen in Ostfriesland
zunächst eher an Zwingli erinnern, Luther hingegen wird besonders
hinsichtlich der Lehre von der Kirche als unzureichend empfunden.
Im Jahre 1528 entsteht das "Prädikantenbekenntnis" in
dem den Sakramenten abgesprochen wird, daß sie heilsvermittelnd
seien - damit wenden sich die Verfasser gegen Luther, dem sie mangelnde
Konsequenz vorwerfen.
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Aus dem Bekenntnis der ostfriesischen Prädikanten
von 1528
Der 30. Artikel
Viel weniger schenkt das Abendmahl des Herrn einem Christen die
Gewißheit, daß er ein Christenmensch sei und den
Glauben habe; vielmehr muß er, bevor er zum Abendmahl geht,
Gewißheit haben, sonst wäre er ein Betrüger oder
ein Spötter.
Der 31. Artikel
Wer nicht geistlich durch den Glauben Fleisch und Blut Christi
ißt und trinkt, das heißt, wer an Christus nicht
gesättigt ist und genug zur Seligkeit hat, der ißt
und trinkt das Brot und den Kelch des Herrn, die Gedenkzeichen
seines Fleisches und Blutes, zu seiner eigenen Verdammnis.
Der 32. Artikel
Willst Du armer Mensch da noch zuerst Versicherung und Vertröstung
holen, so hast Du noch keinen Glauben, welcher die Gewißheit
selber ist. Hast Du dann keinen Glauben, so ißt und trinkst
du auch nicht das Fleisch und Blut Christi, so nimmst du auch das äußere
Zeichen zu deiner Verdammnis wie ein Spötter. Es verachten
die das Sakrament am meisten, die vorgeben, daß sie am meisten
davon halten.
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Fragen zur Weiterarbeit
1. Welche Größen werden hier gegenübergestellt?
2. Was darf nur der Glaube geben, nicht aber das Abendmahl?
3. Was ist das Abendmahl dann?
4. Gegen wen könnten sich diese Sätze richten?
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Das führt innerhalb Ostfrieslands zu Konflikten zwischen dem Landesherrn
Enno II., der aus politischer Rücksichtnahme lutherischen Positionen
den Vorzug gab, und den nicht-lutherischen Kreisen, die man "reformiert" zu
diesem Zeitpunkt noch nicht nennen kann. 1540 übernimmt Gräfin
Anna die Regierungsgeschäfte. Zu der Zeit ist deutlich, daß sich
in Ostfriesland zwei nebeneinander existierende reformatorische Linien
gebildet haben: die lutherische und die andere, die später reformiert
genannt werden wird. Im gleichen Jahr 1540 war Johannes a Lasco (1499-1560)
nach Emden gekommen. Er stammte aus dem polnischer Hochadel, war Schüler
von Erasmus von Rotterdam und theologisch aus Straßburg und Zürich
geprägt. Diesen humanistischen evangelischen Ausländer beruft
Gräfin Anna 1542 zum Superintendenten für alle Evangelischen
in Ostfriesland. Er gründet den "Coetus" in Emden, eine
wöchentliche Zusammenkunft aller ostfriesischen Prediger, und außerdem
den Emder Kirchenrat. Er sorgt für die teilweise Entfernung der
Bilder aus den Kirchen und bewirkt weitere kirchliche Reformen. Sein
Hauptanliegen ist es, eine gemeinsame Lehre in Ostfriesland herbeizuführen,
u.a. durch den von ihm zusammen mit seinen Kollegen verfaßten Emder
Katechismus von 1546. Aber es regt sich gegen a Lasco Widerstand: aus
den umliegenden Gemeinden, weil ihnen manches zu radikal, und aus den
lutherisch geprägten Gemeinden, denen a Lasco zu reformiert ist.
1549 wird a Lasco auf Betreiben von Graf Johann abgesetzt. A Lasco geht
nach London und wird Pastor der aus den Niederlanden geflohenen Reformierten.
Von dort vertrieben kehrt er mit seiner Gemeinde 1553 zurück, ohne
in seine alte Stellung wieder eingesetzt zu werden, und erarbeitet u.a.
zusammen mit dem Prediger Gellius Faber, der theologisch stärker
zu Calvin tendiert, den 1554 erscheinenden Kleinen Emder Katechismus
- dieser ist in Ostfriesland bis 1888 in Gebrauch. 1555 wird a Lasco
endgültig des Landes verwiesen, weil er sich aus der Sicht der Regierenden
als zu kompromißlos zeigt. Über Frankfurt geht a Lasco nach
Polen zurück, wo er ergebnislos die zerstrittenen polnischen Evangelischen
zu einen versucht. 1560 verstirbt a Lasco.
1571 findet in Emden die Synode der Niederländischen reformierten
Kirche statt - außerhalb des Territoriums der Niederlande aufgrund
der dort stattfindenden auch blutigen Verfolgung der Reformierten, allerdings
ohne Beteiligung ostfriesischer Gemeinden.
Die beiden evangelischen Konfessionen in Ostfriesland driften in der
zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts auseinander. Seit 1575 ist der
stark von Calvin beeinflußte Menso Alting Pastor in Emden, er organisiert
mit seiner Coetusordnung von 1576 die ostfriesischen Gemeinden in reformiertem
Sinne, unterstützt von Graf Johann. Gegen den Widerstand von dessen
lutherischem Bruder Edzard II. erlangen die Emder Bürger in der
Emder Revolution von 1595 die Sonderstellung Emdens als freie Stadt.
1599 entsteht das Emder Konkordat, in dem ausdrücklich das Nebeneinander
von reformierter und lutherischer Konfession in Ostfriesland geregelt
wird: es gibt in jedem Ort nur eine Kirche (entweder lutherisch oder
reformiert), sowohl Lutheraner wie auch Reformierte gehören in diesem
Ort dieser Gemeinde an und behalten ihren eigenen Konfessionsstand (= "ostfriesisches
Sonderrecht"). In den größeren Orten Emden, Leer und
Aurich wird das zwar nach einer Weile gebrochen, in den Dörfern
besteht diese Regelung zum Teil noch bis heute.
In den meisten reformierten Gemeinden setzt sich bis ins 17. Jahrhundert
ein eher strenger orthodoxer Calvinismus durch. Dieser wird an manchen
Orten durch pietistische Strömungen abgelöst. Die bis heute
bekannte "Abendmahlsscheu" (d.h. nur sehr wenige gehen zum
Abendmahl, weil sie fürchten, nicht würdig genug zu sein) geht
auf diesen pietistischen Einfluß zurück. Die Kirchensprache
ist bis ins 19. Jahrhundert hinein Niederländisch.
Eine unschätzbare Quelle für die Kenntnis der Entwicklung der
reformierten Konfession in Emden und Umgebung sind die einzigartigen
Emder Kirchenratsprotokolle, die (von Jan Weerda herausgegeben) auch
in gedruckter Form vorliegen.
Die Große Kirche in Emden ist im zweiten Weltkrieg zerstört
worden und ist heute nach Restaurierung als Johannes-a-Lasco-Bibliothek
Forschungsstätte für den reformierten Protestantismus und Ort
für vielfältige Veranstaltungen.
Die reformierten Gemeinden in Ostfriesland gehören heute zur "Evangelisch-reformierten
Kirche. Synode ev.-ref. Kirchen in Bayern und Nordwestdeutschland".
Der Dienstsitz des Synodalrates befindet sich im ostfriesischen Leer.
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